„Es ist eine Last, der Fotograf vom Ground Zero zu sein“

  • Neun Monate dauerten nach dem 11. September 2001 am „Ground Zero“ die Bergungs- und Aufräum­arbeiten.
  • Kameras waren verboten – nur Gary Suson durfte in den Trümmern fotografieren.
  • Im RND-Interview spricht er über den Tag, der ihn körper­lich und psychisch krank gemacht hat – und der ihn doch nicht loslässt.
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New York/Berlin. Mr. Suson, Sie durften nach dem 11. September 2001 als einziger Foto­graf der Welt die New Yorker Erst­­helfer bei den Bergungs- und Aufräum­arbeiten begleiten. Ihre Fotos wurden berühmt, später eröffneten Sie in Manhattan Ihr eigenes 9/11-Museum. An den Spät­folgen Ihrer Monate am Ground Zero leiden Sie bis heute. Gab es in den letzten 20 Jahren auch nur einen Tag, an dem Sie nicht an den 11. September gedacht haben?

Oh ja, viele sogar. Das habe ich mir erarbeitet, in drei Jahren Therapie wegen post­trauma­tischer Belastungs­störung. Ich lernte, mich nur mit Dingen zu umgeben, die nichts mit 9/11 zu tun haben: keine Fotos von damals an der Wand, keine Erinnerungs­stücke in der Nähe. Nur die Menschen, mit denen ich damals Freund­schaft geschlossen habe, würde ich nie meiden. Unsere Gespräche geben uns die Kraft, das alles durchzustehen.

Sie waren 2001 ein aufstrebender Por­trät- und Mode­foto­graf Anfang zwanzig. Wie wurden Sie der einzige Foto­graf mit vollem Zugang zu Ground Zero?

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Nach dem Anschlag fotografierte ich die Trümmer und die Umgebung, in die mich Freunde von der New Yorker Polizei mitnahmen. Ich lernte dort auch Feuer­wehr­leute kennen – und als einige von ihnen krank wurden, vermittelte ich ärztliche Hilfe. Ein Feuer­wehr­gewerk­schafter suchte dann jemanden, der die Arbeit dokumentierte – auch, um den Angehörigen zu zeigen, dass angemessen mit den Überresten der Opfer umgegangen wird. Er mochte meine Fotos und gab mir den Job. Ich wusste, das ist eine historische Aufgabe.

Fotograf Gary Suson mit seiner Mutter Sherry. „Sie war immer der größte Fan meiner Fotografie“, sagt er heute. Nach dem 11. September 2001 hatte sie 5000 Dollar Kredit aufgenommen, damit er sich für seinen Einsatz am Ground Zero eine neue Kamera kaufen kann. © Quelle: Gary Suson

Sie fotografierten wochen­lang 19 Stunden am Tag, griffen anfangs sogar selbst zu Schaufel und Schutt­eimer. Und obwohl Sie kein Geld für die Arbeit am Ground Zero bekamen, legten Sie Ihr Foto­studio auf Eis.

Wir waren alle ein Team, wenn Not am Mann war, packten alle an. Es ging ja auch darum, die sterb­lichen Über­reste zu bergen, damit man die Opfer anhand der DNA identifizieren kann und die Angehörigen etwas bestatten können. Es war oft brutal. Ich roch nach verbranntem menschlichen Fleisch, der Schmutz ließ sich nicht mehr von den Händen waschen. Ich war total über­fordert und brauchte eine Therapie.

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Wie lange hat es gedauert, bis Sie wieder als normaler Foto­graf arbeiten konnten?

Das kann ich bis heute nicht. Wie viele meiner 9/11-Freunde habe ich Lungen­schäden davon­getragen, vom giftigen Fein­staub aus dem Glas und Stahl des World Trade Centers. Ich habe heute Narben auf der Lunge und brauche ein Sauer­stoff­gerät. Ich bin nicht froh darüber, aber immerhin hat mich der Krebs nicht erwischt wie die meisten meiner Freunde vom Ground Zero, die inzwischen daran gestorben sind.

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Chronologie: Die Anschläge vom 11. September 2001
1:47 min
Die Anschläge vom 11. September 2001 markieren einen harten Ein­schnitt in der Welt­geschichte: Zum ersten Mal nutzen Terroristen Passagierflugzeuge als Waffen.  © AFP

Durch die Einstürze der Türme sind toxische Schad­stoffe freigesetzt wurden. Tausende Helfer von Feuerwehr und Räum­trupps wurden chronisch krank.

Das ist wohl das Klein­gedruckte, vor dem dich keiner warnt: Sie haben uns über die Luft­qualität am Ground Zero belogen. An den Lügen sind viele Menschen gestorben. Ich bin einer der letzten Mohikaner. Ohne meinen Sauer­stoff und die Psycho­therapie wäre ich ein Wrack. Als Foto­graf kann ich nicht mehr arbeiten. Im Moment muss ich mich auf meine Gesund­heit konzentrieren: Wasser­treten, um Lungen­kapazität aufzubauen und so weiter. Und ich kümmere mich um meine Museen.

Sie bauten 2005 Ihr ehemaliges Foto­studio zu einem 9/11-Museum um, wo Sie Ihre Fotos und Fund­stücke aus den Trümmern ausstellen, die Ihnen Hinter­bliebene und Feuer­wehr­leute geliehen haben. Widerspricht das nicht dem Rat Ihres Therapeuten, sich vom 9/11-Trauma fern­zu­halten?

