Einsam, krank, gefährlich: Im Incel-Kopf von Tobias R.

  • Rassismus plus Psychose plus Vereinsamung: Beim Mörder von Hanau addieren sich drei Probleme zu einem komplexen Ganzen.
  • Kundgebungen gegen rechts? Mehr Polizei? Das sind gute Gesten – mit denen man aber nicht das Problem an der Wurzel erreichen kann.
  • Junge Männer, die leise völlig abdriften, bedeuten für Deutschland eine neue Integrationsaufgabe ganz unerwarteter Art, meint Matthias Koch.
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Was um alles in der Welt ging in Tobias R. vor, als er die Waffe hob und feuerte? Über den Geisteszustand des Todesschützen von Hanau wird in ganz Deutschland gestritten: in Fachkreisen, am Biertisch, quer durch die politischen Lager.

Der junge Mann sei “ein Irrer” gewesen, heißt es aus der AfD; politisch gesehen habe dessen Tat deshalb gar keine Bedeutung.

Zornig kontern andere, wer so rede, wolle die rassistischen Denkmuster kleinreden, denen Tobias R. folgte. Gezielt habe der ja Menschen mit Migrationshintergrund getötet. “Alle gegen den Faschismus”, hieß deshalb die trotzige Parole auf diversen Kundgebungen nach dem Massenmord.

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In Wirklichkeit aber geht es gar nicht um eine dramatische Entweder-Oder-Entscheidung, bei der man sich jetzt auf die eine oder andere Seite schlagen muss. Denn ein Vorgang wie dieser zehnfache Mord kann nun mal auch mehrere Ursachen gleichzeitig haben.

Wenn unsichtbare Menschen sprechen

Die Tat von Hanau ist eindeutig rassistisch motiviert. Sie ist sogar das Lehrbuchbeispiel eines Hassverbrechens: Da mordet einer, der die eigene Gruppe als überlegen ansieht, während er andere nicht nur minderwertig findet, sondern ihnen sogar das Lebensrecht abspricht.

Hinzu kommt aber, dass Tobias R. offensichtlich unter einer “schweren psychotischen Störung” litt, wie es der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, formuliert. Tobias R. sah sich nach eigenen Angaben schon seit vielen Jahren verfolgt von Menschen, die er nicht sehen, mit denen er aber sprechen konnte. Mehrfach meldete er sich bei der Polizei, zuletzt sogar beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe, um Strafanzeige zu erstatten gegen eine angebliche Geheimorganisation, “die sich in die Gehirne der Menschen einklinkt und dort bestimmte Dinge abgreift, um dann das Weltgeschehen zu steuern”.

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Auch an dieser Stelle liefert Hanau Lehrbuchhaftes: Darstellungen wie diese sind ein Klassiker in psychiatrischen Notaufnahmen. Sie deuten auf ein gerade entstehendes, wenn nicht gar schon abgeschlossenes Gebäude von Wahnvorstellungen im Kopf eines psychisch Kranken.

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Rassismus plus Psychose: Es würde helfen, im Fall Hanau zumindest die Addition dieser beiden Probleme anzuerkennen. Dadurch wird nichts relativiert, im Gegenteil. Die Addition macht ja alles noch gefährlicher. Rassistische Tendenzen in einer Gesellschaft können umso mehr Unheil stiften, je mehr psychisch Kranke unerkannt und unbehandelt unterwegs sind. Psychiater sprechen von einer kulturellen Matrix, die den Kranken auf dem Weg zu seiner Tat beflügele.

RAF-Täter erschossen ihre Mütter nicht

Ist das nun rechter Terror? Für die Opfer ganz gewiss. Doch was aussieht und sich auswirkt wie ein kaltblütig geplanter Anschlag, kann sich – strafrechtlich gesehen – als Handlung eines Schuldunfähigen entpuppen. In Hanau zog der Täter am Ende die Kurve in Richtung eines erweiterten Suizids, fast wie der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz: Erst starben viele andere, dann er selbst. Doch alle Vergleiche hinken an der einen oder anderen Stelle. Tobias R. tötete nicht wahllos wie etwa Robert Steinhäuser, der im Jahr 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium nacheinander 16 Menschen erschoss.

