Es mangelt nicht an Corona-Regeln, sondern an einem Plan B

  • Die Bundesregierung wünscht sich einen längeren Lockdown mit härteren Maßnahmen – obwohl man viele kaum kontrollieren und durchsetzen kann.
  • Doch auch mit symbolischen Verboten sollte die Politik jetzt sorgsamer umgehen.
  • Vor allem das Ungleichgewicht zwischen Auflagen für Privat- und Berufsleben darf nicht so groß bleiben, kommentiert Steven Geyer.
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Berlin. Davon träumt der Gastronom: Der Bundespräsident wendet sich mit einem Appell an Vernunft und Verantwortungsbewusstsein ans Volk. „Niemand isst gern ein hastig geschmiertes Butterbrot zu Mittag oder trinkt das Feierabendbier zu Hause“, könnte er sagen. „Aber versuchen Sie doch bitte, Ihre Restaurant- und Kneipenbesuche so weit wie möglich einzuschränken. Das ist nicht immer ideal, aber es schützt vor Ansteckung.“

Ein Traum für Gaststättenbetreiber ist das deshalb, weil sie seit Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland immer wieder und trotz aller Hygienekonzepte von Landes- und Bundesregierungen geschlossen werden. Appelle an die Gäste? Angesichts der Corona-Zahlen nicht dran zu denken!

Ähnlich geht es Eltern, die ihre Kinder zu Hause beschulen und betreuen und keineswegs selbst darüber entscheiden können, ob sie Wechselunterricht mit Maske und Abstand besser gefunden hätten.

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Büros und Behörden werden verschont

Nur die Unternehmen werden verschont. Wohlgemerkt, nicht die im produzierenden Gewerbe, in Lebensmittelhandel und Lieferung oder auf dem Bau. Denen bleibt ja keine andere Wahl, als Angestellte täglich vor Ort arbeiten zu lassen – teils an vorderster Front im Infektionsgeschehen.

Es gibt aber auch unzählige Bürojobs, die sich genauso gut von zu Hause aus erledigen lassen – und laut Umfragen im ersten Corona-Lockdown auch doppelt so häufig von da erledigt wurden –, für die inzwischen aber noch Tausende Menschen in Deutschland in vollen Bussen und Bahnen anreisen, um Kollegen in Teeküchen und Raucherpausen zu treffen und vorm Computer im Großraumbüro zu sitzen, dessen Hygieneregeln kein Ordnungsamt kontrolliert.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Vorstellung seines gemeinsamen Appells für mehr Homeoffice mit den Chefs von Arbeitgeberverband und Gewerkschaftsbund. © Quelle: imago images/Political-Moments
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Bei der jüngsten Ministerpräsidentenkonferenz beließ es die Kanzlerin trotz all der Pflichten und Verbote fürs Privatleben bei einem Appell an die Arbeitgeber, „großzügige Homeofficemöglichkeiten zu schaffen“.

Wie erfolgreich der Appell war, zeigt sich daran, dass keine zwei Wochen später der Bundespräsident nachlegen musste: Da er aber per se nur die Macht des Wortes hat, konnte auch Frank-Walter Steinmeier nur den Appell verdreifachen – indem er auch die Spitzen von Arbeitgeber und Gewerkschaften mitappellieren ließ.

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Sein Aufruf ans Gewissen der Firmenchefs und Angestellten, vermeidbare Berufs- und Wegekontakte angesichts der Rekordzahl an Corona-Toten nun aber bitte wirklich zu vermeiden, kam prompt parallel zu den Meldungen, was sich das Kanzleramt für neue Auflagenverschärfungen wünscht: Angeblich hält man es da für nötig, Privatbesuche nur noch durch ein und dieselbe Person zu ermöglichen und denkt über nächtliche Ausgangssperren nach.

Angst und Disziplin schrumpfen

Zwar kann all das längst niemand mehr kontrollieren und durchsetzen. Aber selbst mit symbolischen Verboten sollte die Bundesregierung allmählich sorgsamer umgehen: Das Ungleichgewicht zwischen Einschränkung des Privatlebens, vor allem bei Kindern, und der Kulanz gegenüber der Wirtschaft ist frappierend.

Zwar darf wegen Corona nicht die ganze Wirtschaft ruiniert werden. Aber das Beispiel Homeoffice zeigt, dass nicht überall Schaden droht, wo auch für Unternehmen die Auflagen schärfer werden.

Noch sind die Bürger offenbar bereit, selbst die Widersprüche der verschärften Regeln zu akzeptieren, gerade angesichts der Überlastung von Kliniken und Krematorien. Doch wie lange kann das gehen? Noch immer hat Deutschland kein Pandemiekonzept jenseits des Dreiklangs aus wiederkehrenden Lockdowns, milliardenschweren Staatshilfen und dem Prinzip Hoffnung: auf den Impfstoff.

Doch gerade die wachsende Angst vor der grassierenden Corona-Mutation sollte ein erneuter Weckruf sein: Nicht unbedingt dafür, immer neue unkontrollierbare Lockdownverschärfungen zu beschließen. Sondern dafür, endlich einen Plan B zu entwickeln – für den Fall, dass die Immunisierung der Bevölkerung doch nicht so schnell erreicht werden kann wie erhofft.

Dann sind Angst, Disziplin, Verständnis und Geld irgendwann aufgebraucht, und nötig sind Wege, wie das Land und vor allem das Gesundheitswesen und die Risikogruppen mit dem Virus zurechtkommen können.

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