Endlich denkt Europa an seine Flüchtlingskinder

  • Die Zustände in den Auffanglagern griechischer Inseln sind seit Jahren katastrophal.
  • Aber erst die verwerfliche Politik der türkischen Regierung weckt das Mitgefühl der Europäer für die Not schutzloser Mädchen und Jungen.
  • Das eiskalte Kalkül Ankaras darf Europa nicht als Vorwand dienen, selbst eiskalt zu handeln, kommentiert Marina Kormbaki.
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Die Zustände in den Auffanglagern griechischer Inseln sind katastrophal. Von Lebensbedingungen kann man nicht sprechen, es sind Darbensbedingungen.

Unter der Enge, der Kälte, dem Dreck und dem Mangel leiden alle Menschen dort. Besonders groß aber ist die Not der Frauen ohne männliche Begleiter sowie der Kinder, die ohne elterlichen Schutz unterwegs sind. Ärzte, die Flüchtlingskinder wegen Durchfallerkrankungen und Hautinfektionen behandeln, berichten davon, dass entsetzlich viele Mädchen und Jungen Spuren von Gewalt und sexuellem Missbrauch aufweisen.

Europa nimmt das hin.

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Niemand will verantwortlich sein für das Elend auf Lesbos, Chios und Samos. Inselnamen, die zur Chiffre geworden sind für organisiertes Versagen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, die griechische Regierung, die EU-Führung: Sie alle zeigen seit fünf Jahren mit dem Finger aufeinander, während sich die Lage auf den Inseln in dieser Zeit verschlechterte.

Nicht wenige Politiker geben hinter vorgehaltener Hand sogar zu, dass die schrecklichen Bilder gewollt sind, um Flüchtlinge vom Weg nach Europa abzuschrecken. Ein zynisches Kalkül. Eines, das überdies nicht aufgeht, wie all die Menschen belegen, die jetzt an der türkisch-griechischen Grenze auf Einlass nach Europa warten.

Keine Frage: Die türkische Führung spielt ein verwerfliches politisches Spiel mit den Migranten in ihrem Land. Präsident Erdogan treibt sie mit Lügen und falschen Versprechungen an die EU-Außengrenze. Die schäbige Politik Ankaras darf Europa nicht zum Vorwand nehmen, selbst schäbig zu handeln.

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Griechenland macht die Grenze dicht
1:03 min
Tausende Flüchtlinge sind nun im Niemandsland gefangen, weil auch die Türkei ihre Grenze abriegelt.  © Reuters

Doch griechische Grenzer hüllen Männer, Frauen und Kinder in Tränengasschwaden und feuern Gummigeschosse auf sie. Was noch vor Kurzem von Rechten gefordert und vom Rest als Tabubruch zurückgewiesen wurde, ist nun Wirklichkeit: Europa schottet sich mit Gewalt ab.

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Zu Recht verstört das hierzulande viele.

Auch dem Erschrecken über die militarisierte Abschottungspolitik ist das plötzliche Mitgefühl für die Kinder in griechischen Lagern geschuldet. Deren Not währt ja schon Jahre. Nun aber fordern parteiübergreifend Politiker, unbegleitete Minderjährige in deutschen Städten aufzunehmen. Ein Akt der Milde, zum Ausgleich für die Härte an der Grenze.

In dieser zugespitzten Situation wird die Aufnahme von Flüchtlingskindern zur moralisch überhöhten Identitätsfrage. Die einen setzen auf rigorose Härte, die anderen auf altruistische Romantik. Gegner und Befürworter argumentieren mit Zerrbildern. Hoffnungen und Befürchtungen liegen quer zur Realität.

Weder wäre die Aufnahme von ein paar Hundert Flüchtlingskindern eine Einladung an die ganze Welt. Noch wäre damit das Problem der Flucht und Migration aus Nahost und Afrika gelöst. Mit ideologischem Ballast kommt man nicht weiter. Grundsatzdebatten nützen den Flüchtlingskindern nicht. Was es jetzt braucht, ist Pragmatismus.

Mit wenig Aufwand ließe sich die Not der Kinder in den Lagern schnell lindern, indem man dort wetterfeste Unterkünfte, Müllcontainer, Strom- und Wasserleitungen bereitstellt. Indem man Ärzte ihrer Arbeit nachgehen lässt, Bildung anbietet und Schutzräume für Kinder, Jugendliche und Frauen einrichtet.

Es spricht auch nichts gegen die Aufnahme von einigen Hundert Kindern in den zahlreichen Städten und Gemeinden, die sich europaweit dazu bereiterklärt haben. Deren Betreuung und Beschulung würde das reiche Europa gewiss nicht in die Knie zwingen, schon gar nicht Deutschland.

Bundesinnenminister Seehofer sollte sich nicht länger hinter Paragrafen verstecken. Das Leben einiger weniger Kinder würde sich mit seinem Okay ändern – nicht mehr und nicht weniger.

Ein Gutteil seines Ansehens und seiner Autorität bezieht Europa aus seinem Anspruch auf moralische Integrität. Die brutalen Bilder von der griechisch-türkischen Grenze höhlen diesen Anspruch aus. Die Auslagerung der Flüchtlingsfrage an Länder wie die Türkei macht die Europäer wiederum erpressbar. Die EU bleibt in der Pflicht, Antworten zu finden auf das jetzt anbrechende Zeitalter der Migration.

Diese Tage führen schmerzhaft vor Augen, wie weit der Kontinent davon entfernt ist.

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