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Ein Besuch in Mississippi: Wo der Kampf gegen den Rassismus begann

  • Kaum irgendwo sonst in den USA litten Afroamerikaner mehr als in Mississippi.
  • Aus dem Schmerz erwuchsen der Blues – und das Aufbegehren gegen den Rassismus.
  • Heute steht dieser Kampf unter dem Motto Black Lives Matter. Ein Blick auf die Ursprungsorte des Protests, der die Welt bewegt.
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Jimmy Dean „J. D.“ Peterson räumt die Tische ab im Hal & Mal’s, einer Bar in Jackson, Mississippi.

„Welcome, welcome!“, ruft er, als er uns erblickt. Für Weiße ist dieser Abend ein ungewohntes Erlebnis, denn wir sind hier in der Minderheit. Es sind fast nur Schwarze da. Die Liveband spielt Blues und Soul. Alle zwei Songs wechselt der Sänger.

Irgendwann steht J. D. selbst am Mikrofon und singt „A Change Is Gonna Come“. Es klingt wie ein Gebet. Das Lied von Sam Cooke war in den Sechzigerjahren eine Hymne der amerikanischen Bürgerrechts­bewegung. Es drückt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus, ein Amerika ohne Rassismus. „Es hat lange gedauert“, heißt es in dem Stück, „aber ich weiß, der Wandel wird kommen.“

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Wann endlich?

„Das weiß ich nicht“, antwortet J. D.

Schwarze erfahren immer wieder, dass das persönliche Glück, nach dem zu streben ein Verfassungsrecht aller US-Amerikaner ist, von der Hautfarbe abhängt. Die sozialen Unterschiede werden gerade jetzt, in der Corona-Pandemie, offenkundig. Afroamerikaner sind besonders betroffen, weil sie häufiger in Armut leben, seltener eine Kranken­versicherung oder Zugang zu einem gut ausgestatteten Krankenhaus in der Nachbarschaft haben. Wie der 61-jährige J. D. arbeiten Schwarze oft in einfachen Jobs ohne die Möglichkeit, sich ins Homeoffice zurückziehen zu können, um sich vor dem Virus zu schützen.

Die ärmste Ecke im ärmsten Bundesstaat

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Sam Cookes Vision aus dem Jahr 1964 ist kein nostalgischer Oldie. Im Gegenteil: Das Lied wirft ein schonungsloses Licht auf die Realität der heutigen Benachteiligten – allein schon, weil sie es noch immer singen müssen.

Die Black-Lives-Matter-Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd veranschaulichen, wie tief verwurzelt Ungleichheit und Unterdrückung in den USA sind. “I can’t breathe” waren Floyds letzte Worte, während ein weißer Polizist auf seinem Hals kniete. “Ich bekomme keine Luft mehr.”

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Millionen Menschen gingen seitdem im ganzen Land auf die Straße, um für ein besseres, gerechtes Amerika einzutreten. Auch viele Weiße interessieren sich diesmal für das Schicksal der Schwarzen.

Das Mississippidelta, die ehemalige Flutebene des Flusses, ist die ärmste Ecke im ärmsten US-Bundesstaat. Wer sich hier auf der schwarzen Seite der Bahnstrecke bewegt, die in vielen Städten bis heute die Viertel der Weißen und der Afroamerikaner trennt, kann viel über die Sehnsucht nach Veränderung erfahren. Hier haben die Menschen bei der Präsidentschafts­wahl vorwiegend für den Demokraten Joe Biden gestimmt.

Blues entstand auf den Baumwoll­plantagen Mississippis. Heute ist Cotton hier nicht mehr King. Doch Baumwoll­felder säumen viele Landstraßen noch immer wie gigantische weiße Teppiche. „Die Landschaft war perfekt flach und eben, und sie schimmerte wie der Flügel einer Libelle im Licht, so als wäre sie ein Instrument, das jemand berührt hat“, beschreibt die Autorin Eudora Welty aus Jackson (1909–2001) diese Gegend im amerikanischen Süden mit ihrer flimmernden Hitze.

