Ein Lebensretter als Sündenbock

  • In Brüssel geht der Streit mit dem Impfstoff­hersteller Astrazeneca weiter.
  • Die Briten staunen derweil über den Umgang mit dem Unternehmen.
  • Geholfen ist damit niemandem.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

mal angenommen, Sie brauchen dringend eine bestimmte Sache. Nein, Sie brauchen sie sehr dringend – um ehrlich zu sein, sogar sehr, sehr dringend. Aber diese Sache haben nur ganz wenige Firmen im Angebot, und das auch nur in begrenzter Menge.

Frage: Wie würden Sie mit diesen Firmen umgehen?

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  • Möglichkeit A: zuvorkommend, freundlich, fördernd
  • Möglichkeit B: fordernd, bloßstellend, zurückweisend

Die EU (und damit wir alle) befindet sich gerade in einer solchen Situation. Und im Fall des Corona-Impfstofflieferanten Astrazeneca haben sich die Brüsseler Politiker für Option B entschieden. Besonders clever ist das nicht.

Gestern wurde es zwischendurch peinlich: Zunächst meldete die EU, dass der Impfstoffhersteller ein Krisengespräch abgesagt habe. Grund für das Treffen: Die Firma kann weniger Dosen liefern, als die EU sich wünscht. Kurz darauf dann das Dementi von Astrazeneca. Am Abend dann ein erstes Krisengespräch, das digital stattfand. Allerdings ohne Ergebnis. Die schützende Impfung könnte sich so für Millionen von Bürgern massiv verzögern.

Schon am Tag davor hatten sich Beobachter auf der Insel – vorsichtig ausgedrückt – gewundert, als in Deutschland Berichte über eine mangelnde Wirkung des Vakzins bei älteren Patienten aufkamen. Denn dafür gibt es bisher keinen Beleg. Dass deutsche Politiker diese Information gestreut hatten, war auch nicht clever.

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Astrazeneca: Dritter Corona-Impfstoff mit Lieferengpässen
1:27 min
Die Corona-Impfungen sollen mehr Fahrt aufnehmen – dazu soll auch der nächste Impfstoff beitragen, der kurz vor der Zulassung in Europa steht.  © dpa

Damit wir einander nicht missverstehen: Dass die EU zentral für alle Mitgliedsländer die wichtigen Corona-Impfstoffe organisiert, ist im Grundsatz richtig. Gemeinsam kann unser Kontinent stärker auftreten, als es einzelne Staaten könnten.

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Leider haben die Brüsseler Verhandlungsführer in diesem Fall wichtige Zeit verloren: Den Impfstoff von Astrazeneca haben sie später bestellt als die EU-Außenseiter aus Großbritannien. Eine feste Zusage für die gewünschte Menge haben sie nicht mehr bekommen. Deshalb müssen wir die Dosen nehmen, die noch übrig sind. Und deshalb sollten wir und unsere Vertreter vermutlich etwas netter mit dem Hersteller unseres rettenden Impfstoffs umgehen – auch wenn der weniger liefern kann, als wir uns das alle wünschen.

Zum Vergleich: In Großbritannien ist der Astrazeneca-Chef Pascal Soriot ein Held. Seinen Stoff will das Unternehmen auch an Entwicklungsländer verteilen, anders als andere Hersteller. In Brüssel wurde hingegen ein Sündenbock für eigene Versäumnisse gesucht – und gefunden. Geholfen ist damit niemandem.

Hoffen wir, dass wir Ihnen morgen die Eilmeldung zuschicken können, dass der Astrazeneca-Impfstoff – wie geplant – in der EU zugelassen werden kann. Vielleicht werden das Unternehmen und wir dann doch noch Freunde.

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Zitat des Tages

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Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Münchner jüdischen Gemeinde, gerichtet an Teile der AfD
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