• Startseite
  • Sport
  • Bundesliga startet mit einem Spieltag für die Geschichtsbücher

Ein Spieltag für die Geschichtsbücher – vor einem “Milliardenpublikum”

  • In der Corona-Krise gibt es im Fußball kaum Gewissheiten.
  • Wenn heute die Bundesliga vor leeren Rängen wieder startet, läuft hinter den Kulissen vieles anders.
  • Strikte Personalbegrenzung, kein Jubel – und Hygieneregeln für die Playstation.
|
Anzeige
Anzeige

Heiko Herrlich war ganz ohne Arg. Ganz unbefangen erzählte er öffentlich, dass er am Donnerstag das Mannschaftshotel verlassen hatte, um einkaufen zu gehen. Zahnpasta und Handcreme habe er sich besorgen müssen. Das Problem: Heiko Herrlich ist neuer Fußballtrainer des FC Augsburg und seit Tagen in einem Quarantänehotel untergebracht. So wie die gesamte Bundesliga. Quarantäne bedeutet, das Haus nicht zu verlassen. Das war eine der Bedingungen dafür, dass am heutigen Samstag das geschehen kann, was selbst eingefleischte Fans mit gemischten Gefühlen sehen werden: Der Fußball soll wieder rollen. Zumindest der Profifußball.

Wenn der FC Augsburg nun heute um 15.30 Uhr vor leeren Rängen den 26. Spieltag aufnimmt, wird Trainer Herrlich nicht dabei sein. Nach dem Verstoß gegen die strengen Quarantäneregeln der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verzichtete er nun freiwillig darauf, beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg auf der Bank zu sitzen: “Ich werde aufgrund meines Fehlverhaltens das Team am Samstag nicht betreuen”, sagte er reumütig. Es wäre sein Debüt für den FCA gewesen. Und somit kommt es zu einem weiteren Novum in der Bundesliga-Historie. Erstmals verpasst ein Trainer die erste Partie seines neuen Klubs.

Heute schauen neben unzähligen Fußballfans auch viele Kritiker zu

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Doch auch abseits dieser Kuriosität wird dieser erste Spieltag nach der zweimonatigen Corona-Pause in die Geschichte eingehen. Wochenlang wurde von der eigens gebildeten “Taskforce” ein 41-seitiges Hygienekonzept erarbeitet, welches nun als Blaupause für andere Sportarten dienen soll. Die Bundesliga ist die erste der fünf europäischen Topligen, die ihren Spielbetrieb wieder aufnimmt. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss von Bayern München, erwartet deshalb – und aufgrund der Geisterspiele ohne Zuschauer – ein “Milliardenpublikum” an den TV-Bildschirmen. Und Toni Kroos, deutscher Nationalspieler in Diensten von Real Madrid, sagte: “Man hat hier den Eindruck: Wenn die Deutschen das nicht hinkriegen, dann keiner.”

Heute schauen allerdings nicht nur unzählige Fußballfans von Argentinien bis Australien, von Kanada bis Russland zu, sondern auch viele Kritiker – so viel ist sicher. Eine repräsentative ARD-Umfrage ergab, dass sich 56 Prozent der Deutschen gegen einen Bundesliga-Neustart aussprechen. Der Ball rollt trotzdem. Das TV-Geld muss fließen. Die Konferenz zeigt Sky heute ausnahmsweise im Free-TV.

Aber wie genau soll das eigentlich funktionieren, ein Bundesliga-Spieltag in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsverboten?

Anzeige

Die Liga hat einen Plan erarbeitet, er lautet “Sonderspielbetrieb im Profifußball”. Jeweils 322 Menschen werden demnach heute in den sechs Stadien sitzen. Mehr dürfen nicht, weniger geht nicht. “Notbetrieb” nennt es Max Eberl, Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach. Notbetrieb, um den Klubs die Existenz und damit 56.000 Arbeitsplätze zu sichern.

Regeln zum Wäschewaschen

Seit einer Woche befinden sich die 36 Profiklubs in Quarantäne. Abgeschottet in Hotels, die extra für sie geöffnet wurden. Fast ohne Personal, die Dienstleistungen erbringt der klubeigene Betreuerstab. Das Essen wird nicht in Büfettform gereicht, ihre Betten müssen die Spieler selbst machen. Mit den Freizeitbeschäftigungen der Kicker scheint die Liga übrigens bestens vertraut und warnt deshalb in einem Passus: “Vorsicht bei der Verwendung von Playstations anderer Personen.”

Video
Zum Neustart der Bundesliga – die SPORTBUZZER-Schalte
8:54 min
Die Bundesliga wagt den Re-Start am 16. Mai.  © Heiko Ostendorp, Sebastian Harfst/RND

Sogar die Luftzufuhr wird von der DFL vorgeschrieben: “Nicht zu trockene Luft über die Klimaanlage (21 Grad, Luftfeuchtigkeit: 50-60 Prozent).” So steht es in dem Konzept, dass von den Landesregierungen abgesegnet wurde. Auch das Vorgehen bei der Wäsche, welche die Profis im Falle eines positiven Tests in Quarantäne eigenhändig waschen müssen, ist genauestens beschrieben: “Mit Wasser und Seife beziehungsweise in der Waschmaschine bei 60 bis 90 Grad mit einem pulverförmigen Vollwaschmittel und Trocknung, möglichst im Wäschetrockner.” Den Weg aus dem Hotel zum Trainingsplatz durften die Spieler nur mit Maske zurücklegen, jeden Tag bis zum Spiel mussten Symptomformulare ausgefüllt werden, alle drei Tage wurden die Kader auf Covid-19 getestet.

