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Kassenarzt-Chef: „Ein Lockdown ist keine langfristige Strategie“

  • Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Gassen glaubt nicht, dass mit dem Lockdown die Infektionsrate und die Zahl der Corona-Toten deutlich gesenkt werden kann.
  • Er fordert stattdessen mehr Anstrengungen, um die Risikogruppen zu schützen.
  • Der Mediziner im exklusiven RND-Interview.
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Berlin. Andreas Gassen ist Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe. Seit März 2014 ist er Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie ist die Dachorganisation der 17 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen und die politische Interessenvertretung der rund 175.000 in Praxen ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten.

Herr Gassen, Anfang November hat Ihre Organisation zusammen mit anderen Ärzteverbänden in einem viel kritisierten Positionspapier vor erneuten Lockdowns mit dem Argument gewarnt, der Schaden sei größer als der Nutzen. Sehen Sie das immer noch so?

Es bleibt dabei. Ein Lockdown ist eine Notbremse und keine geeignete langfristige Strategie, um die Zahl der Todesfälle nachhaltig deutlich zu senken. Das zeigen alle internationalen Erfahrungen. So hat Spanien mit extrem harten Beschränkungen letztlich prozentual mehr Tote zu beklagen als die USA. Wir haben vor diesem Hintergrund damals erwartet, dass der deutsche Lockdown light im November nur eine geringe Wirkung haben wird. Inzwischen wissen wir: Er hat fast nichts gebracht. Insbesondere die Zahl der hochbetagten Todesopfer ist ungebremst weiter gestiegen.

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Wird der harte Lockdown nun etwas bringen?

Wir können es nur hoffen, denn wir stehen angesichts der zunehmend hohen Auslastung unserer Intensivstationen bald mit dem Rücken zu Wand. Allerdings bin ich skeptisch. Ich habe große Zweifel, ob es mit den jetzt in Kraft gesetzten Beschränkungen gelingen wird, die Infektionszahlen und insbesondere die Zahl der Todesfälle unter den Älteren deutlich zu senken. Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zum 10. Januar eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreichen werden.

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Und wenn der Lockdown länger dauert?

Es ist schwer vorstellbar, dass der von der Politik als Messlatte genannte Wert von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen durch diesen Lockdown nachhaltig unterschritten werden wird – egal, ob der Lockdown nun drei oder zehn Wochen dauert. Nochmal: Ein Lockdown, egal wie hart, ist keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung.

Wissenschaftler rechnen vor, dass wir eine Chance haben.

Es sind die gleichen Wissenschaftler, die uns Ende Oktober gesagt haben, dass der Teil-Lockdown der Wellenbrecher sein wird. Treten deren Vorhersagen nicht ein, dann gibt man der Bevölkerung die Schuld , die sich angeblich nicht richtig verhalten hat. Es ist eigentlich das Wesen der Wissenschaft, dass man Theorien ständig hinterfragen muss. Das gilt erst recht in der derzeitigen Situation.

Klar ist doch aber, dass durch einen harten Lockdown die Zahl der Kontakte weiter minimiert wird. Das muss doch etwas bringen.

Die Hoffnung bei einem Lockdown ist, dass durch die Kontaktreduktionen die Neuinfektionen massiv sinken und so letztlich auch die Neuinfektionen bei vulnerablen Gruppen. Soweit die Theorie. Das Ziel muss sein, die verletzlichen Bevölkerungsgruppen grundsätzlich deutlich besser als bisher zu schützen. Denn hier gibt es die meisten Todesopfer. Ein über 80-Jähriger hat ein 3000-fach höheres Risiko an Corona zu versterben, als ein unter 20-Jähriger. Wir müssen diese fürchterlichen Todeszahlen in den Alten- und Pflegeheimen senken. Wenn nun neben den Gaststätten für einige Wochen auch Möbelhäuser oder Baumärkte geschlossen werden, hat das auf das Infektionsrisiko von Pflegeheimbewohnern allerdings unmittelbar keinen Einfluss. Wir brauchen unverändert eine Langfriststrategie.

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Wie sollte diese aussehen?

