Es wird Winter in Afghanistan

  • Erst kamen die Taliban, jetzt kommt der Hunger. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor der nächsten humanitären Katastrophe in Afghanistan.
  • Währenddessen warten immer noch Tausende schutzbedürftige Menschen auf ihre Ausreise.
  • In Deutschland stellt man sich vor dem Winter eine ganz andere Frage.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

der Hilferuf der Vereinten Nationen, der uns Anfang dieser Woche über die Nachrichten­agenturen erreichte, hätte dringender kaum sein können: „Es geht um Leben und Tod. Wir können nicht warten und zusehen, wie sich humanitäre Katastrophen vor unseren Augen entfalten – das ist inakzeptabel“, kommentierte Qu Dongyu, Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschafts­organisation der Vereinten Nationen, die drohende Hungersnot in Afghanistan. Rund 22,8 Millionen Menschen in dem 37 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Land am Hindukusch werden im November nicht mehr genug zu essen haben. Wer noch nicht vor den Taliban geflohen ist, den wird der Hunger dazu zwingen.

In Afghanistan droht eine Hungersnot: Mütter und Kinder warten in einer vom Welternährungsprogramm WFP und UNICEF betriebenen Ernährungsklinik in der Nähe eines Vertriebenenlagers am Stadtrand von Herat. © Quelle: Marco Di Lauro/World Food Progra

Dabei ist es gerade einmal zwei Monate her, dass wir wie gebannt auf die Bilder starrten, die uns täglich aus Afghanistan erreichten. Da waren Menschen zu sehen, die sich in ihrer Angst vor den Taliban an Flugzeuge klammerten. Nato-Soldaten, die auf ihren Evakuierungs­flügen versuchten, zu retten, was zu retten ist. Jetzt wird es Winter in Afghanistan und es kommen neue Bilder dazu. Denn der Hunger hat die Städte erreicht und dort regt sich Protest. Auf Facebook wurde in den vergangenen Tagen ein Video geteilt, das Kinder zeigt, die in einem Grab liegen. Man sieht, wie jemand Erde auf die Jungen schaufelt. „Wir trinken seit einer Woche nur Wasser. Wir haben beschlossen, uns lebendig zu begraben“, lautet der Kommentar dazu.

Für die Mehrheit der Menschen in Afghanistan ist der einsetzende Winter nur noch eine weitere Bedrohung. Denn noch immer warten Tausende Ortskräfte, Menschenrechts­aktivisten und Journalisten auf ihre Ausreise. Sami zum Beispiel, dessen Geschichte mein Kollege Thorsten Fuchs aufgeschrieben hat.

Ausreise? Sami verlässt nicht einmal sein Haus

Sami, dessen richtigen Namen wir nicht nennen dürfen, schaffte es nicht in einen der Evakuierungsflüge im August. Aber sein Name steht auf einer der berühmten Rettungslisten. Für Sami, berichtet mein Kollege, zählt in Afghanistan gerade jede Sekunde. Seit Wochen hat er sein Haus nicht verlassen, aus Angst, den Taliban in die Arme zu laufen. Und da beginnt das größte Problem für Menschen wie den ehemaligen afghanischen Zöllner.

Wie soll man nach Deutschland kommen, wenn die Fluchtwege praktisch geschlossen sind? Noch Anfang Oktober versprach Außenminister Heiko Maas, dass Menschen, die mit einer Aufnahmezusage Pakistan oder ein anderes Nachbarland Afghanistans erreichen, in den dortigen deutschen Botschaften „ohne Verzögerung“ ein Visum erhielten. Das heißt: Bei der Ausreise kann Deutschland derzeit nicht helfen. Und bei der Einreise in eines der rettenden Nachbarländer Afghanistans auch nicht.

Gerade einmal 100 Schutzsuchenden, schreibt Fuchs, sei laut Auswärtigem Amt bislang die Ausreise auf eigene Faust gelungen. Und der Winter ist noch nicht einmal richtig da.

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Der Winterbooster

Der Winter in Deutschland hingegen wird erneut von der Pandemie geprägt sein. Die Inzidenz hat die 100er-Marke mal wieder überschritten – und für viele Geimpfte wird der Booster fällig. Immerhin können sich in Deutschland mittlerweile alle über 70-Jährigen die dritte schützende Spritze verabreichen lassen. Doch wie schon Impfkampagne Nummer eins verläuft auch die Drittimpfung bisher eher schleppend.

