Zu wenig Impfstoff – die Fehlerliste von Jens Spahn wird länger

  • Jens Spahn gilt als Gewinner der Corona-Krise, in Beliebtheitsumfragen hat er selbst die Kanzlerin überholt.
  • Dabei hat der Gesundheitsminister in der Krise eine ganze Reihe von Fehlern gemacht, meint unser Korrespondent Andreas Niesmann.
  • Vor allem der vermasselte Start der Impfkampagne könnte für Spahn noch gefährlich werden.
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Berlin. Von allen Sätzen, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der Corona-Krise gesagt hat, und es waren viele, wird dieser eine Satz hängenbleiben: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“

Das mag an dem Pathos liegen, das in den elf Worten steckt, womöglich auch an der Offenheit, mit der ein Spitzenpolitiker über die eigene Fehlbarkeit spricht. Vor allem aber liegt es daran, dass Jens Spahn mit seinem Satz – gesprochen im April mit Blick auf Unwägbarkeiten und tiefgreifende Entscheidungen in der Pandemie – Recht behalten hat. Und wie.

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1:01 min
Wird es bald genügend Impfstoff gegen Corona geben? Biontech-Chef Ugur Sahin geht davon aus, dass das Unternehmen Ende Januar Klarheit hat.  © dpa
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Die Kritik am Corona-Krisenmanagement der politischen Entscheidungsträger wird immer lauter. Mussten sich bislang vor allem die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten unangenehme Fragen gefallen lassen, rücken zunehmend die Bundesregierung und ihr Gesundheitsminister in den Fokus.

Von einem „gesunden Patriotismus“, den Spahn noch im Juni wegen der aus seiner Sicht gelungenen Bewältigung der Pandemie empfohlen hatte, ist keine Rede mehr. Inzwischen geht es um die Frage, warum Deutschland von der zweiten Corona-Welle so hart getroffen worden ist. Und welche Verantwortung der Gesundheitsminister dafür trägt.

Eine lange Liste an Fehlern und Versäumnissen

Die Liste von Spahns Versäumnissen und Fehlern ist lang. Sie beginnt damit, dass er die Gefährlichkeit des Coronavirus Anfang 2020 unterschätzt hat und es trotz mehrerer Warnhinweise versäumte, rechtzeitig ausreichend Atemschutzmasken für deutsche Kliniken und Ärzte auf dem Weltmarkt zu sichern.

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Als der Fehler auffiel, orderte das Gesundheitsministerium panisch alles, was es kriegen konnte. Ergebnis: Aus zu wenig Masken wurden zu viele. Die Bundesregierung verschenkte diese millionenfach an Entwicklungsländer, versäumte es aber, die Alten- und Pflegeheime in Deutschland mit sicheren FFP2-Masken zu versorgen.

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Spahns zweiter Fehler folgte im Sommer: Obwohl sich nach dem Lockdown des Frühjahrs Millionen Deutsche nach einem Urlaub im Ausland sehnten, gab es zu Beginn der Sommerferien weder eine Strategie für den Umgang mit Reiserückkehrern aus Corona-Risikogebieten noch eine Infrastruktur für ausreichend Tests. Erst als deutlich wurde, dass mit den Touristen auch das Virus nach Deutschland zurückkehrte, besserte der Gesundheitsminister hektisch nach.

Probleme gab es auch beim großzügig angekündigten Corona-Bonus für Pflegebeschäftigte. Viele Pflegerinnen und Pfleger bekamen den am Ende gar nicht, weil die Zahlung an Voraussetzungen wie eine Mindestzahl an betreuten Corona-Erkrankten je Klinik geknüpft war.

Und auch kommunikativ patzte Spahn immer wieder, etwa mit seiner Prognose aus dem September, dass man eine Schließung des Einzelhandels und von Friseuren mit den gewonnenen Erkenntnissen heute nicht mehr anordnen würde.

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Spahn ist inzwischen beliebter als Angela Merkel

Zugegeben: Aus der Rückschau kritisierte es sich leicht und im Nachhinein sind die meisten Menschen schlauer. Aber bei Spahn fällt auf, wie stark sich das öffentliche Ansehen von der politischen Leistung in der Pandemie abgekoppelt hat. In jüngsten Beliebtheitsumfragen ist der Gesundheitsminister sogar an der dauerführenden Angela Merkel vorbeigezogen. Und in der CDU gibt es viele, die auf Spahn als Parteichef oder sogar Kanzlerkandidaten hoffen – obwohl er beim digitalen CDU-Parteitag in zwei Wochen gar nicht für den Vorsitz kandidiert.

An Spahn scheint vieles abzuperlen, gefährlich werden kann für ihn allerdings die Debatte um den Impfstoff. Zu spät und zu wenig – so lauten die beiden Hauptvorwürfe. Sie wiegen schwer, denn in der Pandemie kann jeder einzelne Impftag über Leben und Tod entscheiden. Und für die Versorgung mit dem Serum ist allein der Bund zuständig. Also Spahn.

Der Gesundheitsminister hatte sich frühzeitig entschieden, die Beschaffung des Impfstoffs europäisch zu organisieren. Ein Wettlauf ausgerechnet mit den EU-Partnern wollte er vermeiden. Das Ansinnen war richtig, und es hat im Prinzip auch funktioniert - zwei Milliarden Dosen hat die EU-Kommission bei sechs Herstellern geordert.

Bei Biontech bestellte Brüssel zu wenig

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Bei dem deutschen Unternehmen Biontech aber, das bei der Entwicklung am schnellsten war, hatte Brüssel ursprünglich nur 200 Millionen Dosen bestellt. Den Osteuropäern war das Biontech-Vakzin zu teuer, die Franzosen wollten lieber beim heimischen Unternehmen Sanofi bestellen. Hinzu kamen logistische Bedenken, weil der Biontech-Impfstoff bei minus 70 Grad gekühlt werden muss.

Die Zögerlichkeit rächt sich nun. Während Israel bereits eine Millionen Menschen und damit mehr als 10 Prozent seiner Bevölkerung mit dem Biontech-Serum geimpft hat, sind es im ungleich bevölkerungsreicheren Deutschland nur rund 200.000.

Spahn ist für den Zeitverzug mitverantwortlich. Er hat sich zu sehr auf die EU verlassen, zu wenig Druck für Bestellungen in Deutschland gemacht und zu spät für die Bundesregierung bei Biontech nachgeordert.

Der Minister selbst hat zugegeben, dass es bei der Impfkampagne an der einen oder anderen Stelle ruckele und die Menschen um Geduld gebeten. Es klang ein bisschen wie eine Neuauflage seiner Bitte um Verzeihung. Die Geduld und Nachsicht der Deutschen sollte Spahn allerdings nicht überstrapazieren. Vom Gewinner der Krise zum Verlierer ist es nur ein kurzer Weg.

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