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Nicht von dieser Welt: El Salvador macht die virtuelle Währung Bitcoin zum offiziellen Zahlungsmittel

  • Das kleine El Salvador macht den Bitcoin als erstes Land zur legalen Währung.
  • Notenbanker, Finanzjongleure, Wissenschaftler und Regierungen schauen ganz genau hin.
  • Taugt das Beispiel als Vorbild auch für Europa und den Rest der Welt?
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Mexiko-Stadt/Berlin. Geld­automaten für Krypto­währungen – was zunächst widersinnig klingt, gehört in El Salvador jetzt zum Alltag. Hunderte dieser Maschinen hat die Regierung des zentral­amerikanischen Landes aufstellen lassen. Wer sie mit Scheinen füttert, bekommt im Gegen­zug virtuelles Geld in Form von Bitcoin. Das Ganze funktioniert aber auch anders­herum.

Nach dem Willen der Regierung sollen die 6,5 Millionen Salvadorianer künftig an Tank­stellen und in Super­märkten mit Bitcoin bezahlen. Auch Steuern können mit der Krypto­währung entrichtet werden. An diesem Dienstag geht das Experiment los.

El Salvador macht Bitcoin zur offiziellen Währung

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El Salvador ist der erste Staat der Welt, der den Bitcoin zur offiziellen Währung und somit zum legalen Zahlungs­mittel aufwertet. Noten­banker, Finanz­jongleure, Wissenschaftler und Regierungen auf dem ganzen Globus schauen mit großem Interesse auf diesen Modell­versuch.

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Dabei taugt El Salvador in der Geld­politik nicht gerade als Vorbild – eher im Gegen­teil. Seit nunmehr 20 Jahren hat das Land nicht mal mehr eine eigene Währung. Das offizielle Zahlungs­mittel, der El-Salvador-Colón, wurde 2001 abgeschafft und durch den US-Dollar ersetzt. Die Sorge der Banken und Importeure vor einer Abwertung der nach dem Entdecker Christoph Kolumbus benannten Währung war zu groß geworden. Die Währungs­politik des Landes von der Größe Hessens wird seither nicht mehr in der Haupt­stadt San Salvador, sondern im fernen Washington gemacht.

El Salvador hängt von USA ab

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Darin steckte eine gewisse Logik, denn finanziell hängt El Salvador ohnehin stark von den Vereinigten Staaten ab. Rund einer Drittel der Bevölkerung lebt fern der Heimat, davon knapp zwei Millionen in den USA. Die Auslands-Salvadorianer überwiesen im Vorjahr fast 6 Milliarden Dollar an ihre Familien in der Heimat. Etwa 20 Prozent des Bruttoinlands­produkts von El Salvador stammen aus diesen Geld­transfers.

Die Gebühren, die für diese Überweisungen fällig werden, sind eines der Haupt­argumente, mit denen der autoritär regierende Präsident Nayib Bukele die Einführung des Bitcoins als offizielles Zahlungs­mittel rechtfertigt. „Unsere Leute zahlen 400 Millionen Dollar pro Jahr an Überweisungs­gebühren. Allein diese Einsparungen werden ein großer Vorteil sein“, machte Bukele über den Kurz­nachrichten­dienst Twitter Werbung.

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Und natürlich gefällt sich der 40-jährige Autokrat, der mit Leder­jacke, falsch aufgesetzter Baseball­kappe und Twitter-Diplomatie sein Hipster­image pflegt, in der Rolle des digitalen Vorreiters.

Krypto­währungen sind auf dem Vormarsch

Kryptowährungen sind weltweit auf dem Vormarsch. Viele Experten glauben, dass die Menschheit am Vorabend einer Finanz­evolution steht, vergleichbar mit der Erfindung des Geld­wechsels im ausgehenden Mittelalter.

Digital­währungen wie Bitcoin, Ethereum oder Cardano haben gegenüber klassischen Zahlungs­mitteln eine Menge Vorteile. Sie machen Überweisungen ohne eine dazwischen­geschaltete Bank möglich, sind dadurch ultraschnell und extrem günstig. Die Blockchain-Technologie hinter den meisten Krypto­währungen, eine Art „digitales Kassen­buch“, das auf vielen Tausend Rechnern gleichzeitig gespeichert wird, macht Manipulationen und Fälschungen so gut wie unmöglich.

Jeder Internet­nutzer kann sofort Geld überweisen

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Es gibt praktisch keine Barrieren, jeder Internet­nutzer kann sofort Geld überweisen oder empfangen. Für Entwicklungs- und Schwellen­länder, in denen viele Menschen keinen Zugang zu Finanz­dienst­leistungen haben, sind Krypto­währungen deshalb besonders interessant.

In El Salvador etwa verfügt gut die Hälfte der Menschen über kein eigenes Bank­konto. „Alle Welt schaut, wie das mit dem Bitcoin in El Salvador funktioniert und ob die Kosten für die Geld­überweisungen stark sinken“, sagte Dante Mossi, Präsident der Zentral­amerikanischen Bank für Wirtschafts­integration (CABEI). El Salvador könnte Vorbild für diejenigen Länder Zentral­amerikas sein, die eine ähnliche Wirtschafts­struktur haben, etwa Honduras oder Guatemala.

Krypto­währungen sind unabhängig von Staaten

Vor allem aber sind Krypto­währungen unabhängig von Zentral­banken oder Staaten, weshalb eine Beeinflussung des Kurses durch Zins­entscheidungen oder das Drucken neuer Bank­noten unmöglich ist. Krypto­währungen sind der erste Erfolg versprechende Versuch, das staatliche Geld­monopol zu brechen.

