„Der Tag“

Ein früher Abschied aus Katar

Für Deutschland weht gerade kein günstiger Wind: Vor der Skyline von Doha tauchte dieser Tage ein arabisches Boot mit einem schwarz-rot-goldenen Segel auf.

Für Deutschland weht gerade kein günstiger Wind: Vor der Skyline von Doha tauchte dieser Tage ein arabisches Boot mit einem schwarz-rot-goldenen Segel auf.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es war ein seltsames Aus in einem seltsamen Turnier. Deutschlands 4:2-Sieg gestern Abend gegen Costa Rica konnte die Elf um Bundestrainer Hansi Flick nicht mehr retten.

Ist es Pech, ist es Verhängnis? Die Fußballnation, die einst ein Sommermärchen durchlebte, fand sich in einem winterlichen Horror wieder, ihr Wohl und Wehe war unentrinnbar verbunden mit einem Parallelspiel auf einem anderen Platz. Als Japan gegen Spanien in Führung ging, war das Aus der Deutschen bereits besiegelt – egal, wie sehr sie sich nun noch auf dem Rasen mühten. Die Fehlleistungen aus der missratenen Vorrunde fielen der deutschen Mannschaft auf den Fuß. Dass schon bei der WM 2018 das Aus in der Vorrunde kam, gibt dem Desaster von Katar etwas Beklemmendes.

Was nun? In den nächsten Wochen sind genaue Analysen fällig, sportliche, aber auch politische. Auf beiden Feldern haben die Deutschen in Katar zuletzt nur noch Kopfschütteln hervorgerufen. RND-Sportchef Heiko Ostendorp fordert in seinem Kommentar einen radikalen Umbruch im deutschen Team. Jeder Einzelne müsse hinterfragt werden.

Portugal und Brasilien schon weiter: Darum geht es in den Gruppen G und H

Während Portugal und Brasilien im Achtelfinale stehen, kämpfen Serbien und die Schweiz in Gruppe G sowie Ghana und Südkorea in Gruppe H noch um ihr Ticket.

Viele Araber in den Golfstaaten sahen sich düpiert, als Bundesinnenministerin Nancy Faeser mit einer „One Love“-Armbinde im Stadion saß. Katar selbst reagierte betont unaufgeregt - und sagte den Deutschen noch während ihrer Turnierpräsenz die erbetene Lieferung von jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas ab 2026 zu. Katar erscheint jetzt als der coolere Spieler. Das Ja zur LNG-Lieferung bringt dem Emirat aktuell kein Problem, illustriert aber, wer von wem auf lange Sicht etwas will. Die deutsche Politik indessen hat in den vergangenen Wochen ihr Katar-Dilemma nicht bearbeitet, sie hat es nur greller denn je beleuchtet.

Hilfloser Michel auf Weltreise

Dabei muss man bedenken: Bei allen Problemen um Macht und Moral rund um Katar geht es, relativ betrachtet, nur um Kleinigkeiten. Weit gravierender, von fast lähmender Tragik, sind die Probleme, die europäischen Politikerinnen und Politikern drohen, die nach China reisen. EU-Ratspräsident Charles Michel traf dort gestern auf Staatschef Xi Jinping.

Anfangs hatte sich Michel gefreut. Ein Termin bei Xi ist für jeden, der weltpolitisch nach Achtung und Beachtung strebt, ein Lottogewinn. Das Schicksal allerdings wollte es, dass Michel nun ausgerechnet als erster westlicher Politiker nach den jüngsten Massendemonstrationen in Peking eintraf. Was soll er in dieser Lage sagen? Sich hinter die Demonstrantinnen und Demonstranten stellen? Dann hat er es bei Xi ein für allemal vergeigt. Nur lauwarm über Demokratie und Versammlungsfreiheit sprechen? Dann gibt es zwar Augenrollen in Europa, aber immerhin gehen die Geschäfte weiter. Michel, Routinier der Realpolitik, entschied sich für Letzteres.

Handschlag ohne Maske, aber keine gemeinsame Pressekonferenz: Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates, am Donnerstag bei Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Peking.

Handschlag ohne Maske, aber keine gemeinsame Pressekonferenz: Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates, am Donnerstag bei Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Peking.

„Wer wertegeleitete Politik will, muss China gegenüber umdenken – und das China auch zeigen“, schreibt Steven Geyer in unserem heutigen Leitartikel. Dies sei die Lehre „aus dem Russland-Desaster“. Bei China allerdings seien die Verstrickungen noch komplizierter: „Ob Klimaschutz, Kriege und Krisen, ob Entwicklung des globalen Südens oder Handel und Wirtschaftswachstum – ohne Peking geht nichts mehr.“

Ceta und die Zeitenwende

Bleibt Europa am Ende also nur noch die Wahl zwischen diversen Variationen von Armseligkeit? Als Bittsteller musste sich gestern auch der Franzose Emmanuel Macron fühlen, der bei Joe Biden im Weißen Haus vorstellig wurde, um noch irgendwie zu erreichen, dass auch europäische Produkte auf dem amerikanischen Markt eine Chance bekommen: In Washington werden wieder mal Förderprogramme entworfen, von denen nur heimische Hersteller profitieren.