Blues ist die Basis von allem

Blueserfinder wie Charley Patton und Robert Johnson lebten auf der Dockery-Plantage bei Cleveland. Und Blueserneuerer wie B. B. King und Muddy Waters, ebenfalls im Delta geboren, lernten von ihnen. Auch Elvis Presley stammt aus Mississippi. Manche meinen, der weiße Sänger habe den Schwarzen den Blues gestohlen – ein heikles Thema, schließlich ist er der ewige King. Aus armen Verhältnissen stammend, gilt Elvis nicht nur als die Inkarnation des amerikanischen Traums, er hat den Weißen auch „ihren Körper zurückgegeben“, wie es Black-Panthers-Mitbegründer Eldridge Cleaver formulierte.

„Wenn du den Blues nicht kennst, brauchst du erst gar nicht zur Gitarre zu greifen, um Rock ’n’ Roll oder jede andere Art von Popmusik zu spielen“, sagt Keith Richards von den Rolling Stones. Blues sei ehrlich und wahr, voller Leiden und Trauer.

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Blues ist die Basis. Ohne Blues gäbe es heute keinen Hip-Hop. Immer mehr Touristen kommen wegen dieses afro­amerikanischen Vermächtnisses und reisen auf dem Mississippi Blues Trail mit seinen mehr als 200 Bluesorten. Andere interessieren sich für die US-Bürger­rechts­bewegung, die 1955 nach dem Mord an dem 14-jährigen Schwarzen Emmett Till in Money endgültig erwachte. Mississippi gilt als Epizentrum des Widerstands gegen rassistischen Hass und Rassentrennung.

Zwischen 1882 und 1968 wurden in Mississippi laut der Bürgerrechts­organisation NAACP 581 vorwiegend schwarze Menschen gelyncht – so viele wie in keinem anderen US-Bundesstaat. Angesichts der Unmenschlichkeiten, die Weiße Schwarzen angetan haben, begleitet mich auf meinem Weg durchs Delta ein Gefühl von Beklommenheit. „Sie haben sie einfach getötet“, klagt eine Besucherin im Civil Rights Museum in Jackson. Sie geht an mir vorbei, doch ich höre ihr Weinen und ihre Fassungs­losigkeit noch eine ganze Weile. Ich spüre in diesem Moment meine eigene Hautfarbe; sie ist weiß.

Ben Wiley Payton

Ben Wiley Payton ist Hausmeister der Tallahatchie Flats in der Nähe von Greenwood. In sechs Holzhäusern, die von ehemaligen Baumwoll­plantagen hergebracht wurden, können Touristen übernachten. In solchen Hütten lebten früher die schwarzen, aber auch die armen weißen Arbeiter, die auf den Feldern schufteten.

Der Hausmeister ist selbst Bluesmusiker: Ben Wiley Payton von den Tallahatchie Flats in der Nähe von Greenwood, Mississippi. © Quelle: Mathias Begalke

Die kleine Anlage liegt an der Money Road, die zwei spukhafte Sehens­würdigkeiten miteinander verbindet: das mit Whiskey­flaschen und Bierdosen dekorierte Grab von Robert Johnson auf dem Friedhof der Little Zion Church – und Bryant’s Grocery. Emmett Till hätte ihr dort hinterher­gepfiffen, behauptete die weiße Frau des Laden­besitzers. Der Lebens­mittel­händler und dessen Halbbruder brachten den schwarzen Teenager daraufhin auf brutalste Weise um.

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Das Gebäude wurde nie abgerissen, sondern sich selbst überlassen. Heute sind die Überreste im Vorbeifahren hinter Bäumen, Efeu und Gestrüpp kaum zu erkennen. Wird die Ruine jemals ganz verschwinden? Unendlich langsam verfällt sie und wirkt deshalb wie ein Sinnbild für die Hartnäckigkeit von Rassismus.

