Erinnern ohne Zeitzeugen: „Die Toten leben in uns weiter“

„Mit ritualisierten Reden erreicht man niemanden“: Der Historiker Michael Wolffsohn spricht im Interview mit Imre Grimm über die Erinnerung an Auschwitz, über ritualisiertes Gedenken – und Antisemitismus in der heutigen Gesellschaft.

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Herr Wolffsohn, die letzten Zeitzeugen des Holocaust sterben. Wie wird sich das kollektive Erinnern verändern, wenn es niemanden mehr gibt, der davon erzählen kann?

Diese Frage ist verständlich, aber schon im Ansatz falsch. Das Erinnern im Allgemeinen und die Geschichte im Besonderen sind nicht von lebenden Zeitzeugen abhängig. Wie sonst könnte man es zum Beispiel erklären, dass wir recht genau wissen, wann, wie und von wem Cäsar ermordet wurde? Immer und überall sterben die Zeitzeugen irgendwann. Trotzdem gibt es Geschichtswissenschaft und Geschichtswissen. Bezüglich des sechsmillionenfachen Judenmordens gibt es zudem Wort-, Ton- und Bilddokumente in Hülle und Fülle.

Aber wird es nicht schwieriger, insbesondere jungen Menschen das Thema zu vermitteln ohne die Kraft und Wirkung persönlicher, direkter Schicksalsberichte?

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Auch das Alter der Menschen spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist die Qualität der Berichte und Analysen in Wissenschaft, Medien, Literatur. Wer etwa – sehr zu empfehlen – Schillers „Wallenstein“ liest, lernt neben dem literarischen Genuss sehr viel über den Dreißigjährigen Krieg. Wer Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“ über Weltkrieg und Holocaust oder Primo Levi über den Holocaust liest, weiß auch ohne lebende Zeitzeugen viel über beides. Das führt zum Fundamentalproblem, das weit über die Holocaustproblematik hinausgeht: Es gibt in der zunehmend atomisierten IT-Gesellschaft keinen Kanon mehr, keinen allgemeinen Bezugspunkt. Jeder hat seine Informationsblase, in die und aus der kaum jemand gelangt.

Professor Michael Wolffsohn ist Historiker und Autor.

Welche Anforderungen an Pädagogen und Historiker bringt es denn mit sich, wenn der Holocaust die Sphäre des Historischen erreicht?

Wie gesagt: Das Vermittlungsproblem ist allgemein und nicht allein aufs Thema Judenmorden bezogen. Nicht nur Pädagogen sind gefragt, sondern – technologisch – vor allem IT-Spezialisten und inhaltlich auch Historiker, Medien, Politik, jedermann. Immer kommt es auf das Was und Wie der Vermittlung an.

Wie könnte eine wirkungsvolle Vermittlung denn aussehen?

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Ich plädiere immer dafür, die Fakten über Tote lebendig zu vermitteln, denn durch ihr einst aktives oder passives Wirken leben sie faktisch in unserem Sein und Bewusstsein weiter. Auch längst Vergangenes prägt uns heute und künftig. Man muss – und kann – es lebendig vermitteln. Wenn man aber, wie zu oft vor allem in der Politik, Geschichte zum Ritual verkümmern lässt oder nur Moral predigt und nicht die gerade bezüglich des sechsmillionenfachen Judenmordens erschütternden Fakten wirken lässt, wendet sich das Publikum von diesen Laienpredigern ab. Egal, ob alt oder jung. Mit den üblicherweise ritualisierten Reden erreicht man ohnehin niemanden. Bei fast allen Rednern zum Thema Holocaust kann ich Ihnen vorhersagen, was sie sagen. Kein Wunder, dass kaum noch jemand hinhört.

Könnte es denn einen Zusammenhang geben zwischen der aktuellen Zunahme antisemitischer Übergriffe und der Zeit, die seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen ist? Oder wird der Antisemitismus nur wieder sichtbarer und war nie geringer?

Das ist eine viel zu einfache Erklärung. Fakt ist: Unser Staat ist eine Demokratie, aber immer weniger eine wehrhafte. Das ist nicht nur Schuld der Politik. Die meisten Bürger erwarten zwar Sicherheit, sind aber nicht bereit, die Sicherheitsorgane ausreichend zu würdigen und zu unterstützen. Ideell und materiell. Ihre Frage zielt unausgesprochen allein auf den Rechtsextremismus als Quelle des Antisemitismus. Das ist definitiv falsch. Es gibt heute drei Quellen des Antisemitismus in Deutschland und Europa: den rechtsextremistischen, den linksextremistischen und den islamischen in seiner traditionell religiösen Variante sowie in der Variante, die auf den Konflikt mit Israel und die Diasporajuden als vermeintlich verlängerter Arm des jüdischen Staates abzielt. Der zuletzt genannte Antisemitismus wird als Antizionismus oder Antiisraelismus verniedlicht. Weil er jedoch gegen Juden als Juden gerichtet ist, ist auch diese Ausprägung schlicht und ergreifend Antisemitismus.

Schützt denn der deutsche Staat seine Bürger aktuell ausreichend?

Unsere Demokratie nennt sich wehrhaft, ist es aber leider nicht mehr. Unser Staat will uns schützen, aber er kann es nicht. In meinem Buch „Zivilcourage“ habe ich das analysiert.

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Wie hat sich denn das Erinnern an den Holocaust in Deutschland durch Einwanderung verändert?

