Es braucht jetzt einen Wahlkampf mit Hygienekonzept

  • Der Streit ums Einfamilienhaus ist ein Vorgeschmack auf die Auseinandersetzung im Superwahljahr.
  • Solche Politshows sind in der Corona-Krise aber fehl am Platz, kommentiert Kristina Dunz.
  • 2021 muss gelten: Keine Verdrehungen und keine falschen Versprechen.
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Berlin. Corona hat so vieles lahm gelegt – warum nicht auch gleich den Wahlkampf? Wäre es nicht besser, wenn die Parteien vor den sechs Landtagswahlen und der Bundestagswahl jene Solidarität an den Tag legten, die sie von den Bürgerinnen und Bürgern zur Bewältigung der Pandemie erbitten: Zuhause bleiben, solidarisch und zuversichtlich sein und aus dem Licht am Ende des Tunnels Zuversicht schöpfen? Ein harter Wahlkampflockdown muss es ja nicht sein, aber ein politisches Hygienekonzept wäre der Krise angemessen.

Viele Menschen sind regelrecht wundgerieben. In Familien, am Arbeitsplatz, in Unternehmen, in den Schulen, in der Gastronomie – und in der Politik. Die Gesellschaft sehnt sich nach ihren alten Freiheiten. Sport in der Mannschaft, Singen im Chor, bummeln durch eine lebendige Innenstadt.

Eltern wie Kinder, Erwachsene jedes Alters merken ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie, wie tief sich diese in den Alltag eingegraben hat. Die Unbefangenheit ist weg. Man erschrickt, wenn die Maske nicht gleich griffbereit ist – oder der Gegenüber in der Bahn sie nicht richtig aufgesetzt hat. Bilder von Menschenmengen in Konzerten oder im Stadion erscheinen fremd. Der Ausnahmezustand dauert schon so lange, dass er zunehmend zur Normalität wird.

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Traumatisierungen werden bleiben

Das lastet schwer. Viele Träume sind geplatzt, Traumatisierungen werden bleiben. Vor allem bei Angehörigen von Corona-Opfern, für die es in den schwersten Stunden des Lebens keinen Abschied gab.

Wahlkampf ist wichtig. Erst recht in diesem Superwahljahr. Mit dem sicheren Rückzug von Angela Merkel steht das Land vor einer Zäsur. Die Union im Übrigen auch. Damit wird sich alles ändern. Am besten aber auch die Art des Wahlkampfs selbst.

Die unterschiedlichen Konzepte müssen präsentiert, die Prioritäten erklärt und die Gesichter besser bekannt gemacht werden. Nur eins sollte der Vergangenheit angehören: Mutwilliges, zum Teil bösartiges Falschverstehen. Der Puffer, das auch noch ergründen zu wollen und sich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, ist nämlich weg.

Grüne und CDU liegen etwa beim Thema Flächenfraß durch Neubauten gar nicht so weit auseinander. In beiden Parteien geht es darum, die Verödung von Innenstädten zu stoppen, Baulücken klug zu schließen und bezahlbare Wohnungen zu schaffen. So sollen in mancher Gemeinde – ob schwarz oder grün – keine Neubaugebiete mehr ausgewiesen werden, wenn genügend Platz in der Stadt vorhanden ist. Trotzdem werden die Grünen als Einfamilienhausverbotspartei gescholten, während sich die CDU als Kraft darstellt, die Anreize schafft.

Corona-Wahlkampf würde dem Land schaden

Die Verantwortung der Politikerinnen und Politiker für einen Wahlkampf, der Klarheit schafft und keine zusätzliche Verunsicherung, ist so hoch wie nie. Sie werden der Versuchung widerstehen müssen, wegen der Fehler in der Corona-Krisen aufeinander einzuprügeln. Sie werden im Ton sachlich bleiben müssen, damit das Gift von Hass und Hetze nicht weiter in die Gesellschaft einsickert.

Nicht zuletzt wird das auch sie selbst schützen. Es ist längst kein Spaß mehr, was die Vertreter des Volkes an Anfeindungen aushalten müssen. Sie sollten gerade hier Vorbild sein und immer mitdenken, was auch ihre eigenen Verbalattacken auslösen können.

Und noch eins: die Versprechungen. Wenn jeder zusätzliche Tag des Lockdowns zur Qual für den Einzelnen wird, darf es keine Augenwischerei geben. Keine Ankündigungen, die sich nicht einhalten lassen, keine überzogenen Hoffnungen, die Enttäuschungen noch viel schlimmer machen. Nötig ist die Information auf Augenhöhe.

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Corona eignet sich emotional leider hervorragend für Wahlkampf, weil die Nerven vielerorts blank liegen. Dem Land würde es aber schaden.

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