Ben, der Hausmeister, ist selbst Bluesmusiker. Er lädt mich in seine Hütte ein. Ich kaufe Bier an der Tankstelle. Er trinkt lieber Rotwein und erklärt mir, wie B. B. King sein Gitarrenspiel von den klagenden, stöhnenden Gesängen der Baumwoll­sklaven auf den Feldern ableitete. „B. B. sah sich als Stimme der Gepeinigten“, sagt der 71-Jährige. „Seine Mission war es, Menschen durch seine Musik zusammen­zubringen.“ King hat dies selbst vorgelebt, indem er mit weißen Musikern wie U2 und Eric Clapton Platten machte und auftrat.

Zum Abschied spielt Ben ein paar Songs von Robert Johnson, ohne den die Rolling Stones wohl anders klängen. Weniger sinister. Sein „Love In Vain“ haben sie für ihr Album „Let It Bleed“ gecovert. Kopieren oder klauen würde Ben das nie nennen. „Man kann doch auch einem schwarzen Kind nicht verbieten, Beethoven zu spielen, wenn es Klavier lernen will“, sagt er. Für Künstler wie ihn oder B. B. King ist es normal, einander zuzuhören und sich inspirieren zu lassen, um dann etwas Eigenes zu erschaffen. Fremden­hasser sehen das gewiss anders.

Mary Frances Hurt-Wright

In der Schule ist Mary Frances Hurt-Wright von weißen Kindern mit Steinen beworfen worden. „Bloß weil wir auf dieselbe Schule gingen“, erzählt sie, während sie mich durch das Haus ihres Großvaters führt. Mississippi John Hurt gehörte zu den Bluesikonen. Daddy John, wie sie ihn nennt, war bereits 71, als er 1963 beim Newport Folk Festival auftrat und das Folk- und Bluesrevival der Sechzigerjahre mit einläutete. Drei Jahre später starb er. Mary Frances war damals acht. Im Wohnzimmer stellt sie sich vor ein Porträt ihres Opas. Sie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.

Vor Jahren schon hat sie das zuletzt als Scheune zweck­entfremdete Haus von Avalon auf ihr Grundstück in Carrollton transportieren lassen. Dort veranstaltet sie das Mississippi John Hurt Homecoming Festival. Der Weg dorthin führt über eine kilometerlange Schotterpiste. Hier kommt niemand zufällig vorbei.

„Das Haus hat mein Leben verändert“, erzählt die frühere Lehrerin. Bluesfans aus der ganzen Welt pilgern durch Staub und Schlaglöcher, um mehr über ihren Großvater zu erfahren. Daddy John habe sie gelehrt, „dass es nur eine einzige Rasse gibt: den Menschen, egal welche Hautfarbe er hat“. Mary Frances verlor durch diese Begegnungen ihre Bitterkeit.

Rassismus ist für sie eine Form von Ignoranz. „Ignoranz wird dir beigebracht“, sagt sie. Kinder unterschiedlicher Hautfarben spielten so lange unvoreingenommen miteinander, bis ihnen jemand die Vorurteile gewissermaßen vererbe. Niemand werde mit Vorurteilen geboren.

Doch nicht nur weiße Eltern reichen ihren Kindern die Ressentiments gegenüber Schwarzen weiter, auch schwarze Eltern warnen ihre Kinder vor den Weißen. „Meine Eltern machten mich darauf aufmerksam, dass ich in meinem Leben Schwierigkeiten haben werde, weil ich anders aussehe“, erzählt sie. „Wurde es schwierig? Ja. Absolut.“

Die Stimme ihres Großvaters, die voller Sanftmut und Liebe war, tröstet Hurt-Wright bis heute. „You got to walk that lonesome valley“, sang Daddy John, „well, you got to walk it for yourself.“

