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Entschädigungen für Reichsbahn-Fahrt in den Tod: „Wer es ernst meint, der zahlt auch etwas“

  • Die Niederländische Bahn entschädigt holländische Holocaustopfer und ihre Angehörigen für die Deportationen in die Vernichtungslager auf dem Schienenwege bis zur deutschen Grenze.
  • Durchgesetzt hat dies der Niederländer Salo Muller (84), der als Kind versteckt wurde und die Shoa überlebte.
  • Nun strebt er ähnliche Entschädigungen durch die Deutsche Bahn AG oder die Bundesrepublik an – wir sprachen darüber mit seinen Anwalt Axel Hagedorn.
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Amsterdam. Axel Hagedorn arbeitet als in den Niederlanden und in Deutschland zugelassener Anwalt für eine Amsterdamer Wirtschaftskanzlei. Er wurde 2007 bekannt, als er mit einer Kollegin im Auftrag der Stiftung „Mütter von Srebrenica“ den niederländischen Staat und die Vereinten Nationen verklagte – Uno und niederländische Blauhelme hatten die bosnischen Einwohner 1995 nicht vor dem Massaker serbischer Milizen geschützt.

Nun will er Entschädigungen für Holocaustopfer von der Deutschen Bahn AG erstreiten. Juristisch, räumt Hagedorn ein, wird das schwierig. Der Stiefsohn eines Offiziers der Waffen-SS verweist jedoch auf moralische Verantwortung und Beispiele aus Holland und Frankreich.

Herr Professor Hagedorn, Sie unterstützen den holländischen Holocaustüberlebenden Salo Muller (84) bei seiner Forderung, die Deutsche Bahn solle niederländische Deportationsopfer und deren Familien finanziell entschädigen. Wie kam es dazu?

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Salo Muller hat im Holocaust seine Eltern und etwa 80 Familienangehörige verloren. Er konnte vor wenigen Jahren mit viel Vehemenz und kraft seiner Authentizität durchsetzen, dass sich die niederländische Bahn bei holländischen Opfern der Deportationen auf dem Schienenweg in die Vernichtungslager und ihren Nachkommen entschuldigt und sie entschädigt. Dabei half ihm meine Kollegin Liesbeth Zegveld, eine renommierte niederländische Anwältin. Die Nederlandse Spoorwegen zahlt rund 50 Millionen Euro an die etwa 7000 Opfer, die konkret ermittelt werden konnten, und ihre Nachkommen.

Den Weitertransport nach Auschwitz übernahm die Reichsbahn

Allerdings beziehen sich diese Zahlungen nur auf den Transport der holländischen Juden bis zur deutschen Grenze.

Stimmt. Den Weitertransport von der deutschen Grenze in die Vernichtungslager Auschwitz, Sobibor und so weiter, übernahm die Deutsche Reichsbahn. Muller findet, die Deutsche Bahn sollte sich dafür entschuldigen und auch Entschädigungen leisten wie das holländische Bahnunternehmen. Ich unterstütze ihn hierbei, weil ich davon überzeugt bin, dass dieses Unrecht eine Regelung verdient. Nur zur Verdeutlichung: An dieser Sache habe ich kein finanzielles Interesse.

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Es geht hierbei ausschließlich um holländische Holocaustopfer?

Ja. Etwa 107.000 holländische Juden wurden deportiert, nur etwa 5000 kehrten zurück. In der Einigung mit der niederländischen Bahn sind die Ermordeten, die Überlebenden und die Nachkommen klar identifiziert. Das erleichtert die Aufgabe in Deutschland. Es geht um konkrete, nachweisbare Opfer und nicht um eine anonyme Gruppe. Es sind genau die Opfer, die aus sämtlichen Entschädigungsfonds in Deutschland herausfallen.

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Salo Muller ist der einzige Holocaustüberlebende seiner Familie. Er wurde als Kind versteckt. © Quelle: picture alliance / PRO SHOTS

Wie sind Sie bislang vorgegangen?

Ich habe im Juli vergangenen Jahres Schreiben an die Bahn, die Bundeskanzlerin und den Bundesfinanzminister aufgesetzt, in denen ich die Forderungen meines Mandanten umriss und diese auch begründete.

Holocaustopfer mussten Fahrt in Vernichtungslager selbst zahlen

Haben Sie Antworten auf Ihre Schreiben erhalten?

Ja, im September trudelten sie kurz nacheinander ein. Eine Frau aus dem Bundesfinanzministerium antwortete für die Bundesregierung. Sie schrieb sinngemäß, man verstünde das Problem, würde jedoch Einzelentschädigungen ablehnen. Die Bahn AG verwies auf ihre finanziellen Engagements in der Sache, aber auch darauf, dass sie nicht Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn sei.

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Wer ist das denn?