Tobias R. zielte, zunächst jedenfalls, nur auf Leute mit Migrationshintergrund. Aber macht das seine Tat zum Werk einer Braune-Armee-Fraktion? Bei der Rote-Armee-Fraktion ist kein Täter erinnerlich, der nach Buback, Ponto oder Schleyer gleich noch seine Mutter erschoss. Die Mordtat von Tobias R. bietet eine ganz eigene, makabre Mixtur.

Eine Gemeinsamkeit allerdings verbindet den Mörder Tobias R. mit sehr vielen anderen: eine vorausgegangene langjährige Isolation. Tobias R. hatte nie eine Frau oder Freundin. Da geht es ihm wie unzähligen anderen, die zu rechtsextremistischen Gewalttätern wurden, von Anders Breivik in Norwegen, der 77 Menschen erschoss, bis zum Attentäter von Halle, der im Oktober 2019 zwei Menschen tötete und nur durch eine fest verschlossene Tür davon abgehalten wurde, in einer Synagoge ein noch größeres Blutbad anzurichten.

Incels neigen zu Rechtsextremismus und Wahn

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Statistiken zeigen: Weltweit driften die unfreiwillig Zölibatären – die Incels (involuntary celibates), wie sie in den USA heißen – eher als andere Gruppen ab in Rechtsextremismus und Wahn. Ihre Taten sind Folgen eines selbst empfundenen umfassenden Versagens. Oft markieren sie den allerletzten Schritt auf einem kompletten Rückzug aus der Welt. Im Fall Breivik wurde von Szenen berichtet, in denen sich der spätere Massenmörder nur noch dem Computerspiel hingab, rund um die Uhr. Aus einer Junggesellenwohnung war er ausgezogen und wieder ins heimische Kinderzimmer gewechselt. Seine Mutter soll er gebeten haben, ihm das Essen nicht hineinzubringen, sondern es durch einen Spalt in der Tür durchzuschieben.

Nach Ansicht von Psychiatern gehört sexuelle Frustration zu den wichtigsten Triebfedern gewalttätiger Incels. Nicht immer entlädt sich ihr Hass entlang rassistischer oder politischer Trennlinien. Mitunter geht es auch gegen Frauen, wie etwa im Fall des Amoklaufs von Isla Vista in Kalifornien, wo der 22-Jährige Elliot Rodger im Jahr 2014 eines Tages begann, Studentinnen zu erschießen; in einem vorab formulierten Manifest deklarierte er dies als Rache. Ein weiterer selbsterklärter Incel fuhr 2018 in Toronto in eine Menschenmenge und tötete zehn Personen.

Zu den Incels gehört auch der Deutsche Stephan B., der Attentäter von Halle. In einem Videoclip kritisierte B. nicht nur das Judentum, sondern auch den Feminismus. Der nämlich sei Schuld an der niedrigen Geburtenrate im Westen.

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Was, wenn Tobias R. Hilfe bekommen hätte?

Was tun? Natürlich ist es gut und richtig, wenn Migranten und Nichtmigranten in Deutschland in diesen Tagen enger zusammenrücken. Wenn die AfD kritischer beleuchtet und durchleuchtet wird. Und wenn die Polizei das Sicherheitsgefühl möglichst vieler Menschen erhöht.

Der Fall Tobias R. verlangt aber mehr. Es genügt nicht, wenn jetzt Vertreter der Berliner Republik einander auf Kundgebungen feierlich eine antifaschistische Gesinnung bescheinigen – und dann zur Tagesordnung übergehen. Land und Leute müssen sich einlassen auf Fragestellungen jenseits bekannter Raster. Ein Beispiel: Was eigentlich wäre passiert, wenn Tobias R. schon mit Anfang 20, als er sich erstmals mit Hinweisen auf eine angebliche Gedankenkontrolle durch geheime Dienste bei den Behörden meldete, professionelle Hilfe bekommen hätte?

Allzu oft besteht die Reaktion in solchen Fällen nur aus Abwendung, Hohn und Ignoranz. Im Fall einer Früherkennung aber, gar einer gelungenen sozialen Einbindung von Tobias R., das muss man sacken lassen, würden wir heute nicht über die Morde von Hanau reden. Die moderne deutsche Gesellschaft, die so viel und so gern von Integration spricht, muss sich, auch wenn das sehr mühsam wird, einer allzu lange verkannten Integrationsaufgabe zuwenden.

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