Ein kluges Signal des Nobelkomitees

  • Der Friedensnobelpreis für das UN-Welternährungsprogramm ist ein Signal gegen Nationalismus im Allgemeinen – und speziell gegen Donald Trump.
  • Drei Wochen vor der Wahl in den USA wirbt das Nobelkomitee für multilaterale Zusammenarbeit, auch und gerade mit Blick auf die Pandemie.
  • Der Gong aus Oslo sollte allerdings auch die Deutschen aufhorchen lassen: Nationale Nabelschauen drohen überall, kommentiert Matthias Koch.
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In Erwartung der großen Nachricht aus Oslo strich sich Donald Trump schon seit Wochen den Schlips glatt. Der amerikanische Präsident glaubte allen Ernstes, er selbst könne den Friedensnobelpreis bekommen.

Trump sei diesmal “der Spitzenreiter”, hatte sein Nationaler Sicherheitsberater Robert O’Brien verkündet. Die Sprecherin des Weißen Hauses, Kayleigh McEnany, schwärmte: “Dieser Präsident hat Frieden rund um die Welt geschaffen.”

Die Washingtoner Blase ist geplatzt

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Das ist der Nachteil, wenn man sich nur mit Schmeichlern umgibt. Man verliert den Sinn fürs Reale. Trump hatte eine bloße Nominierung durch einen rechtspopulistischen norwegischen Parlamentsabgeordneten so wichtig genommen, dass er glaubte, den Preis so gut wie in der Hand zu haben.

Erneut haben sich seine Hoffnungen auf den Friedensnobelpreis nicht erfüllt: US-Präsident Donald Trump. © Quelle: imago images/UPI Photo

Diese Washingtoner Blase ist nun geplatzt. Aber mehr noch: Das Nobelkomitee hat Trump nicht nur nicht ausgezeichnet. Es hat mit der Ehrung des UN-Welternährungsprogramms sogar gezielt ein gegenteiliges Signal gesetzt.

Dieser Friedensnobelpreis ist eine Absage an Nationalismus und Nabelschau, ein Appell für internationales Weiterdenken, auch und gerade in Zeiten der Pandemie.

Drei Wochen vor der Wahl in den USA wirbt Oslo nun für mehr multilaterale Zusammenarbeit, rund um die Erde. Das geht exakt in die Richtung, in die Trump nie wollte. Internationale Organisationen sind ihm vom ersten Tag an suspekt gewesen. Aus Anstrengungen an dieser Stelle lassen sich nun mal keine Funken schlagen für nationalistische Kampagnen im eigenen Land.

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Friedensnobelpreis für Welternährungsprogramm
1:32 min
Das norwegische Nobelpreiskomitee begründete seine Entscheidung mit dem Kampf der UN-Organisation gegen den Hunger der Welt.  © Reuters

Nabelschauen drohen auch in Deutschland

Die Pandemie beflügelt derzeit überall das Egozentrische. Gebannt blicken auch die Deutschen aufs Infektionsgeschehen in den eigenen Städten. Aufgeregt diskutieren wir über Einschränkungen wie das Maskentragen im Supermarkt – und ignorieren ganze Weltregionen, in denen es wegen der Pandemie schon gar nichts mehr zu kaufen gibt.

"Impfung gegen Chaos": Nahrungsmittellieferung des UN-Welternährungsprogramms im Jemen. © Quelle: imago images/Xinhua
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In vielen Staaten gesellt sich eine neue Nahrungsmittelknappheit zu ungelösten alten Konflikten. Die Summe der Probleme könnte die Situation hier und da bald kippen lassen ins Höllische. Beispiele sieht man im Jemen, im Kongo, in Nigeria, im Südsudan. Hungernden erstmal etwas zu essen zu geben löst zwar nirgends das tiefer liegende Problem. Als “Impfstoff gegen das Chaos” aber, wie es das UN-Welternährungsprogramm selbst formuliert, funktionieren Nahrungsmittellieferungen sehr wohl; sie machen oft die Arbeit an zukunftstauglichen Lösungen erst möglich.

Eine neue Debatte über Gerechtigkeit

Mit dem Kampf gegen Hunger müssen sich übrigens auch alle beschäftigen, die keine neuen Flüchtlingsbewegungen wollen. Rechte Populisten in den reichen Staaten verschränken gern die Arme und predigen Abschottung. Wann werden die ersten darauf kommen, dass sie mit dieser Haltung das von ihnen selbst beklagte Problem eigenhändig verschärfen? Besser wäre es, dem UN-Welternährungsprogramm neben mehr Anerkennung auch mehr Geld zu geben.

Eine Welt, die sich auf mehr Miteinander einlässt, muss offen sein für eine neue Debatte über Gerechtigkeit. Die Pandemie hat Millionen von Menschen zu Hungernden gemacht. Im gleichen Zeitraum ist allein Amazon-Gründer Jeff Bezos persönlich um mehr als 30 Milliarden Dollar reicher geworden. Hält die Welt solche Diskrepanzen weiter aus?

Ein 60 Jahre alter Werbebutton für John F. Kennedy: Anfang der Sechziger Jahre war Unterstützung der USA für alle Programme der Vereinten Nationen eine Selbstverständlichkeit. © Quelle: imago images/Levine-Roberts

Zwei US-Präsidenten halfen Anfang der Sechziger Jahre, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Gang zu setzen, Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy. Damals saßen im Weißen Haus Männer, die nicht fragten, was die Welt vielleicht für sie tun kann, sondern was sie für die Welt tun können. Trump hat sich von diesem Geist nicht nur weit entfernt, er hat ihn pervertiert. Vielleicht finden die USA am 3. November zurück zu ihren besseren Traditionen. Es wäre ganz im Sinne des Nobelkomitees - und unzähliger notleidender Menschen auf der Welt.

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