Eine neue Fluchtroute

  • Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko nutzt sein Land als Drehscheibe für Flüchtlinge aus Krisengebieten.
  • Was dem Diktator Geld bringt, führt an den Grenzen von Polen und Deutschland zu einer humanitären Krise, die in ihren Anfängen an das Jahr 2015 erinnert.
  • In Berlin gehen derweil die Sondierungen weiter.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

seit Sommer 2021 lässt der Minsker Machthaber Alexander Lukaschenko Flüchtende aus den Krisengebieten in sein Land einfliegen und verspricht ihnen von dort aus eine unkomplizierte Passage nach Westen. Der Diktator profitiert nicht nur finanziell davon, sondern stellt auch die EU vor ein Dilemma. Grenznachbar Polen setzt in dem schwelenden Konflikt auf Stacheldraht und Härte – und nimmt eine humanitäre Katastrophe in Kauf. Polizei und Flüchtlingshelferinnen und ‑helfer in Deutschland sind überfordert. Meine Berliner Kollegen Jan Sternberg, Jan Emendörfer sowie EU-Korrespondent Damir Fras haben sich die neue Route angeschaut und mit Menschen vor Ort gesprochen, die in den Weg nicht nur ihr Erspartes investiert haben, sondern vielmehr die Hoffnung auf ein neues Leben in Freiheit und Sicherheit setzen.

Hunderte überqueren täglich die grüne Grenze zwischen Polen und Belarus, schreiben meine Kollegen. Doch dort gilt der Ausnahme­zustand. Journalistinnen und Journalisten, Helfer und Helferinnen dürfen nicht dokumentieren, was dort geschieht. Es gibt Berichte über mutmaßlich illegale Pushbacks, polnische Grenzschützer sollen Migranten wiederholt zurück auf die andere Seite drängen. Es gibt bereits Tote: Menschen sind unterkühlt, entkräftet, sie trinken schmutziges Wasser und ernähren sich von Pilzen, die sie im Wald sammeln. „Manchmal öffnen Bundespolizisten die Ladetüren eines Kleintransporters, die Menschen auf der Ladefläche, darunter Babys und Kleinkinder, sind völlig dehydriert. Eine Erinnerung an 2015 liegt über allem“, heißt es in der so lesenswerten wie erschütternden Reportage.

Große Politik, noch unsortiert

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist heute in Spanien zu Gast, um einen Preis entgegen­zunehmen und sich ehren zu lassen. In der Bundeshauptstadt treffen sich derweil erneut die Spitzen von SPD, Grünen und FDP zu weiteren Sondierungen für eine mögliche neue Bundesregierung. Bereits am Freitag wollen die Parteien eine Entscheidungs­grundlage für die Koalitions­verhandlungen vorlegen, die wiederum als Grundlage für weitere Verhandlungen in den einzelnen Gremien der Parteien dienen soll. Manuela Schwesig, Sozialdemokratin und Landeschefin in Mecklenburg-Vorpommern, ist da schon weiter: Gestern Abend kündigte die frisch mit überragender Zustimmung wiedergewählte Ministerpräsidentin eine mögliche Koalition mit der Linken an.

Was bleibt, sind viele Ehrungen

Der Große Zapfenstreich, mit dem gestern Abend zumindest vonseiten der Bundeswehr ein Schlussstrich unter den langjährigen Einsatz in Afghanistan gezogen werden sollte, war umstritten. Ähnlich ambivalent ist das Fazit, das mein Kollege Markus Decker aus dem RND-Hauptstadtbüro im Anschluss an das Gedenken in Berlin zog: „Als der reguläre Afghanistan-Einsatz am 30. Juni endete und die bis dahin letzten Soldatinnen und Soldaten vom Hindukusch auf dem niedersächsischen Fliegerhorst Wunstorf landeten, da glänzten die politisch Verantwortlichen durch Abwesenheit. Nach der Machtübernahme der Taliban und dem nötig gewordenen Evakuierungs­einsatz der Bundeswehr hat sich das Bild radikal gewandelt. Es gab – mit dem Finale am Mittwoch – schon fast ein Übermaß an Ehrungen“, schreibt er.