In dieser Lage erscheint das fast vergessene Handelsabkommen zwischen EU und Kanada wie ein Licht in dunkler Nacht. Der Bundestag hat Ceta gestern endlich ratifiziert, mit verblüffend breiter Mehrheit. Jahrelang war der Vertrag vor allem von den Grünen kritisch beäugt worden. Ist jetzt plötzlich alles gut bei Ceta? In sechs Fragen und Antworten analysieren wir, warum in Berlin das einst so ungeliebte Abkommen mit Kanada inzwischen sogar als vorbildhaft gilt. Auch hier hat die viel zitierte Zeitenwende ein Umdenken angestoßen.

Der Tag

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Zitat des Tages

Die Spendenbereitschaft in Deutschland hat ein neues Rekordniveau erreicht. Von Januar bis September wurde mit 3,8 Milliarden Euro an Geldspenden das bisherige höchste Ergebnis im selben Zeitraum des Vorjahres noch leicht übertroffen.

Der Deutsche Spendenrat

in seiner am Donnerstag veröffentlichten Bilanz

 

Leseempfehlungen

Im Interview mit Oprah Winfrey sprach Herzogin Meghan von Rassismus im britischen Königshaus. Das Thema geriet in Vergessenheit. Nun ist es, wie unsere London-Korrespondentin Susanne Ebner berichtet, mit einem Schlag zurück: Bei einem Empfang im Buckingham-Palast wurde die Aktivistin Ngozi Fulani gefragt, „aus welchem Teil Afrikas“ sie stamme.

Die ukrainische Rüstungsindustrie ist weitgehend zerstört, die Waffenlager des Landes sind bald leer: Ohne weitere Unterstützung aus dem Westen kann die Ukraine nicht mehr lange kämpfen. Wie kann Deutschland der Ukraine am besten helfen, sich gegen Russlands Vernichtungskrieg zu wehren? RND-Redakteur Sven Christian Schulz ist der Frage nachgegangen.

 

Aus unserem Netzwerk

Der frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier wurde als Rechtsextremist eingestuft. Nun soll er in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden, beschloss das Leipziger Dienstgericht. Doch nach dem Urteil ist vor dem Urteil, meint Maiers Anwalt gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“.

 

Termine des Tages

Im Bundestag geht es heute ums geplante Chancen-Aufenthaltsrecht für Ausländerinnen und Ausländer, die bereits seit fünf Jahren in Deutschland geduldet wurden. Profitieren sollen davon nur Ausländerinnen und Ausländer, die sich zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekennen. Straftäterinnen und Straftäter bleiben ausgeschlossen.

Um 10 Uhr informiert die Klimaschutz-Initiative Letzte Generation bei einer Onlinepressekonferenz über ihre Pläne zu weiteren Protestaktionen.

Um 15.25 Uhr beginnt im Bundestag auf Antrag der AfD eine Aktuelle Stunde zum Thema „Klimaextremismus als Gefahr für Staat und Gesellschaft“.

In Düsseldorf wird am Abend im Beisein von Bundeskanzler Olaf Scholz der Deutsche Nachhaltigkeitspreis vergeben, eine Auszeichnung für Spitzenleistungen der Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Kommunen und Forschung.

 

Was heute wichtig wird

Über den Weihnachtsbaum im Wandel der Zeit will heute der Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger die Öffentlichkeit informieren. Jüngere Deutsche neigen angeblich dazu, den Baum deutlich früher aufzustellen als die Älteren, nicht erst Heiligabend.

Weihnachtsbäume selber schlagen – für viele ist das schon längst Tradition. Ist der Baum gefällt, spitzt Klaus-Marten Thorn von Hof Thorn den Stumpf des Baumes an.

Was nicht passt, wird passend gemacht: Szene im Tannenland von Hof Thorn in Lübeck.

Die Käuferinnen und Käufer von heute allerdings geben sich im Zweifel mit einem etwas kostengünstigeren kleineren Exemplar zufrieden. Doch für die Branche gibt es Trost: Schon in den letzten Jahren wurden in Deutschland rund 30 Millionen Weihnachtsbäume verkauft – und der Trend geht inzwischen mehr denn je zum Zweitbaum.

 

Podcast des Tages: „Unsere Story“

Seit dem 20. November läuft die überaus umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Katar. Im Vorfeld gab es viel Kritik am Ausrichterland und an der Fifa. Wie läuft es aber vor Ort? Darüber sprechen wir in einer neuen Folge von „Unsere Story“ mit dem RND-Sportchef Heiko Ostendorp und dem RND-Sportreporter Roman Gerth, die beide vor Ort in Katar sind.

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Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Matthias Koch

 

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