Erdogan im Syrien-Konflikt: Kopflos in Ankara

  • Mit ihrem Syrien-Abenteuer hat sich die Türkei in eine ausweglose Lage manövriert.
  • Nun will Präsident Erdogan den Beistand des Westens erzwingen.
  • Dass er dabei Flüchtlinge als Druckmittel missbraucht, ist der Gipfel des Zynismus, kommentiert Marina Kormbaki.
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Berlin. Putin und Erdogan: Wie gern inszenieren sich der russische und der türkische Präsident als Weltpolitiker und Friedensstifter. Auf den syrischen Schlachtfeldern hätten sie nur allzu gern unter Beweis gestellt, dass sie Kriege nicht nur anzetteln, sondern auch beenden können.

Immer neue angebliche Schutz- und Deeskalationszonen wurden auf Landkarten markiert – ohne dass sie je Wirklichkeit wurden. In der Region Idlib, wo jetzt die finale Schlacht des neun Jahre währenden syrischen Bürgerkriegs tobt, zeigt sich, wohin Großmannssucht führt: ins Verderben.

Die Truppen des syrischen Herrschers Assads stehen – dank russischer Schützenhilfe – kurz vor der Rückeroberung des letztverbliebenen Rückzugsorts der Aufständischen. Eine Million Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 30 türkische Soldaten fielen dem Vormarsch Assads am Donnerstag zum Opfer.

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Das ist ein ungeheuer großer Verlust für die Türkei. Er führt aufs Heftigste vor Augen, dass sich Erdogan in Putin einmal mehr getäuscht hat. Der Kremlchef ist kein Verbündeter. Er hat Erdogans Truppen in Assads offenes Messer laufen lassen.

Der Schock sitzt tief in Ankara

Der Schock in der Türkei sitzt tief, sie reagiert so kopf- wie maßlos. Erdogan will den Beistand des Westens erzwingen. Er hat Nato-Generalsekretär Stoltenberg die eilige Einberufung eines Sondertreffens abgetrotzt.

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Die Hektik resultiert nicht so sehr aus Solidarität mit der Türkei – sondern aus Angst: Erdogan droht, mehr Flüchtlinge als bisher schon nach Griechenland ziehen zu lassen. Staatsnahe türkische Medien zeigen seit den frühen Morgenstunden angebliche Trecks Geflüchteter auf dem Weg an die EU-Außengrenze; die Bilder verleihen der Drohung aus Ankara Nachdruck. Europa ist in Alarmbereitschaft.

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Türkei will Syrer nicht länger von Flucht nach Europa abhalten
1:39 min
Hintergrund könnte die eskalierende Lage in der syrischen Provinz Idlib sein.  © Reuters
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Erdogan hat recht, wenn er sagt, dass die Türkei mit dem Zuzug einer weiteren Million syrischer Flüchtlinge überfordert wäre. Das Land beherbergt bereits rund vier Millionen Syrer – zusätzlich zu etlichen Schutzsuchenden aus Afghanistan, Irak, Iran und vielen Krisenstaaten mehr. Die Belastung ist groß – das muss Europa anerkennen und Ankara weitere Hilfe zur Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge aus Idlib in Aussicht stellen.

Erpressen lassen dürfen sich die Europäer aber nicht.

Flüchtlinge als Ass

Erdogan benutzt die Flüchtlinge wie ein Ass beim Kartenspiel. Die Schwächsten der Schwachen sollen seinem geopolitischen Kalkül dienlich sein. Das ist unmoralisch – und dumm ist es auch.

Erdogan braucht Europa, das weiß er selbst am besten. Politisch wie wirtschaftlich ist er auf die EU angewiesen – jetzt mehr denn je, da der Bruch mit Moskau wahrscheinlich ist. Die Europäer haben keinen Grund, der kopflosen türkischen Außenpolitik ebenfalls kopflos zu begegnen.

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Reagieren müssen die Europäer aber schon. Die Passivität, mit der sie das Elend in Syrien seit jeher verfolgen, muss ein Ende finden.

Höchste Zeit, sich bei der Ausverhandlung der syrischen Nachkriegsordnung mit aller diplomatischen und auch ökonomischen Macht einzubringen. Höchste Zeit, die humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in der Türkei und weiteren Nachbarstaaten hochzufahren. Höchste Zeit, die Eskalation vor den Toren Europas als das zu begreifen, was sie ist: eine Gefahr für Europa.

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