Lindern werden diese das Leid, die Trauer und die Enttäuschung der Truppe über das Versagen der Mission in Afghanistan wohl kaum, meint Decker. „Für jene Uniformierten, die traumatisiert oder physisch verletzt aus Afghanistan zurückkehrten, stellt sich wie für die vielen anderen nach zwei Jahrzehnten die Sinnfrage. Antworten darauf sind schwer zu finden. Denn die Taliban drehen die Uhr erbarmungslos zurück.“

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Zitat der Nacht

Das ist eine Tragödie für alle Betroffenen. Mir fehlen die Worte.

Kari Anne Sand, Bürgermeisterin von Kongsberg

In Kongsberg nahe Oslo hat ein Bogenschütze gestern Abend mindestens vier Menschen erschossen. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Der mutmaßliche Täter wurde gefasst. Hier lesen Sie den aktuellen Stand der Geschehnisse.

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„Komplett isoliert zu sein ist das Schlimmste“: Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland spricht Schauspieler Moritz Bleibtreu über seine Ängste, die Corona-Pandemie und das Szenario eines wochenlangen Blackouts, ein Katastrophen­szenario, das der Schauspieler nicht für komplett utopisch hält.

Das Rennen um die Corona-Impfstoffe 2.0 geht weiter: Zahlreiche Impfstoffhersteller testen Auffrischungs­impfungen gegen das Coronavirus. Die Vakzine zweiter Generation sind speziell an verschiedene Varianten des Virus angepasst – und sollen somit den Schutz vor einer Infektion erhöhen.

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Von 1998 bis 2005 ist SPD-Politiker Gerhard Schröder Bundeskanzler gewesen. Vor vier Jahren hat er den Golfsport für sich entdeckt – inspiriert von seiner Ehefrau. Dem Sportbuzzer verrät er sein Handicap und warum er niemals mit Donald Trump spielen wollen würde.

Termine des Tages

Die Welt im Kampf gegen Tuberkulose: Tuberkulose gehört zu den Infektions­krankheiten, die weltweit die meisten Menschenleben fordern. Wegen der Coronavirus-Pandemie wurden deutlicher weniger Menschen getestet und behandelt. Dies hat die Welt im Kampf gegen die Krankheit um Jahre zurückgeworfen. Die Weltgesundheits­organisation (WHO) berichtet daher heute über die Lage weltweit.

Vereidigung kurz nach dem Rücktritt: Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz soll heute in Wien als Abgeordneter vereidigt werden. Der 35-Jährige war nach Korruptions­vorwürfen von seinem Amt zurückgetreten. Er wurde inzwischen von der ÖVP-Fraktion einstimmig zu ihrem Vorsitzenden bestimmt.

Wie geht es weiter mit der Wirtschaft? Zuletzt hatten Lieferengpässe die deutsche Wirtschaft gebremst: Im Frühjahr hatten die Institute prognostiziert, dass nach dem coronabedingten Einbruch im Vorjahr das Bruttoinlands­produkt in diesem Jahr um 3,7 Prozent zulegt. Heute nun legen das Leibniz-Institut für Wirtschafts­forschung Halle, das Deutsche Institut für Wirtschafts­forschung, das Ifo-Institut, das Institut für Weltwirtschaft Kiel und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin die nächste Konjunkturprognose vor.

Was heute wichtig wird

In London wird heute unter anderem das Kunstwerk „Love Is in the Bin“ von Banksy versteigert. Ursprünglich „Girl with Balloon“ genannt, wurde es 2018 während einer Auktion von Banksy teilweise geschreddert. Der Künstler benannte sein berühmtes Bild danach um. Es soll nun noch mal versteigert werden, und Sotheby’s rechnet mit einem Erlös von 4 bis 6 Millionen Pfund (4,66 bis 7 Millionen Euro). Zuvor war „Girl with Balloon“ für 1,1 Millionen Pfund erworben worden. © Quelle: Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Der Podcast des Tages: Generation E

Wie sehen der Straßenverkehr, die Logistik und intelligenter Transport in gar nicht so ferner Zukunft aus? Mit unserem Gast – einem der führenden Mobilitätsexperten – schauen wir auf den ITS-Weltkongress, der in diesem Jahr in Hamburg stattfindet. In der Hansestadt werden bereits seit Monaten zukunftsweisende Projekte realisiert, und die Zukunft ist schon jetzt Realität.

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Ihre Dany Schrader

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