Klubs machen rund 2 Millionen Euro Verlust bei Geisterspiel

Anzeige

Heute wird es dann ernst. Die Bundesliga steht unter weltweiter Beobachtung. Sogar die “New York Times” berichtet seit Tagen ausführlich über den geplanten Re-Start. Im Mittelpunkt steht dabei das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04. Normalerweise fiebern hier mehr als 80.000 Anhänger mit, davon rund 26.000 auf der größten Stehtribüne der Welt. Heute ist der Signal-Iduna-Park fast leer. Man wird die Anweisungen der Trainer hören wie bei einem Kreisligakick oder einem Freundschaftsspiel. Die Spieler sollen nicht auf den Rasen spucken oder sich beim Jubeln umarmen. Fußball light.

Die Stadien sind in drei Zonen aufgeteilt: In Zone eins (Innenraum und Spielfeld) dürfen sich 98 Personen aufhalten, in Zone zwei (Tribüne) 115, in der dritten Zone (Außenbereich) sind es 109. Um das Ganze in Relation zu setzen: Bei einem durchschnittlichen Bundesligaspiel sind außerhalb von Corona-Zeiten alleine rund 250 bis 300 Mitarbeiter der Heimmannschaft im Einsatz – nun nicht mal ein Zehntel davon.

Nach RND-Informationen machen die Klubs rund 2 Millionen Euro Verlust bei einem Geisterspiel. Die Hälfte der Summe durch ausbleibende Ticketeinnahmen, die andere Hälfte durch fehlende Gastronomie-, Werbe- und Merchandisingeinnahmen. Hinter den Kulissen vieler Klubs wurde heiß diskutiert, Szenarien durchgespielt, Ideen entwickelt. Am Ende ging es vor allem um zwei Fragen. Erstens: Wie können wir die Verluste einigermaßen im Rahmen halten, ohne die Regeln zu missachten? Zweitens: Die Anwesenheit welcher Mitarbeiter ist dafür unerlässlich?

Anzeige

Präsidenten bleiben zugunsten von Ordnern zu Hause

Für das “Mittelkreisbanner”, also das riesige Plakat, welches unmittelbar vor dem Anpfiff auf dem Platz ausgerollt wird (und auch im TV zu sehen wäre), kassieren die Vereine beispielsweise fünfstellige Summen – allerdings sind mehr als zehn Personen nötig, um diese schwere Werbefläche überhaupt tragen zu können. Zu viele.

Ein anderes Beispiel: Mit den digitalen Werbebanden können die Klubs in einem Spiel Dutzende Premiumsponsoren bestmöglich präsentieren. Allerdings braucht es drei Techniker plus einen “Supervisor”, um den technischen Ablauf sicherzustellen. Mit statischen Werbebanden können gerade mal fünf Partner abgedeckt werden. Ein schwieriges Abwägen für die Verantwortlichen.

Aus diesen Gründen versuchen die Veranstalter die vorgegebenen Möglichkeiten so effektiv wie möglich auszunutzen. Bei einigen Klubs bleibt der Präsident oder ein Vorstand freiwillig zu Hause, um dafür einem Ordner oder Techniker den Zugang ins Stadion zu ermöglichen. Andere Vereine verzichten auf die vier Delegationsplätze bei Auswärtsspielen und nehmen stattdessen “wichtigere” Mitarbeiter mit.

Dortmunds Polizeipräsident: “Wir setzen auf Vernunft”

Auch die Fanshops bleiben am Spieltag geschlossen, Bier gibt es nicht mal in den Innenstädten der Austragungsorte. In Dortmund wird der Stadionvorplatz gesperrt, damit sich keine Fans zur Busankunft versammeln – auch wenn die hartgesottenen Anhänger bereits angekündigt hatten, dort fernzubleiben.

In anderen Städten werden die Zufahrtsstraßen abgeriegelt. “Der Aufwand ist kaum geringer als bei einem normalen Derby”, sagt Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange. An verschiedenen Stellen in der Stadt müsse man “damit rechnen, dass es Gefahrensituationen geben kann. Wir setzen auf die Vernunft, aber wir wissen, dass es auch Unvernünftige gibt.”

Für Einsätze außerhalb der Arenen müsste wohl der Steuerzahler zahlen. Denn anders als bei Hochrisikospielen, bei denen Auseinandersetzungen rivalisierender Fangruppen erwartet werden und die DFL an den Kosten beteiligt werden kann, geht es “bei der aktuellen Debatte um mögliche Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz, da Menschenansammlungen derzeit bundesweit verboten sind”, wie eine Sprecherin des Bremer Innensenators Ulrich Mäurer (SPD) auf RND-Anfrage mitteilte. Heißt: Kosten für Polizeieinsätze im Zuge von Geisterspielen müssen vom Land übernommen werden, auch wenn diese ohne die Austragung von Geisterspielen gar nicht anfielen. Immerhin lassen Wortmeldungen aus der Szene der Fanklubs und Ultragruppen vermuten, dass mit größeren Fanansammlungen in Stadionnähe eher nicht zu rechnen ist.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen