Entscheiden über Leben und Tod

  • Triage: Dieses kleine Wort steht für eine der schwersten moralischen Entscheidungen, vor der ein Mensch stehen kann – wir erklären, was es damit auf sich hat.
  • Die Debatte über die Einschleusung von Störern in den Bundestag nimmt eine neue Richtung, jetzt wird auch über ein Verbot der AfD diskutiert.
  • Und wir schauen auf einen besonderen Jahrestag: Angela Merkel ist heute seit genau 15 Jahren Bundeskanzlerin.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

zu den Nebenwirkungen der Corona-Pandemie gehören die teilweise schwierigen Entscheidungen, vor die sie uns stellt – im Großen, aber auch im Kleinen.

Nehmen wir uns in den Arm oder winken wir uns zu? Darf mein Kind mit seinen Freunden spielen oder nicht? Ist der Familienbesuch in Ordnung – oder ist die Gefahr einer Ansteckung zu groß? Seit Monaten begleiten uns diese Fragen durch den Alltag. Sie nerven, egal ob man nun quer oder geradeaus denkt. Und doch wirken sie nebensächlich, blickt man während der Pandemie in die Krankenhäuser.

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Dort geht es im wahrsten Sinne ums Leben- und Sterbenlassen. Denn wenn die Intensivbetten knapp sind, zu wenig Personal verfügbar oder nicht genug medizinische Ausstattung vorhanden ist, ist eines der letzten Hilfsmittel zur Aufrechterhaltung des medizinischen Betriebs der Ansatz der Triage.

Was in der Kriegs- und Katastrophen­medizin bereits Anwendung findet, nämlich das Sortieren – Triage kommt vom französischen trier (sortieren) – der Patienten nach Überlebens­wahrscheinlichkeit, ist uns in der Intensivmedizin in Deutschland bislang glücklicherweise erspart geblieben. Doch in Italien mussten Ärzte im Frühjahr bereits sagen, welche Patienten ohne ihr Zutun überleben, welche sie retten können – und wer dem Sterben überlassen werden würde. Unser Autor Kristian Teetz erklärt in seinem Text die grausame Zweckmäßigkeit der Triage.

Mehr Gegeneinander

Während sich die einen vorausblickend mit den Fragen von Leben und Tod beschäftigen, demonstrieren die anderen weiter gegen – aus eigener Wahrnehmung – völlig übertriebene Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Auch an diesem Samstag gingen in mehreren deutschen Großstädten, darunter Leipzig und Hannover, Menschen aus Protest auf die Straße. Es ist eine kleine, aber sehr laute Minderheit.

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Demonstranten stehen am Samstag in Leipzig vor einer Polizeikette in der Großen Fleischergasse. Nach der Absage einer geplanten Kundgebung kam es an mehreren Stellen im Stadtgebiet zu spontanen und ungenehmigten Versammlungen. © Quelle: imago images/opokupix

Die große Berliner Demonstration von Mittwoch beschäftigt weiter die Politik. Insbesondere die Kritik an der Rolle der AfD bei den Störungen im Bundestag nimmt nicht ab. Am Samstag brachte Georg Maier (SPD), Innenminister von Thüringen, nun ein Verbot der Partei ins Spiel. Für die einen ist das „naheliegend“, schließlich radikalisiere sich die AfD immer weiter, andere sehen den Vorschlag deutlich kritischer. Die RND-Hauptstadt­korrespondenten Markus Decker, Steven Geyer und Jan Sternberg haben Stimmen gesammelt.

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Die Grünen brauchen Einigkeit

Derweil haben die Grünen am Samstag ihren Bundesparteitag begonnen. Digital, versteht sich. Gemeinsam warnen die Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck zum Auftakt vor zunehmender sozialer Spaltung in der Gesellschaft und versuchen gleichzeitig, die parteiinternen Konfliktlinien zu kitten. 20 bis 30 Prozent der Stimmen möchte Baerbock bei der kommenden Bundestagswahl gern erreichen. Doch dafür braucht die Partei Einigkeit. Und ein anderes Verhältnis zur Macht. RND-Hauptstadt­korrespondentin Marina Kormbaki hat für uns aufgeschrieben, wie die Parteioberen das erreichen wollen.

Auch über den Atlantik hinweg soll der Weg zu mehr Gemeinsamkeit gehen. Unter einer neuen politischen Führung unter Joe Biden sieht die EU neue Chancen für ein Freihandels­abkommen mit den USA. Warum neben den veränderten politischen Verhältnissen in Washington ausgerechnet China die Verhandlungen über ein neues Abkommen beflügeln könnte, hat RND-Chefautor Matthias Koch zusammen mit Marina Kormbaki aufgeschrieben.

