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Es lebe die Nachbarschaft! Die Coronakrise stärkt Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit

  • In der Krise zeigt sich, wie wichtig Zusammenhalt ist.
  • Twitter wird zur Hilfsbörse. Überall zeigen sich kleine Wunder.
  • Das Coronavirus schwächt vielleicht das Immunsystem – aber es stärkt die Gemeinschaft, findet Imre Grimm in Folge 59 seiner RND-Kolumne.
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In der Krise beweist sich der Charakter. Das hat Helmut Schmidt gesagt, ganz trocken und hanseatisch, selbst ein zupackender Krisenmanager. Während der großen Sturmflut in Hamburg blieb er der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Und im Deutschen Herbst 1977 wurde er zur Ikone eines Verantwortungsträgers, der in Ausnahmesituationen das Richtige tut (auch wenn das damals hätte schiefgehen können).

Doch die Erkenntnis, dass Notsituationen auf den menschlichen Charakter wie ein Wahrheitsserum wirken, ist viel älter als Helmut Schmidt. Gute Menschen werden besser, schlechte Menschen werden schlechter, heißt es. Der wahre Charakter zeige sich erst, wenn ein Mensch das, was er will, nicht bekommt. Schon der griechische Philosoph Plutarch schrieb vor knapp 2000 Jahren: “Es ist schlimm, erst dann zu merken, dass man keine Freunde hat, wenn man Freunde nötig hat."

Die Welt ist plötzlich voll von tröstlichen kleinen Wundern

Sorry, Plutarch. Aber ich erlebe in der Nachbarschaft gerade genau das Gegenteil. Die Welt ist plötzlich voll von tröstlichen kleinen Wundern.

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Ja, es gibt die Coronaegoisten. Sie klauen Desinfektionsmittel von Kinderkrebsstationen. Sie verhökern Mundschutz zu Mondpreisen. Sie wuchten 100 Kilo Nudeln in ihre Kofferräume, als gebe es kein Morgen. Aber sie sind, so scheint es, die Ausnahme. In der großen Mehrheit bringt das Coronavirus das Gute im Menschen zum Vorschein.

Eine Renaissance der Menschlichkeit

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Bewohner solidarisieren sich. Nachbarn treffen sich abends, um die Kinderbetreuung der nächsten Tage zu organisieren. Wer kann helfen? Wer hat Zeit? Wer hat eine Idee? Whatsapp-Gruppen sind voller Hilfsangebote. Twitter wird zum Marktplatz für schnelle Lösungen. Der Hashtag #NachbarschaftsChallenge breitet sich aus. “Irgendwie grüßt man sich auch anders”, sagt eine Nachbarin.

Menschen klingeln bei der älteren Dame im Erdgeschoss, einfach um zu fragen, ob sie etwas vom Supermarkt mitbringen sollen. Kinder rufen mal wieder ihre alten Eltern an. Familien erinnern sich daran, dass sie eine sind. Not schweißt zusammen.

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Und plötzlich zeigt sich, dass Krisenzeiten auch ihr Gutes haben. Das nicht zwingend Ichsucht und Rücksichtslosigkeit das Regiment übernehmen müssen, wenn es mal hart auf hart kommt, sondern dass sich der tief in uns angelegte Wunsch Bahn bricht, uns selbst durch tätiges Helfen die eigene Menschlichkeit zu beweisen.

Und sei es mit einem live gestreamten Konzert im Netz wie der Pianist Igor Levit – einfach zur gegenseitigen Erbauung und Tröstung:

Es sieht ganz so aus, als seien die viel geteilten Videos der Italiener, die in den Häuserschluchten ihrer Städte zur emotionalen Stärkung Volkslieder und Opernchöre singen, eben kein seltenes Beispiel für die einigende Kraft eines gemeinsamen Gegners, sondern ein prototypisches Beispiel für das, was plötzlich möglich scheint.

Italiener singen nicht nur – sondern applaudieren auf Balkonen ihrer Wohnungen in der Innenstadt von Rom auch vorbeifahrenden Einsatzfahrzeugen, Ärzten und Sanitätern. Rom ist überall.

“Die Nudeln sind irgendwann aufgegessen, die Werte bleiben”

“Die Nudeln sind irgendwann aufgegessen, aber die Werte, für die wir in der Gemeinschaft kämpfen, die bleiben”, sagte der Psychotherapeut Jan Kalbitzer in der “F.A.Z.”. Corona ermöglicht eine Rückbesinnung auf diese Werte.

Am Ende hätte das Virus neben all dem Schrecklichen auch ein Gutes: Es zeigt, dass die zunehmende soziale Kälte und politische Aggressivität, die die letzten Jahre geprägt haben, in Zeiten einer echten Krise nicht zunehmend, sondern abnehmen. Hoffen wir, dass die Renaissance der Menschlichkeit anhält.

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