Eine Nacht in Nordkorea – mitten in Berlin

  • Das City Hostel in Berlin steht auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft.
  • Die Regierung versucht vergeblich die Unterkunft zu schließen, denn die Miete fließt direkt an den Diktator Kim Jong-Un.
  • Eine Nacht in dem Hostel, das es eigentlich gar nicht geben dürfte.
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Berlin. “Sie haben Ihr Ziel erreicht” lese ich auf meinem Handydisplay. Ich schaue hoch – und stehe vor einem mehr als zwei Meter hohen Zaun. Dahinter weht die blau-weiß-rote Fahne hoch oben in der Luft, direkt neben einem grauen Plattenbau: der nordkoreanischen Botschaft in Berlin.

Mein Ziel liegt allerdings nebenan. In großen gelben Buchstaben prangt dort City Hostel Berlin über dem Eingang. Hier werde ich heute die Nacht verbringen – in jenem Hotel, das gerade wieder Schlagzeilen machte, weil es eigentlich gar nicht existieren dürfte.

Bei der Suche nach dem Durchgang im Zaun überkommt mich ein erstes Unbehagen. Ein paar Meter neben einem Schaukasten, in dem Bilder des lächelnden Kim Jong-Un Werbung für die herrschende Diktatur in Nordkorea machen, sehe ich eine dicke verschlossene Stahltür. Kurz befürchte ich, dass dies der Eingang zu meiner heutigen Unterkunft ist, doch dann entdecke ich ein Stück weiter eine Lücke im Zaun, die es den Gästen ermöglicht, jederzeitig zu kommen und zu gehen.

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Im Schaukasten am Zaun der Botschaft hängen Bilder von Kim Jong-Un, der lächelnd Werbung für seine Diktatur macht.

Miete geht direkt an Nordkorea

Das ist normal für ein Hostel, doch die Unterkunft in der Glinkastraße hat eine Besonderheit: Da es auf dem Gelände der nordkoreanischen Botschaft steht, fließen die monatlich knapp 38.000 Euro Miete direkt an die nordkoreanische Regierung – und somit an den Diktator in Pjöngjang. Obwohl es seit 2016 eine UN-Resolution gibt, die es weltweit untersagt, von der Volksrepublik Immobilien zu pachten oder zu mieten, versucht die deutsche Regierung seit Jahren vergeblich, die Unterkunft zu schließen.

Nun fordern auch die Eltern des verstorbenen US-Studenten Otto Warmbier die Schließung. Nordkorea hatte ihren Sohn 2016 bei einer Reise durchs Land verhaftet und zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt, weil er ein Plakat aus einem Hotel gestohlen haben soll. Ein paar Tage, nachdem Warmbier 2017 wieder in die USA gebracht worden war, verstarb der 22-Jährige. Er hatte schwere Hirnschäden und soll zuvor lange Zeit im Koma gelegen haben.

Überwachungskameras auf den Gängen

Ich versuche, den Gedanken daran abzuschütteln, als ich die Stufen des Hostels hinaufsteige. Im Foyer empfängt mich zuerst ein sehr strenger, säuerlicher Geruch, dann ein Mitarbeiter an der Rezeption. Er händigt mir ein Handtuch und eine schlichte weiße Zimmerkarte aus. Als ich aus dem Aufzug aussteige, stehe ich in einem langen Flur, der durch Brandschutztüren unterteilt ist. Augenblicklich fühle ich mich in einen Gefängnisbesuch zu Schulzeiten zurückversetzt. Die Überwachungskameras, die ich an der Decke entdecke, machen das nicht besser. Vielleicht spielt mir mein Verstand nur einen Streich, doch das beklemmende Gefühl verschwindet auch nicht, als ich mein Zimmer betrete.

Der Schlafsaal ist spärlich eingerichtet. Immerhin gibt es einen Tisch und zwei Stühle. Bis auf drei doppelstöckige Gitterbetten, in denen dünne Schaumstoffmatratzen liegen, und einen Spint ist der Raum leer. Es hängt auch nichts an den Wänden, nicht einmal ein Plakat. Staub und Dreck gibt es dafür zur Genüge. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich wieder die Flagge – und den Zaun.