Ja, schon. Aber es ist sehr friedlich dort, und ich bin fast nie da. Es wird von ehren­amtlichen Helfern am Laufen gehalten. Was mich tat­sächlich belastet, ist, dass dort offenbar jeder das Bedürfnis hat, mir seine 9/11-Geschichte zu erzählen. Aber ich will diese Geschichten nicht hören, es stresst mich, die grauen­haften Erlebnisse neu zu durch­leben.

Werden Sie in der Stadt noch oft an damals erinnert?

Gelegentlich. Schlimmer ist aber, wenn 9/11 unvermittelt wieder hochkommt – neulich zum Beispiel durch die TV-Bilder von diesem einstürzenden Wohnhaus in Miami. Aber man muss diese Tragödien überwinden. Für mich ist das nur etwas schwerer, weil ich derjenige bin, der die Geschichte überliefern muss: Ich bin der Fotograf vom Ground Zero, das macht mich zu einem der Story­teller. Es ist die Verantwortung, die ich übernommen habe.

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Chaos auf den Straßen von New York
3:42 min
Nachdem beide Türme des World Trade Centers eingestürzt sind, bricht das Chaos auf den Straßen von New York aus.

Haben Sie das je bereut?

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Ja, ich bin diesen Morgen wieder und wieder in meinem Kopf durch­gegangen. Ich habe oft über meine Schritte, meine Taten nach­gedacht und mich gefragt, wo ich heute wäre, wenn ich das Angebot ausgeschlagen hätte. Manchmal ist es eine Last, der Fotograf von Ground Zero zu sein.

Manchmal auch eine Freude?

Ja, wenn ich zum Beispiel die Kinder in unserem Museum sehe, mit den Kopf­hörern vom Audio­guide auf dem Kopf, wie sie die Nummern eintippen und sich die Geschichten anhören: Da denke ich, wow, du hast einen Einfluss auf ihr Leben!

Das Ground Zero Museum von Gary Suson befindet sich in der 420 West 14th Street in Manhattan, New York. Online: https://groundzeromuseumworkshop.org. © Quelle: Gary Suson

Für 20-Jährige von heute ist 9/11 ein Fall fürs Museum. Haben Sie das Gefühl, dass die Erinnerung an 9/11 sich deshalb verändert?

Ja, und es stört mich, dass sie sich ihr Bild von 9/11 nur noch aus zweiter Hand machen können. Aber gerade deshalb sind mir diese 9/11-Museen in New York und Chicago so wichtig: Der 11. September wird an US-Schulen nur eine Sekunde lang behandelt. Alles, was die Kids wissen, ist: Damals sind die Flug­zeuge da rein­geflogen und Menschen starben. Mein Museum nimmt die Besucher deshalb mit auf die ganze Reise: Es erzählt, wie neun Monate lang nach Vermissten gegraben wurde, von den Helden, den besonderen Momenten, den Menschen hinter den Meldungen.

Sie konzentrieren sich auf das, was die Anschläge für die Stadt und die New Yorker bedeutet haben?

Ja, darauf, wie riesig die Wunde war. Allein neun Monate des Grabens und Räumens – ganz ohne Wieder­aufbau! 30 Meter tiefe Schichten aus Dreck, Stahl, in jeder Schicht waren die Leichen der 2749 Opfer. Da waren Zeit, Geduld und Technologie nötig, um Tausende individuelle menschliche Über­reste zu bergen. Es war wirklich eine epische Angelegen­heit – und es lag in meiner Hand, dass künftige Generationen das alles erfahren können.

Gary Suson mit seiner Foto­ausrüstung in einer verschütteten Bar am Ground Zero. © Quelle: Gary Suson

Wie ist es heute für Sie, an den Ort des Geschehens von damals zu gehen?

Ich versuche, das zu vermeiden. Wenn ich heute 21- oder sogar 25-Jährige in der Stadt sehe, wie sie am neuen World Trade Center vorbeilaufen, mit einer Eiscreme­waffel oder einem Hot­dog: Die fühlen dort natürlich nichts Besonderes. Dann denke ich mir oft … Ach, ich kann es nicht mal in Worte fassen. Für mich hat all das eine so große Bedeutung. Ich fühle mich als Teil der Geschichte dieser Stadt, wenn ich da vorbei­laufe. Aber ich bin ungern dort. Ich bekomme körper­liche Schmerzen da.

Wie hat sich die Stadt verändert in den 20 Jahren seit 9/11?

Es ist ein neues New York. In diesem Jahr ist eine neue Welle Anfang 20-Jähriger in die Stadt gezogen. Das ist eine neue Generation, das World Trade Center beschäftigt sie nicht mehr. Es liegt in der Natur der Sache, dass mit größerem Abstand das Interesse verblasst. Deshalb braucht es Bildung und Museen. Leider hat das offizielle, große Museum im neuen World Trade Center gravierende Schwächen: Es ist ästhetisch angenehm – aber es fehlen Geschichten der Augen­zeugen und Anwohner, wie sie mein Museum bietet. Ich habe schon mehrfach angeboten, unsere Sammlungen zu vereinen – sie haben immer Nein gesagt.

Sehen Sie noch Wunden in der Stadt? Denken Sie sich: Hier stand vor 9/11 ein ganz anderes Gebäude?

Das versuche ich zu vermeiden. Es wäre nicht gesund für mich. Man darf nicht in der Vergangenheit leben. Ich kümmere mich darum, dass die Erinnerung an die gewahrt wird, die damals starben. Aber zum Wohle meiner geistigen Gesundheit muss ich doch auch mit meinem eigenen Leben weitermachen und Dinge tun, die nichts mit 9/11 zu tun haben. Ich will ja nicht für immer „der Mann vom 11. September“ sein.

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