Die Notenbanken haben die drohende Konkurrenz längst erkannt und reagieren entsprechend. Die Europäische Zentralbank (EZB) etwa plant die Einführung eines digitalen Euro, der die Vorteile einer Krypto­währung bei der Hand­habbarkeit mit den Stärken klassischen Zentralbank­geldes verbinden soll. Erst im Juli hat die EZB eine zweijährige Probe­phase gestartet, in der sie am digitalen Euro arbeiten und Probleme, etwa beim Daten­schutz lösen will.

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Ein Mann, der in einem Geschäft in El Salvador arbeitet, das Bitcoin akzeptiert, zeigt ein Handy mit einer Anwendung zum Empfang von Bitcoin. © Quelle: Camilo Freedman/SOPA Images via

Setzt sich das kleine El Salvador nun also an die Spitze einer globalen Bewegung? Ganz so einfach ist die Sache auch wieder nicht, denn es gibt auch gewaltige Bedenken.

Internationaler Währungs­fonds warnt

Der Internationale Währungs­fonds bezeichnet das Vorhaben als „finanziell und regulatorisch“ zu riskant und verweigerte El Salvador Unterstützung bei der Einführung des Bitcoin. Ein Land, das seit 2001 in einem „verrückten Geld­system (Dollarisierung) gefangen“ sei, bewege sich auf ein noch verrückteres System zu, sagte Dani Rodrik, Ökonom an der Harvard-Universität. „Es ist schwer, einen Grund zu finden, wie das gut ausgehen könnte.“

Auch der Entwicklungs­ökonom und Zentral­amerika­experte Christian Ambrosius ist skeptisch. Das Projekt sei eine „verrückte Idee“ aus zweifelhaften Motiven und mit unbekanntem Ausgang, sagt der Professor am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. Es stelle sich die Frage, wem die Bitcoin-Einführung Vorteile bringen solle, so der Ökonom. Es sehe so aus, als habe Präsident Bukele die Aufmerksamkeit der globalen Investoren und der Krypto­gemeinde im Sinn gehabt als das Wohl der eigenen Bevölkerung.

Bukele kokettiert offen mit der Markt­kapitalisierung des Bitcoins, die aktuell bei rund 901,5 Milliarden Dollar liegt, und hofft, dass davon vielleicht ein paar Prozent künftig in seinem Land investiert werden.

„Investoren freuen sich tatsächlich und sehen die Möglichkeit, eine spekulative Währung in reale Güter verwandeln zu können“, sagt Ambrosius im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Aber anders als von der Regierung argumentiert, schaffe der Bitcoin keine „finanzielle Inklusion“. Dazu bräuchte es Chancen für den Vermögens­aufbau, Absicherung gegen finanzielle Risiken und Zugang zu günstigen Krediten und Versicherungen. Dies leiste ein Zahlungs­mittel wie der Bitcoin nicht.

Vorgehen der Regierung steht in der Kritik

Kritik gibt es auch am Vorgehen der Regierung bei der Einführung der neuen Währung. Anfang Juni hatte das von der Präsidenten­partei „Neue Ideen“ kontrollierte Parlament das gerade einmal zwei Seiten umfassende Bitcoin-Gesetz praktisch über Nacht verabschiedet.

Kaum war der Beschluss gefallen, gingen Hunderte Arbeiter und Rentner gegen die Krypto­pläne auf die Straße. „Bukele, wir wollen den Bitcoin nicht“ und „Nein zu Geldwäsche“ stand auf den Transparenten in der Hauptstadt. Vor allem die Pensionäre fürchten, dass ihnen künftig ihre Renten nur noch in Krypto­währung ausgezahlt werden.

Proteste werden häufiger

Je näher der 7. September rückte, desto häufiger wurden die Proteste. Immer war der Tenor: die Verwendung von Bitcoin sei nicht im Interesse der Bevölkerung. Kaum eine Woche vor dem Stichtag äußerten Hunderte Demonstranten die Befürchtung, dass der volatile Wert des Bitcoins die oft knappen Ersparnisse und Einkommen der Menschen zerstören könne. „Wir wissen, dass diese Krypto­währung drastisch im Wert variiert“, sagte der Gewerkschafter Stanley Quinteros. „Er ändert sich von einer auf die andere Sekunde und wir haben darüber keine Kontrolle.“

In der Tat ist die Volatilität des Bitcoins neben dem immens hohen Strom­verbrauch sein größte Schwäche. Allein in den vergangenen zwölf Monaten schwankte der Kurz zwischen 8000 und 54.000 Euro pro Bitcoin. Die Währung zieht derzeit vor allem Spekulanten und Zocker magisch an.

Dass ein vom Parlament beschlossener staatlichen Treuhand­fonds über 150 Millionen US-Dollar ausreichen könnte, um das Währungs­risiko abzusichern, glaubt in El Salvador kaum jemand.

Teile der Wirtschaft sind kritisch

Auch Teile der Wirtschaft sind kritisch. Der Verband der Internationalen Fracht­unternehmen (ASTIC) will sich bei Bitcoin-Zahlungen mit einer Gebühr von 20 Prozent vor den Aufs und Abs schützen. Trotzdem dürfte die Gefahr von Unternehmens­pleiten und Privat­insolvenzen mit der neuen Währung stark steigen.

Selbst CABEI-Präsident Mossi, dessen Experten die Regierung bei der Bitcoin-Implementation beraten haben, räumt die Risiken ein. Es sei ein, so sagt er, „Experiment nicht von dieser Welt“.

Und das im doppelten Sinne.

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