• Startseite
  • Politik
  • Erfolg für Frauenbewegung? Ministerium schreibt Gesetz im Femininum

Erfolg für Frauenbewegung? Ministerium schreibt Gesetz im Femininum

  • Gesetzestexte in Deutschland werden für gewöhnlich in der maskulinen Form geschrieben – es heißt Gläubiger, Schuldner und Geschäftsleiter.
  • Das Bundesjustizministerium bricht nun plötzlich mit dieser Regel, in einem neuen Entwurf tauchen nur noch die weiblichen Endungen auf.
  • Das Haus von Ministerin Christine Lambrecht hat dafür eine Erklärung – doch die ist nicht besonders schlüssig.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Der Kampf der Frauenbewegung gegen das generische Maskulinum in der deutschen Sprache dauert nun schon fast 50 Jahre. Generationen von Feministinnen und Feministen haben erklärt, warum es aus ihrer Sicht problematisch ist, wenn immer von Polizisten, Chefärzten und Steuerzahlern die Rede ist und die weibliche Form lediglich mitgemeint wird.

Auch kommen zahlreiche Studien zu dem Ergebnis, dass Menschen an einen Mann und eben nicht an eine Frau denken, wenn sie das Wort “Professor” hören oder lesen.

Einige nehmen es achselzuckend zu Kenntnis, für andere ist das ein Riesenproblem. Nur was dagegen tun? Ideen sind in den vergangen Jahren viele entwickelt worden, richtig zufriedenstellend ist keine.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Man kann die weibliche und männliche Form gleichzeitig verwenden (Chefärztinnen und Chefärzte), doch werden Sätze dadurch stets länger und nur selten eleganter. Der Schrägstrich (Richter/in) hat aus feministischer Sicht den Nachteil, dass die weibliche Form auf ein bloßes Anhängsel der männlichen reduziert wird, für die Klammer gilt das gleiche.

Das Binnen-I (StudentIn) funktioniert nicht, wenn die Bildung der weibliche Form einen Umlaut erfordert (ÄrztIn). Genderstern (Mitarbeiter*in) und Unterstrich (Mitarbeiter_in) haben den Vorteil, dass sie auch Menschen einschließen, die sich nicht als Mann oder Frau fühlen, dafür wirken sie im Schriftbild nicht sonderlich ästhetisch. Linguisten fürchten um die Schönheit der deutschen Sprache.

Manch ein/e Feminist*in plädiert deshalb für eine einfache, aber radikale Lösung: Wie wäre es, statt des generischen Maskulinums künftig einfach grundsätzlich das generische Femininum zu verwenden und zu erklären, dass Männer von nun an mitgemeint sein. Nach Jahrhunderten maskuliner Sprachdominanz wäre das doch nur gerecht – oder?

Die Uni Leipzig hat es ausprobiert. Bei einer Neufassung der Grundordnung der Hochschule beschloss der Senat, nur noch die weibliche Form von Berufsbezeichnungen zu verwenden und in einer Fußnote darauf hinzuweisen, dass stets auch männliche Beschäftigte gemeint seien. Das Echo war enorm, die Kritik auch. Leipzig blieb eine Ausnahme.

Anzeige

Ein Gesetz, dass das generische Femininum verwendet

Umso überraschter waren Rechtsexperten in Bund und Ländern, als das Bundesjustizministerium vor wenigen Wochen einen aktuellen Gesetzentwurf verschickte. In dem Referentenentwurf des Gesetzes zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts, das den schönen Kurztitel “SanInsFoG” trägt, tauchte plötzlich das generische Femininum auf, und zwar beinahe durchgängig.

Anzeige

“Der Verzicht auf die Bestellung einer Insolvenzverwalterin ist gerechtfertigt, wenn und solange erwartet werden kann, dass die Schuldnerin bereit und in der Lage ist, ihre Geschäftsführung an den Interessen der Gläubigerinnen auszurichten”, heißt es etwa. Oder: “Schließlich soll zum Ausgleich des Anstiegs des allgemeinen Preis- und Einkommensniveaus die Vergütung der Insolvenzverwalterinnen sowie der Sachwalterinnen angepasst werden.”

An mehr als 600 Stellen in dem 247-seitigen Entwurf findet sich die weibliche Form.

Nanu – fragten sich da manche. Wo kommt das nun wieder her? Schwingt sich das Haus von Ministerin Christine Lambrecht (SPD) plötzlich zur sprachlichen Speerspitze der Frauenbewegung auf? Wird hier gar heimlich still und leise ein neuer Standard für die Formulierung von Gesetzestexten eingeführt?

Es ist ja nicht so, als wenn so etwas in Deutschland nicht geregelt wäre. Kundige blättern in den “Allgemeine Empfehlungen für das Formulieren von Rechtsvorschriften” nach, dem Leitfaden für die juristische Fachsprache. Kluge Sätze wie “Nur wer genau weiß, was er vermitteln will, kann sich kurz und verständlich ausdrücken”, kann man darin lesen. Auch: “Klarer Inhalt und gute Sprache gehen Hand in Hand.”

Doch eine Neuregelung bezüglich des zu verwendenden Genus findet sich in dem Werk nicht. Im Gegenteil: “Gesetzentwürfe sollen die Gleichstellung von Frauen und Männern auch sprachlich zum Ausdruck bringen”, heißt es dort zwar. Aber es folgt die Festlegung, “herkömmlich wird die grammatisch maskuline Form verallgemeinernd verwendet (generisches Maskulinum)”.

In Fällen, in denen das Geschlecht nicht bekannt oder für den jeweiligen Zusammenhang unwichtig sei, sei das gerechtfertigt, urteilt der Sprachführer für Juristen. “So können mit den Bezeichnungen ‘der Eigentümer', ‘der Verkäufer’, ‘der Mieter’ männliche und weibliche, aber auch juristische Personen gemeint sein.”

Anzeige

Was ist die Erklärung?

Verstößt das Justizministerium nun also gegen seine eigenen Vorschriften?

Nein, heißt es aus dem SPD-geführten Haus. Das Femininum sei in dem Gesetzesentwurf nur deshalb verwendet worden, weil es in den meisten Fällen um juristische Personen wie Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung gehe, und die in der Regel weiblich seien.

So ganz überzeugend ist diese Erklärung nicht, denn in dem Entwurf tauchen auch Geschäftsleiterinnen, Kleinstunternehmerinnen und Verbraucherinnen auf, die für gewöhnlich natürliche Personen sind und demnach auch ein biologisches Geschlecht haben.

Wer weiß: Womöglich wollte eine Führungskraft aus dem Ministerium mit dem Entwurf ihren Teil für die Gleichstellung von Mann und Frau leisten. Der zuständige Beamte soll übrigens ein Mann sein.

RND

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen