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  • Ein Stromkabel erzeugt Spannungen zwischen Griechenland und Türkei

1.400 Kilometer durchs Mittelmeer: Ein Stromkabel sorgt für Streit zwischen Griechenland und der Türkei

  • Ägypten, Zypern und Griechenland wollen ihre Elektrizitätsnetze mit einem Unterwasserkabel durchs Mittelmeer verbinden.
  • So soll in Zukunft Ökostrom aus Afrika nach Europa fließen.
  • Aber die Türkei droht, das Projekt zu torpedieren.
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Athen. Für den griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis ist das Vorhaben „absolut unverzichtbar für die Zukunft der europäischen Stromnetze“. Mitte Oktober unterzeichneten die Energieminister Griechenlands, Zyperns und Ägyptens eine Absichtserklärung über die Verlegung eines Stromkabels quer durchs östliche Mittelmeer.

Der sogenannte „Euroafrica Interconnector“ soll über eine Strecke von 500 Kilometern Ägypten mit der Insel Zypern verbinden und von dort über eine Distanz von weiteren 900 Kilometern zur griechischen Insel Kreta führen. Die Kapazität der Leitung soll bei 2000 Megawatt liegen.

Mit der Verbindung nach Kreta bekommt nicht nur der EU-Inselstaat Zypern erstmals einen Anschluss ans europäische Stromnetz. Wichtiger noch: Ökostrom, der in Ägypten aus Wasser-, Solar und Windkraft gewonnen wird, kann über das geplante Kabel nach Kreta und von dort durch bereits bestehende Leitungen über das griechische Festland, Bulgarien und Italien ins europäische Elektrizitätsnetz eingespeist werden. Premierminister Mitsotakis sieht sein Land als „Brücke, die es Ägypten ermöglicht, eine Schlüsselrolle für die Energiesicherheit Europas zu übernehmen“.

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Technisch ist das Projekt anspruchsvoll. Mit 1400 Kilometern wird die Leitung nicht nur eines der längsten Unterwasserkabel sein. Auch die Verlegung in Wassertiefen von bis zu 3000 Metern ist eine Herausforderung. Dennoch hoffen die Planer, das auf 2,5 Milliarden Euro veranschlagte Projekt bis 2023 fertigzustellen.

Aber es gibt eine große politische Hürde. Die Türkei legt sich quer. Die Regierung in Ankara versucht, das Vorhaben zu torpedieren. Zwischen Zypern und Kreta soll das Kabel durch ein Seegebiet verlaufen, das die Türkei als eigene Wirtschaftszone beansprucht.

Ende 2019 unterzeichnete der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan mit der damaligen libyschen Regierung ein Abkommen, mit dem beide Länder einen Korridor im Mittelmeer untereinander aufteilten – ohne Rücksicht auf die darin gelegenen griechischen Inseln Kreta, Karpathos, Kasos und Rhodos. Damit riegelten die Türkei und Libyen praktisch das östliche vom westlichen Mittelmeer ab.

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Ankara fordert, vor der Verlegung des Stromkabels müssten die Betreiber die Genehmigung der Türkei einholen. Darauf werden sich Griechenland, Zypern und Ägypten aber kaum einlassen. Denn das bedeutete die Anerkennung des türkisch-libyschen Abkommens, das nicht nur Athen, sondern auch die EU und die USA als völkerrechtswidrig ansehen.

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Es geht um mehr als die Stromleitung zwischen Ägypten und Europa. Auch die Verlegung eines bereits seit 2017 geplanten Unterwasserkabels von Israel nach Griechenland, das die EU fördert, und den Bau der Eastmed-Pipeline, die Erdgas aus dem östlichen Mittelmeer in die EU bringen soll, will Ankara abblocken. Denn diese Projekte würden die Rolle der Türkei als Energieknotenpunkt zwischen Asien und Europa schmälern.

Damit droht der seit Jahren schwelende Streit um die Wirtschaftszonen und Bodenschätze im östlichen Mittelmeer wieder zu eskalieren. Die Türkei beansprucht dort Seegebiete, die nach der UN-Seerechtskonvention den EU-Staaten Griechenland und Zypern als Wirtschafszonen zustehen. Ankara erkennt jedoch das Seerecht der Vereinten Nationen nicht an.

Im Sommer 2020 wäre der Konflikt fast in eine militärische Auseinandersetzung umgeschlagen. Griechische und türkische Kriegsschiffe lagen sich in den umstrittenen Seegebieten gefechtsbereit gegenüber. Auf Druck der EU, die Ankara mit Sanktionen drohte, und unter Vermittlung der deutschen Bundesregierung zog die Türkei ihre Kriegsschiffe schließlich zurück und willigte in Sondierungsgespräche zur Lösung der Streitigkeiten ein. Diese Kontakte haben bisher allerdings keine Annäherung erbracht.

Griechenlands Premier Mitsotakis gibt sich standhaft: Das geplante Kabel nach Ägypten spiele „eine Schlüsselrolle für die Energiesicherheit Europas“, sagt er. Griechenland brauche dafür „niemanden um Erlaubnis zu bitten“. Doch der Streit hat erhebliches Konfliktpotenzial: Die Türkei könnte versuchen, die Verlegung des Kabels mit ihren Kriegsschiffen zu verhindern.

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