Ein Hund im Büro? Abgeordnete fordern Ende des Verbots im Bundestag

Eine der ersten Aktionen des Parlementskreis Hund: Die Gruppe besuchte Mitte Juni die hundefreundlichen Geschäftsräume des Unternehmens Contorion/Stier.
Quelle: Wolfgang Kumm/dpa
Hannover. Die Tür fliegt auf und Bernd stürmt aus dem Büro. Ab sofort wehe hier, „in diesem Saustall“ ein ganz anderer Wind, brüllt der Chef – seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter drehen sich verwundert um. Bernd poltert weiter und gestikuliert. „Ich hab’s im Guten versucht, aber ich kann auch anders.“ Und als Allererstes, so viel sei klar, komme erst mal „diese Töle“ weg. „Ein Hund im Büro? Hallo?“
Die oben beschriebene Szene ist natürlich reine Fiktion. Es handelt sich um einen inzwischen legendären Handlungsstrang aus der Pro-Sieben-Mockumentary „Stromberg“. Versicherungsmitarbeiter Ernie bringt den Vierbeiner seiner verstorbenen Mutter mit ins Büro, Lulu heißt er. Chef Bernd Stromberg erlaubt das zwar zunächst – macht dann aber einen Rückzieher, als sich Betriebsprüfer Rudi Wippermann ankündigt.
Ganz weit von der Realität entfernt ist die Szene aber nicht. Auch wenn die Akzeptanz von Hunden in deutschen Büros steigt, so sind sie vielerorts weiterhin verboten – daran hat sich auch 19 Jahre nach der Erstausstrahlung „Strombergs“ wenig geändert. Und zu diesen Verbotszonen gehören auch einige der wichtigsten Büros des Landes: die des Deutschen Bundestags.
Hunde reduzieren Stress
Bislang zumindest. Eine Gruppe von rund 80 Abgeordneten nahezu aller im Bundestag vertretenen Fraktionen will das nämlich ändern. Mitte Mai hat sie sich erstmals zusammengefunden und den sogenannten Parlamentskreis Hund gegründet. Am Freitag, dem internationalen Tag des Bürohundes, versammelte sich die Gruppe vor Medienvertretern, um ihrem Anliegen eine höhere Schlagkraft zu verleihen.
Bei einem Parlamentskreis handelt es sich um kein offizielles Gremium – es ist vielmehr eine lose Zusammenkunft Abgeordneter mit gleichen Interessen und Hobbys, eine Art Freizeitbeschäftigung neben dem stressigen Arbeitsalltag in Berlin. Die Forderungen der Gruppe sind aber ziemlich konkret: Der Hund soll künftig auch Zutritt zum Bundestag haben dürfen.
„Es gibt hinreichende Studien, die eine Reduzierung des Stresslevels im Büro durch Anwesenheit eines Bürohundes belegen“, sagt Jens Beeck, Bundestagsabgeordneter der FDP und einer der Hauptorganisatoren der Gruppe, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Beeck verweist mitunter auf eine Untersuchung der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala. Demnach reichen schon Streicheleinheiten von wenigen Minuten, um beim Menschen das Kuschelhormorn Oxytocin auszuschütten und das Level des Stresshormons Kortisol zu senken.
Die Hausordnung sagt Nein zu Hunden
Der 53 Jahre alte Rechtsanwalt aus dem Emsland ist selbst Halter mehrerer Zwergdackel und Mischlinge, darunter die elf Jahre alte Zwergdackeldame Olivia. In seinem früheren Job habe Beeck diese noch mit ins Büro nehmen können – als Abgeordneter in Berlin gehe das nicht mehr. Und das, obwohl Olivia, genannt Livvy, „ein Paradebeispiel für die Fähigkeit zur Stressreduktion“ sei. „Was immer passiert – und vermeintlich unglaublich dringend ist – für eine kurze Streicheleinheit oder ein kurzes Ballspielen ist immer Zeit“, sagt der Politiker.
Bei Betroffenen einer posttraumatischen Belastungsstörung sei diese Wirkung längst unstrittig, so Beeck. Zeit also, den positiven Effekt eines Vierbeiners auch in die Büroräume des Bundestags zu tragen.
Bislang ist das nicht möglich: In der Hausordnung der Parlamentsverwaltung steht in Paragraf vier, Abschnitt fünf, eindeutig: „Das Mitbringen von Fahrrädern, (Elektro-)Rollern und Tieren – ausgenommen Blindenführhunde und Diensthunde, die im Auftrag der Polizei beim Deutschen Bundestag eingesetzt werden – ist nicht gestattet.“ Und Pläne, dies zu ändern, gibt es bislang keine.
Änderung der Hausordnung ist kompliziert
Den ersten Schritt will der Parlamentskreis Hund daher nun bei der Bundestagsverwaltung machen: „Dazu wird noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sein“, weiß Beeck. „Nicht nur in der Verwaltung, sondern bei allen Abgeordneten und Mitarbeitern.“ Die Gruppe wolle daher erst mal klein anfangen: Zunächst gehe es um die Mitnahme des Haustiers in die zugewiesenen Büros, nicht um die öffentlichen Bereiche. „Der Plenarsaal ist ausdrücklich nicht angesprochen“, betont der FDP-Politiker.