Mit mir übernachten vier weitere Gäste in dem Zimmer. Zwei junge Spanierinnen sind auf der Durchreise und für eine Nacht in der Stadt. Dass das Hostel Gewinne für Nordkorea abwirft, hören sie zum ersten Mal. “Das haben wir nirgendwo gesehen. Wir wussten nicht mal, dass nebenan die Botschaft ist”, sagt eine der beiden. Wie meinen Zimmernachbarinnen scheint es vielen Gästen zu gehen. Allen, mit denen ich mich an diesem Abend unterhalte, ist nicht klar, dass sie sich in einem nordkoreanischen Gebäude befinden.

Unterstützen Gäste Atomwaffenentwicklungen?

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Insgesamt hat das City Hostel 435 Betten und wirbt online mit der zentralen Lage in Berlin und den nahe gelegenen Sehenswürdigkeiten. Die benachbarte Botschaft findet allerdings keinerlei Erwähnung.

Meine Übernachtung habe ich direkt über die Website des Hostels gebucht. Da Einzel- und Doppelzimmer nicht verfügbar waren, entschied ich mich für eine Nacht im Sechsbettzimmer – zu einem unschlagbaren Preis von 10 Euro. Zahle ich dafür indirekt einen hohen Preis, indem ich mit meiner Buchung die Entwicklung nordkoreanischer Atomwaffen unterstütze?

Der Betreiber widerspricht einer Verbindung zu dem Unrechtsstaat vehement: Das City Hostel beabsichtige nicht, mit seinen Mietzahlungen, Nordkoreas Nuklearprogramme oder ähnliches mitzufinanzieren, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Miete fließe aufgrund der UN-Sanktionen auf ein Sperrkonto.

Keine normale Hostel-Stimmung

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Zurück in der Lobby entdecke ich einen Bildschirm, der Schwarz-weiß-Videos von verschiedenen Gängen zeigt – die Bilder der Überwachungskameras, die ich zuvor auf dem Flur entdeckt habe. Der Eingangsbereich des Hostels ist verhältnismäßig groß und verhältnismäßig leer. Die wenigen Einrichtungsgegenstände, die herumstehen, scheinen nicht zusammenzupassen: An einer Wand neben der Rezeption prangt ein Graffiti der Berliner Mauer. Auf der anderen Seite steht ein Konzertflügel, auf dem ein Schild steht mit dem Hinweis “Klavier bitte nicht spielen. Es ist nur Dekoration". Unweigerlich muss ich an die Szene aus dem Film “The Interview” denken, in dem sich ein gut gefüllter nordkoreanischer Supermarkt als Propaganda-Fake entpuppt.

Ein paar Meter weiter hängen ein paar einsame Weihnachtskugeln an einem Plastikbaum. Ein großes Regal steht bei einer kleinen Sitzecke, darin nichts weiter als eine Handvoll Bücher. Dahinter erstreckt sich der Bar- und Frühstücksbereich. Doch obwohl hier am Abend viele Gäste sitzen, fehlt von dem üblichen Hostel-Getummel jede Spur.

Wo sich in anderen Unterkünften Rucksackreisende lautstark an der Bar unterhalten und Geräusche von Billardkugeln und Bierflaschen Normalität sind, herrscht hier verhaltene Stille. Generell wirken die wenigsten der Gäste wie reiselustige Studenten. Viel eher kommen hier anscheinend Leute unter, die einfach nur für wenig Geld ein Bett in Berlin brauchen.

So karg wie der Rest des Hostels sind auch die Sanitäranlagen ausgestattet. Drei Duschen und drei Toiletten müssen für eine Etage reichen. Angesichts des beißenden Uringeruchs und des Schimmels im Waschraum, spare ich mir die Dusche am Morgen und checke in der Frühe aus.

Als ich auf die Straße trete, verflüchtigt sich das bedrückende Gefühl umgehend. Trotzdem bleibt eine gewisse Niedergeschlagenheit. Vielleicht liegt es am schlechten Gewissen, mit meiner Übernachtung einen Unrechtsstaat unterstützt zu haben. Oder einfach nur am miserablen Zustand dieser Unterkunft.

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