Einige unserer Forderungen aus dem November wurden schon aufgegriffen, zum Beispiel mehr Tests in Pflegeeinrichtungen und die Verwendung von FFP2-Masken. Das muss nun konsequent umgesetzt werden. Das Personal muss täglich getestet werden, kein Besucher darf ein Heim ohne negativen Schnelltest betreten. Und dann müssen wir schon jetzt eine Strategie entwickeln, was nach dem Ende des jetzigen Lockdowns passieren soll. Denn selbst dann, wenn er hoffentlich eine Wirkung haben sollte, wird diese ohne zusätzliche Maßnahmen nicht nachhaltig sein.

Haben Sie auch dafür Ideen?

Wir brauchen Konzepte, um die Kontakte zu reduzieren oder sicherer zu machen, ohne das öffentliche Leben lahm zu legen. Ansonsten sind die Kollateralschäden für die Gesellschaft, für unsere Kinder und auch für die Wirtschaft viel zu hoch. Deshalb müssen wir die Menschenströme entzerren, zum Beispiel durch den Einsatz von mehr Bussen und Bahnen sowie subventionierten Taxifahrten für Risikogruppen. Der öffentliche Personennahverkehr ist doch derzeit ein einziger Hotspot. Man könnte auch über eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten sprechen, um die Kundenströme zu entzerren. Wichtig ist, dass ein ganzer Strauß von Maßnahmen entwickelt wird, der dann regional angepasst verwendet werden kann.

Mit ihrem Plädoyer gegen einen Lockdown bekommen Sie Beifall in der Querdenker-Szene. Stört Sie das nicht?

Ich möchte kein Kronzeuge für Bekloppte oder Radikale sein. Aber das Problem ist doch: Es gibt gefühlt nur noch Schwarz und Weiß. Wir sind kaum mehr in der Lage, einen rational ausgewogenen Diskurs zu führen. Wer die politischen Entscheidungen kritisiert, auf den wird gleich verbal eingeprügelt – offenbar auch deshalb, weil die Befürworter selbst wissen, dass das alles nicht der Weisheit letzter Schluss ist. So darf es jedenfalls nicht weiter gehen.

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Welche Veränderungen können Sie sich bei der Corona-Warn-App vorstellen?

Jede pauschale Aufweichung des Datenschutzes halte ich für problematisch, weil die Menschen die App dann einfach löschen würden. Aber vorstellbar ist zum Beispiel, dass die Weiterleitung eines positiven Testergebnisses automatisch erfolgt, solange der Nutzer nicht aktiv widerspricht. Dann wäre eine große Schwachstelle der App beseitigt.

Eine Entlastung der Lage dürfte durch die bald zur Verfügung stehenden Impfungen erreicht werden. In Deutschland soll es eine Priorisierung geben. Ist die entsprechende Empfehlung der Ständigen Impfkommission sinnvoll?

Grundsätzlich ja. Bei begrenztem Impfstoff muss priorisiert werden. Sowohl bei der Impfung von Risikogruppen als auch bei der von ärztlichem und pflegerischen Personal gibt es gute Gründe für eine Rangfolge. Wichtig sind allerdings klare und nachvollziehbare Regeln. Solange in zentralen Impfzentren geimpft wird, sollte die Priorisierung nach leicht feststellbaren Kriterien erfolgen, also Alter oder Beruf. Sobald ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stehen, die nicht so extrem tief gekühlt werden müssen, sollte das Impfen so schnell wie möglich in die Arztpraxen verlagert werden. Dann stellt sich das Problem der Rangfolge hoffentlich auch nicht mehr.

Wann wird die Bevölkerung durchgeimpft sein, um die Herdenimmunität zu erreichen?

Das ist weniger eine Frage der Impfkapazität als vielmehr die der Verfügbarkeit von Impfstoffen. Wäre genug da, könnten wir das in zwei, drei Monaten schaffen. Da die Impfdosen aber erst schrittweise geliefert werden, rechne ich damit im Sommer. Wenn jeder, der es möchte, eine Impfung bekommt, können wir auch die Beschränkungen aufheben.

Und wer sich nicht impfen lassen will?

Ich halte nichts von einer Impfpflicht. Aber klar muss doch sein: Wer sich bei breiter Verfügbarkeit eines Impfstoffes nicht impfen lassen will, muss dann auch mit dem Risiko leben, an Covid-19 zu erkranken oder gar daran zu sterben. Es kann nicht sein, dass der Rest der Gesellschaft dauerhaft auf Impfverweigerer Rücksicht nehmen muss.

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