Das ist schwierig zu beantworten, zumal ja in der DDR die Deutsche Reichsbahn bis 1990 fuhr. Juristisch mag es durch verschiedene rechtliche Konstruktionen vielleicht keinen Rechtsnachfolger geben. Unbestreitbar ist doch aber, dass die Bahn nach dem Krieg die Monopolposition, die Schienen und das Vermögen der Reichsbahn übernahm, um damit zu wirtschaften. Und die hatte sich an den Deportierten bereichert. Die Opfer mussten für ihre Fahrt in die Gaskammern selbst zahlen. Erwachsene zahlten 4 Reichspfennige pro Kilometer und Kopf, Kinder zwischen vier und zehn Jahren die Hälfte, Kleinkinder wurden kostenlos transportiert. Bei Transporten von mehr als 400 Personen gab es einen Mengenrabatt von 50 Prozent. Stellen Sie sich das vor! Wie pervers!

Ein Prozess würde mindestens zehn Jahre dauern

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Haben Sie vor, einen Prozess vor einem Gericht anzustrengen?

Nein, noch nicht. Das würde zehn oder zwölf Jahre dauern – das ist den Überlebenden nicht zuzumuten und auch schwer finanzierbar. Abgesehen davon würde dies Bahn und Bundesregierung in die Karten spielen. Wenn alles erst einmal bei Gericht liegt, würden sich die Beklagten nicht zum laufenden Verfahren äußern. So einfach will Salo Muller es ihnen jedoch nicht machen. Aus ihrer moralischen Verantwortung und der kommerziellen Rechtsnachfolge kommen Bahn und Regierung schwer heraus.

Juden aus dem Warschauer Getto werden im Sommer 1942 in Güterwaggons verladen und in das Vernichtungslager Treblinka transportiert.

Also wollen Sie öffentlichen Druck erzeugen?

Ja, es ist eine Art politischer Prozess. Denn ich denke, dieser Teil der Geschichte der Deutschen Bahn ist nur wenigen bekannt. Die Deutsche Reichsbahn hat eine entscheidende Rolle im Vernichtungsmechanismus des NS-Regimes gespielt. Ohne sie wäre der Holocaust in diesem Umfang nicht möglich gewesen. Die Reichsbahn hat zum Beispiel ihren gesamten Fahrplan, die Taktung der Züge allein darauf ausgerichtet, dass sie ohne Unterlass in den Osten rollen konnten – nach Belzec, Auschwitz, Treblinka oder Soribor.

Erhalten Sie in Deutschland politische Unterstützung?

Noch nicht offen, aber es gibt Bundestagsabgeordnete, die sich für unser Anliegen einsetzen wollen.

Wo gibt es vergleichbare Entschädigungen in Europa?

Die französische Staatsbahn SNCF hat sich 2014 verpflichtet, 60 Millionen Dollar an US-amerikanische Deportationsopfer und deren Familien zu zahlen. In Osteuropa gab es Ähnliches.

Wo liegt Ihrer Erfahrung nach das größte Problem bei solchen Entschädigungsfragen – in der Anerkennung der Schuld oder schlicht an der Geldsumme?

Das größte Problem liegt darin, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft keinen Präzedenzfall für alles Mögliche schaffen wollen. Da geht es zum Beispiel um noch viel mehr Länder und Unternehmen, die in der Menschenvernichtung involviert waren. Es besteht kein Interesse daran, neue Opfergruppen zu identifizieren, für die man dann noch etwas tun müsste.

Aktuell erhält die Bahn – nicht zuletzt durch die Corona-Krise – Milliardenhilfen vom Bund. Wie denken Sie darüber?

Im Anliegen von Salo Muller geht es vielleicht um 50 Millionen Euro Entschädigungen. Das sind Peanuts im Vergleich zu den Bundeshilfen.

Viele Überlebende standen nach dem Holocaust mit leeren Händen da

Kein Geld kann das Leid der Holocaustopfer aufwiegen. Worum geht es Herrn Muller und Ihnen?

Salo Muller spürt seit der Trennung von seinen Eltern körperliche und seelische Schmerzen. So geht es den meisten Überlebenden. Eine Entschuldigung für das unsägliche Leid ist wichtig. Doch sie allein löst keine Schuld ein. Wer es ernst meint, sagt Salo immer, der zahlt dafür etwas. Das kann ich nachvollziehen. Es gibt den immateriellen Schaden, aber auch den materiellen.

Und was ist Ihre Motivation?

Ich bin Jahrgang 1954 und wuchs mit einem Stiefvater auf, der selbst bei der Waffen-SS war. Klar habe ich Ende der 1960er-Jahre rebelliert und meine Eltern gefragt, warum habt ihr damals nichts unternommen? Antworten gab es nicht, oder sie waren unbefriedigend. Ich wollte nie, dass sich das bei meinen Kindern wiederholt. Ich engagiere mich jedoch auch im Sinne meines anwaltlichen Selbstverständnisses: Ich halte diese Sache gesellschaftlich für sehr wichtig.

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