Seltsamerweise gar nicht, obwohl inzwischen rund ein Viertel aller Deutschen einen Migrationshintergrund aufweist. Die meisten reden und schreiben so, als wären 100 Prozent der heutigen deutschen Nachfahren der NS-Zeitgenossen. Das ist absurd, weil kontrafaktisch. Ein Ergebnis ist, dass zum Beispiel die meisten muslimischen Neudeutschen meinen, ihre Vorfahren hätten im Zweiten Weltkrieg und Holocaust keine Schuld auf sich geladen. Sie haben. Das zu verschweigen ist falsch. Vertrauen und Integration schafft man nur durch Aufrichtigkeit.

Und wie kann es der deutschen Gesellschaft gelingen, trotz der so unterschiedlichen Aufarbeitung der NS-Zeit und des Holocaust in West und Ost zu einem gemeinsamen Tenor des Erinnerns zu kommen?

Das hier angesprochene West-Ost-Gefälle verkennt die Tatsache, dass wir seit einer Generation in einem Staat vereint sind. Seit knapp 30 Jahren gelten überall in Deutschland dieselben Grundwerte, das Grundgesetz. In keiner Gesellschaft gibt es den einen gemeinsamen Tenor. In einer offenen Gesellschaft, wie der unseren, treten die Unterschiede offen und öffentlich zutage. Es gibt daher auch keine deutsche Einheitsmeinung. Beim Bekämpfen des Antisemitismus geht es aber nicht um Meinungen, sondern um elementare Menschlichkeit, und Menschlichkeit kann man nicht verordnen. Grundwerte wie Toleranz, Akzeptanz, Anstand und Pietät kann man nicht befehlen. Man muss hierzu erziehen. Das ist die eine Seite. Die andere: Wer Juden diskriminiert oder gar liquidiert, schadet sich selbst und seinem Land. Das zeigt nicht nur die deutsche Geschichte von 1933 bis 1945. Im Mai 1945 war Deutschland total kaputt und auch Millionen Deutsche tot. Jede jüdische Minderheit ist seit jeher und überall staatstreu, gebildet, tüchtig sowie ideell und materiell am Gemeinwohl orientiert. Daher muss man den Antisemiten ins Stammbuch schreiben: „Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“

In der Diskussion um das Holocaust-Mahnmal in Berlin hieß es gelegentlich, es sei weniger ein Mahnmal für die Opfer als vielmehr ein Denkmal für die Fähigkeit der Deutschen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Welche Rolle spielt das Mahnmal heute?

Es zieht neugierige Touristen an. Das schadet nicht. Erinnerung hängt nicht von einem Mahnmal ab und sei es noch so groß.

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Worin liegen für Sie die Gründe für den Erfolg von Populisten in jüngerer Zeit?

Europa durchlebt seit Jahrzehnten eine Epoche demografischer und, daraus abgeleitet, kultureller, politischer, ökonomischer, ökologischer, wirtschaftlicher und religiöser Umwälzungen. Man kann das auch Revolution nennen. In jeder Revolution haben Demagogen Konjunktur. Sie versprechen den verunsicherten und orientierungslos gewordenen Bürgern alles. Verwirklichen können sie noch weniger als die traditionellen Akteure.

Um so aggressiver wird die öffentlichen Debatte. Haben Sie eine Erklärung für die Schärfe und Härte des Tons?

Ja. Revolutionen sind fast immer gewalttätig. Aufgrund der Sanften Revolutionen von 1989/90 meinen viele Europäer, fundamentale Veränderungen wären in unserer Zeit gewaltlos. Ein Irrtum, auch schon 1989/90. Man denke an die Opfer der Revolution in Rumänien, Aserbaidschan, Armenien, Georgien oder in den baltischen Staaten.

Haben Sie selbst mit Bedrohungen oder Hassmails zu tun?

Ja, seit Jahrzehnten. Nicht nur von Rechtsextremisten, sondern mehr noch von Linksextremisten und muslimischen Judenhassern.

Und wie reagieren Sie darauf?

Ich verlasse mich auf die bayerische Polizei. Die ist mein „Freund und Helfer“.

Sie selbst hatten bis 1984 die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft. Warum haben sie damals letztere abgelegt?

Weil ein Mensch zwar zwei oder auch mehr Staatsbürgerschaften haben kann, aber nicht gleichzeitig zwei Staaten gegenüber seine Pflichten erfüllen kann. Aus persönlichen Gründen lebe ich im seit 1949 runderneuerten Deutschland. Israel ist mir sehr wichtig, aber ich bin Deutscher.

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Die Geschichte der Mordfabrik in Zahlen und Fakten.  © Imre Grimm/RND

Michael Wolffsohn: Historiker, Publizist, Staatsbürger

Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn entstammt einer 1939 nach Palästina geflüchteten jüdischen Kaufmannsfamilie. Mit seinen Eltern siedelte er 1954 nach West-Berlin über. Der 72-jährige Wolffsohn lehrte von 1981 bis 2012 Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der israelischen sowie der deutsch-jüdischen Geschichte. Wolffsohn hatte ursprünglich die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft. Die israelische legte er 1984 ab, weil er „nicht gleichzeitig zwei Staaten gegenüber seine Pflichten erfüllen“ könne. Mit der Lichtburg-Stiftung organisiert Wolffsohn Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekte für Kinder- und Jugendliche.


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