Mein Kollege Tim Szent-Ivanyi hat sich bei Gesundheits­experten sowie Ärztinnen und Ärzten und Pflegeverbänden umgehört. Die einhellige Meinung: Die Auffrischimpfungen für ältere Menschen würden schlecht organisiert und nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt, schreibt er.

Vor allem die Kassenärzte üben Kritik: „Die Praxen stehen bereit, alle Menschen, für die die Stiko eine Auffrischimpfung empfiehlt, so schnell wie möglich zu impfen“, sagt beispielsweise der Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stephan Hofmeister. Jedoch hätten die Ärztinnen und Ärzte „weder die Zeit noch die Mittel, sich darum zu kümmern, dass die Betroffenen in die Praxen kommen“.

Hätten wir die Impfzentren, die nicht nur vorbildlich bürokratisch jeden Piks ans RKI meldeten, sondern auch sonst keine anderen Sorgen hatten, als den schützenden Stoff zu den Menschen zu bringen, weniger voreilig schließen sollen? Nein, meint mein Kollege Szent-Ivanyi: „Für die anstehenden Boosterimpfungen sind die im Betrieb teuren Impfzentren überdimensioniert und nicht geeignet. Sie zu schließen war eine richtige Entscheidung der Politik.“ Nötig sei vielmehr ein abgestimmtes, konsequentes Vorgehen. Eine richtige Kampagne also. Damit Staat und Gesellschaft nicht wieder versagen, „die älteren Menschen ausreichend zu schützen“.

Zitat des Tages

Wir sind nicht hier, um einander ­persönlich zu ­bekriegen.

Bärbel Bas, Bundestagspräsidentin, in der konstituierenden Sitzung des Parlaments

Leseempfehlungen

In Hamburg liefert sich die Polizei seit Tagen ein kurioses Katz-und-Maus-Spiel mit munteren Plakat­malern. Der Streitpunkt: das sogenannte Pimmelgate um Innen­senator Andy Grote. Der Ursprung des Problems führt aber zurück in den Juni des vergangenen Jahres. Die Chronologie einer Realsatire.

Der Schutz der Corona-Impfungen lässt mit der Zeit nach. Die Ständige Impfkommission empfiehlt deshalb Auffrischungs­impfungen – aber nur für bestimmte Personengruppen wie etwa über 70-Jährige. Was heißt das für jüngere Menschen?

Aus unserem Netzwerk

Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter des Ifo-Instituts in Dresden, warnt vor einem vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030. Der Kohlestrom werde noch „für geraume Zeit“ gebraucht. Außerdem könnten vor allem in der Lausitz in der Kürze der Zeit keine entsprechenden Ersatz­arbeitsplätze geschaffen werden, sagt er der „Leipziger Volkszeitung“ aus unserem Netzwerk.

Termine des Tages

11 Uhr: Nochwirtschafts­minister Peter Altmaier blickt in einer Pressekonferenz auf die Konjunkturprognose für den Herbst. Führende Forschungs­institute hatten die Erwartungen für Wachstum bereits heruntergeschraubt – vor allem wegen der Belastungen durch Lieferengpässe.

12 Uhr: Im nordrhein-westfälischen Landtag soll heute ein neuer Ministerpräsident gewählt werden. Rund sieben Monate vor den Landtagswahlen könnte Hendrik Wüst (CDU) der Nachfolger von Armin Laschet werden. Die Abstimmung wird mit Spannung erwartet, denn Schwarz-Gelb hat nur eine Stimme Mehrheit im Landtag.

Am Abend geht es um den Einzug in das Achtelfinale des DFB-Pokals. Während die ersten Partien bereits um 18.30 Uhr beginnen, steht das sportliche Highlight für viele um 20.45 Uhr an. Dann treffen die Bundesligisten Borussia Mönchen­gladbach und FC Bayern München aufeinander.

Wer heute wichtig wird

In London startet heute um 11.30 Uhr die nächste Runde im Rechtsstreit über eine mögliche Auslieferung von Julian Assange. Die USA fechten die bisherige Entscheidung des Royal Courts of Justice an und fordern weiter die Auslieferung des Wikileaks-Gründers. Dort droht Assange eine Haftstrafe von bis zu 175 Jahren. © Quelle: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

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