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Eine Bilanz des Schreckens

Joseph Ratzinger bei seiner ersten Predigt nach der feierlichen Weihe zum Erzbischof der Erzdiözese München und Freising im Münchner Liebfrauendom.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es war eine bedrückende Stille, als Rechtsanwalt Martin Pusch gestern in München mit seinen Kolleginnen und Kollegen das Missbrauchs­gutachten für das Erzbistum München und Freising vorgestellt hat. Er sprach von einer „Bilanz des Schreckens“. Auf mehr als 1800 Seiten (PDF) haben die Juristen minutiös Dutzende Missbrauchsfälle im Raum der Kirche aufgearbeitet. Sexuelle Übergriffe auf Kinder, kinder­pornografische Videos und wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Priester, die trotzdem erneut in der Seelsorge eingesetzt wurden. Obwohl Verantwortliche Bescheid wussten, ging der Missbrauch jahrelang systematisch weiter. Es sind schockierende Schilderungen in einem Ausmaß, die so noch nie in der katholischen Kirche ans Tageslicht gekommen waren.

Zwischen 1945 und 2019 habe es mindestens 497 Opfer sexualisierter Gewalt gegeben, so die Bilanz des Gutachtens. Ein Priester soll sich allein zwischen Frühsommer und November 1984 an insgesamt zwölf Jungen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren vergangen haben. Doch die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein, schätzen Experten wie der Missbrauchs­beauftragte der Bundes­regierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Selbst ihm hätten die Ergebnisse der Gutachter die Sprache verschlagen. „Das Gutachten zeigt eine beschämende Kaltherzigkeit der höchsten Kleriker im Umgang mit missbrauchten Kindern“, sagte er mir im Gespräch kurz nach der Veröffentlichung des Gutachtens. „Allein die deutliche Einschätzung der Gutachter, dass es eine vollständige Nicht­wahrnehmung der betroffenen Kinder und der Folgen für ihr Leben gab, hat mich tief schockiert.“

Brisant ist, dass auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. im Fokus steht, der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München war. Dass pädophile Priester während seiner Amtszeit Kinder missbraucht haben, davon habe er nicht gewusst, beteuerte er in einem 82-seitigen Schreiben. Benedikt erklärte darin zum Beispiel zu den Vorwürfen gegen einen Kleriker, weder als Priester in der Seelsorge noch als Religionslehrer habe sich der betroffene Priester auch nur „das Mindeste zuschulden kommen lassen“.

Eine bittere Aussage, die wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Denn Benedikt bestätigte damit einmal mehr den Eindruck, den auch die Gutachter hatten: Beim Umgang mit Missbrauchs­vorwürfen ging es den Verantwortlichen in der Kirche in erster Linie darum, den Ruf der Priester zu schützen.

Der Vatikan möchte nun in das Gutachten Einblick nehmen, sicherte allen Opfern seine Nähe zu und garantierte ihnen Schutz. „Leider sind diese Aussagen zur Glaubensfrage geworden“, kommentiert Chef­korrespondent Thoralf Cleven.

Papst Benedikt in Münchner Missbrauchsgutachten schwer belastet

Ein neues Gutachten belastet den emeritierten Papst Benedikt XVI. schwer. In vier Fällen habe es ein Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch gegeben.

Wie auch die Gutachter hält der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller Benedikts Leugnungen für wenig glaubwürdig: „Auf offener Bühne hat die Kanzlei Papst Benedikt der Lüge überführt und ihm kirchenrechtliche und strafrechtliche Verstöße in mindestens vier Fällen vorgeworfen“, sagte Schüller dem RND. Durch die Lüge sei Benedikts Lebenswerk massiv beschädigt und er beschädige damit auch das Papstamt. „Hier zeigt sich die Charakter­schwäche von Ratzinger, der niemals einen Fehler eingesteht.“

Und wie geht es nun in Deutschland weiter? Alarmierend ist der Vorwurf der Gutachter, dass im Erzbistum München der Fokus noch immer nicht auf den Betroffenen liege und Missbrauchs­opfer weiterhin vor großen Hürden stehen würden. Anders gesagt: Die großen Reden der Verantwortlichen von Veränderung waren nichts als leere Worte.

Die Rufe der katholischen Basis wirken unterdessen schon fast verzweifelt. „Wir müssen jetzt sofort ins Handeln kommen“, drängt einmal mehr Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentral­komitees der deutschen Katholiken. Sie forderte endlich einen konsequenten Kurswechsel in der Kirche. „Sonst müssen wir uns nicht wundern, wenn sich noch mehr Menschen von der Kirche abwenden.“ Ob es dafür nicht schon zu spät ist?

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