„Klar ist für uns …, dass wir gemeinsam nach einer Lösung suchen wollen“, sagt Beeck. „Meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern und mir ist natürlich sehr bewusst, dass bei mehr als 700 Abgeordneten und einer Vielzahl an Mitarbeitenden nicht jeder zwei Hunde mitbringen kann. Es geht darum, eine Lösung zu finden, die für alle akzeptabel ist.“
Tatsächlich könnte diese Änderung ein komplizierteres Unterfangen werden. Die Bundestagsverwaltung erklärt auf Anfrage des RND, dass sich die bestehende Hausordnung nicht einfach so ändern lasse. Diese werde vielmehr „durch die Präsidentin des Deutschen Bundestages nach Herstellung des Einvernehmens mit dem Geschäftsordnungsausschuss erlassen. Einer Änderung gehen regelmäßig Beratungen der im Deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen voraus. Hierzu nimmt die Bundestagsverwaltung grundsätzlich keine Stellung.“
Parlamentskreis findet viele Anhänger
Klar ist aber: Mit ihrem Anliegen hat der neu gegründete Parlamentskreis einen Nerv getroffen. „Der Hund scheint ein fraktionsübergreifender Konsens zu sein“, sagte die CDU-Politikerin Mareike Wulf, die sich ebenfalls in der Gruppe engagiert, der „Süddeutschen Zeitung“. „Es herrscht große Begeisterung, zusammen für das Ziel des Bürohundes im Bundestag zu kämpfen.“
Unter den Mitgliedern des Parlamentskreises sind demnach auch die beiden stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Andrea Lindholz (CSU) und Susanne Ferschl (Linke), aber auch Joe Weingarten von der SPD und Ophelia Nick von den Grünen. Die AfD sei nicht aktiv eingeladen worden, habe sich aber auch nicht gemeldet, heißt es vom Parlamentskreis.
Bei einem Pressetermin vor dem Bundestag machten die Abgeordneten am Freitag noch mal auf ihr Anliegen aufmerksam und brachten zum Fototermin natürlich auch ihre Hunde mit – oder wenigstens Fotos von ihnen. Unterstützung bekamen sie zudem von Markus Beyer, dem Vorsitzenden des Bundesverbands Bürohund.

Der Parlamentskreis Hund stellt vor dem Bundestag sein Anliegen der Presse vor.
Quelle: Büro Jens Beeck
„Das Konzept Bürohund funktioniert zum gegenseitigen fürsorglichen Wohl von Menschen, Hunden und Unternehmen“, so Beyer. „Die gelebte Praxis der heutigen Arbeitswelt zeigt, dass die gezielte Zulassung von Hunden sich längst als Erfolgsmodell etabliert hat. Eine Schlüsselrolle spielen dabei gut durchdachte Regelungen für die Zusammenarbeit. Ich bin zuversichtlich, dass auch für die Liegenschaften des Deutschen Bundestags entsprechende Regelungen gefunden werden können.“
Abgeordnete schmuggeln Hunde ins Büro
Ein Thema ist das Hundeverbot im Bundestag übrigens nicht erst seit Gründung des Parlamentskreises. Schon vor mehr als zehn Jahren gab es Bemühungen von 15 Abgeordneten, die fraktionsübergreifend einen Antrag in den Bundestag einbrachten, um ihre Tiere künftig mit zur Arbeit nehmen zu dürfen. Sonderlich erfolgreich war das damals nicht.
„Das ist Tierliebe in absurder Form“, kritisierte damals der CDU-Politiker Franz-Joseph Holzenkamp. „Bei einigen Kollegen steht offensichtlich das Tier mehr im Mittelpunkt als der Mensch.“ Den Anfang machten die Hunde. Irgendwann stünden die Hamsterkäfige im Plenarsaal oder streunten die Katzen durch den Bundestag.
Die tierliebenden Abgeordneten reagierten damals auf ihre Weise. Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ berichtete die SPD-Abgeordnete Ute Vogt von Kolleginnen und Kollegen, die ihre Tiere einfach ins Parlementsgebäude „schmuggeln“ würden. Konkret soll etwa der kleine Rauhaardackel Willi des SPD-Abgeordneten Friedhelm Julius Beucher übers Fenster in den Bundestag gebracht worden sein. CDU-Politiker Günther Oettinger habe seinen schwarzen Labrador des Öfteren mit in den Landtag Baden-Württembergs genommen. Auch das sei nicht wirklich erlaubt gewesen, sei aber geduldet worden.
Einzig für seine eigenen Interessen kämpfen will der neu gegründete Parlamentskreis Hund aber nicht. Das Projekt steckt zwar noch in den Kinderschuhen, viele weitere Themen böten sich aber in Zukunft an, sagt Beeck. „Das Diensthundewesen im Katastrophenschutz und bei der Bundespolizei, die Versorgung der versehrten Soldaten mit Assistenz- und Therapiehunden bei der Bundeswehr, im Gesundheitswesen und in der Altenpflege. Auch allgemeine Zutrittsregelungen, Welpenhandel oder Tierversuche können Themen werden.“
