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Zitat des Tages

Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr.

Ein namentlich unbekannter Sicherheitsdienstmitarbeiter auf der Querdenken-Demo in Hannover, nachdem sich eine 22-jährige Rednerin mit Sophie Scholl verglichen hatte
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„Ich bin Jana aus Kassel und ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagte die 22-Jährige am Samstagnachmittag in Hannover und betonte, dass sie genauso alt sei wie Sophie Scholl, als sie den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sei. Da reichte es dem Ordner offenbar – er ging zur Bühne und versuchte, der verdatterten Rednerin seine Warnweste zu geben. Was den jungen Sicherheitsdienstmitarbeiter zu seiner Reaktion bewegte, ist unbekannt – auch ob die Aktion spontan oder geplant erfolgte. Die Rednerin jedenfalls erreichte er, sie stürmte unter Tränen von der Bühne.

Die zitierte Sophie Scholl hatte als Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose gegen die Diktatur der Nationalsozialisten gekämpft. Im Februar 1943 war sie bei einer Flugblattaktion zusammen mit ihrem Bruder erwischt, von der Gestapo vier Tage lang verhört und schließlich am 22. Februar zum Tode verurteilt worden. Das Urteil wurde noch am selben Tag vollstreckt. Zweieinhalb Monate vor ihrem Geburtstag. Selbst in diesem Punkt täuschte sich Jana aus Kassel also – ihren 22. Geburtstag hat Sophie Scholl nie erlebt.

Leseempfehlungen

Auf der Seite der Schwarzen: Kaum irgendwo sonst in den USA litten Afroamerikaner mehr als in Mississippi. Aus dem Schmerz erwuchsen der Blues – und das Aufbegehren gegen den Rassismus. Heute steht dieser Kampf unter dem Motto Black Lives Matter. RND-Autor Mathias Begalke wirft einen Blick auf die Ursprungsorte des Protests, der die Welt bewegt.

Hoffnung auf den Impfstoff: Die Zwischenergebnisse von Biontech, Moderna und Astra Zeneca sind auch für Charité-Impfstoffforscher Leif Erik Sander ein Lichtblick. Im RND-Interview mit Saskia Bücker erklärt der Experte, auf welches Erfolgsrezept alle weit fortgeschrittenen Impfstoff­kandidaten setzen. Es seien noch wichtige Fragen beim Immunschutz offen – und mit einem Wundermittel gegen Covid-19 sei in naher Zukunft nicht zu rechnen.

Hilfe bei harten Drogen: Als erster US-Bundesstaat entkriminalisiert Oregon den Besitz kleiner Mengen bestimmter harter Drogen wie Kokain und Heroin. Dadurch sollen Drogenabhängige ermutigt werden, Unterstützung und Behandlung zu suchen. RND-Autor Sebastian Moll berichtet über die Tragweite dieser Entscheidung.

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Die Termine des Tages

  • In Berlin wollen die Gegner der Corona-Politik wieder auf die Straße gehen. In einem Schweigemarsch. Ähnliche Aufrufe gibt es auch für Hamburg, Stuttgart und Cottbus.
  • In Riad (Saudi-Arabien) findet der virtuelle G-20-Gipfel seinen Abschluss. Auch da geht es um die Corona-Pandemie und zudem um Klimaschutz.
  • Im westafrikanischen Burkina Faso wird gewählt. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen werden von einer zunehmenden Bedrohung durch Terror überschattet.

Wer heute wichtig wird

Sie ist stürmische Zeiten gewohnt: Angela Merkel ist seit 15 Jahren Bundeskanzlerin. © Quelle: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Am heutigen Tag ist Bundeskanzlerin Angela Merkel seit 15 Jahren im Amt. Am 22. November 2005 wurde sie vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zur Bundeskanzlerin ernannt und ahnte noch nicht, worauf sie sich eingelassen hatte: Große Krisen um Euro-Rettung, Flüchtlinge und Corona-Pandemie prägten ihre vier Amtszeiten. Heute, ein knappes Jahr vor ihrem angekündigten Rückzug, zählt sie zu den beliebtesten Politikern Deutschlands.

Zu Beginn ihrer Amtszeit fremdelten Deutschland und Merkel noch ein bisschen miteinander, schreibt RND-Korrespondentin Daniela Vates in ihrem Kommentar. Eine Frau aus Ostdeutschland, die keine Spur der gewohnte Großspurigkeit ihrer Vorgänger an den Tag legte, fühlte sich noch ungewohnt an. Ihr uneitler Regierungsstil, so schreibt Vates, wird in Deutschland der neue Maßstab sein.

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag.

Paul Berten und Nils Oehlschläger, RND-Newsroom

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