Taj Mahal

Wie ein Blues-Buddha sitzt Taj Mahal am „Gospel Sunday“ des Festivals auf einem Stuhl neben der Bühne. Der 78-jährige weltbekannte Musiker war am Vorabend aufgetreten. Nun lauscht er den Como Mamas. „I’m gonna trust in the Lord until I die“, singen die drei Frauen. Welche Bedeutung hat Blues heute? „Manche glauben, Blues sei Musik aus der Vergangenheit“, antwortet Henry Saint Clair Fredericks, wie Taj Mahal eigentlich heißt. „Das liegt daran, dass die Musikindustrie mit Blues kein Geld mehr verdient, so wie früher mal.“ Doch „irgendwo ist Blues immer populär“. Blues ist ein globaler Rohstoff.

„Das Publikum ist Teil der Vorstellung – wir sind alle da, um uns von dem zu befreien, was auf uns lastet“: Taj Mahal, der Blues-Buddha. © Quelle: Mathias Begalke

„Wenn du Blues singst, singst du nicht auf die Zuhörer hinab“, sagt der Musiker. „Das Publikum ist Teil der Vorstellung – wir sind alle da, um uns von dem zu befreien, was auf uns lastet.“

Taj Mahal versteht Blues als „eine Anleitung, die es ermöglicht, die Zuversicht nicht zu verlieren“. „Tschüs“, sagt er zum Abschied, auf Deutsch.

Zelena „Zee“ Ratliff

Die Nacht, in welcher der Teufel Robert Johnson Gitarrenunterricht gab, gilt als richtungsweisend für den modernen Pop. Laut Legende verkaufte Johnson an der Kreuzung zweier Straßen dafür seine Seele. In Clarksdale, wo die Highways 61 und 49 aufeinandertreffen, soll dies passiert sein. Dort wird viel fotografiert. Die Kreuzung ist ein Selfiehotspot.

Eine weniger bekannte Attraktion der Stadt unweit des Mississippi River ist das Riverside Hotel. Zelena „Zee“ Ratliff führt den Betrieb in dritter Generation. Eröffnet wurde das Hotel 1943 von ihrer Großmutter. Davor war es das Krankenhaus für Schwarze. Die Bluessängerin Bessie Smith starb dort am 26. September 1937 nach einem Autounfall. Eine Klinik für Weiße hatte sie zuvor abgewiesen.

Jeder der acht Räume im Haus ist einem Musiker gewidmet: Zelena „Zee“ Ratliff vor dem Riverside Hotel. © Quelle: Mathias Begalke

Im Riverside Hotel haben viele Stars übernachtet. Jeder der acht Räume ist einem dieser Musiker gewidmet. Bei meiner Ankunft nimmt Zee meine Hand und zieht mich couragiert in den Flur. Sie lässt erst wieder los, nachdem sie mir alles gezeigt hat.

Sie bringt mich im Zimmer von Muddy Waters unter. „Du reist in die Vergangenheit. In diesem Bett hat er geschlafen“, sagt die 53-Jährige. Gegenüber übernachtet Bluesfan Ron aus Vancouver in John Lee Hookers Bett.

Beim Einschlafen denke ich an Zees Geste. Vermutlich würde die Welt besser sein, wenn mehr Menschen einander die Hand reichten – trotz aller Angst vor dem Unbekannten und dem Fremden. Doch so einfach ist es nicht. Nicht nur in den USA sind spaltende, demokratie­feindliche Stimmen immer lauter geworden. Der Lauteste ist Nochpräsident Donald Trump. Er verunglimpfte die Millionen Amerikaner, die sich im ganzen Land für soziale Gerechtigkeit und Versöhnung starkmachten, als linken, gewalttätigen „Mob“.

Jared „Jay B.“ Boyd

Dem jungen Elvis Presley, so wird Touristen in Tupelo erzählt, waren die Regeln der bis in die Sechzigerjahre hinein bestehenden Rassentrennung egal. Wenn er mit seinem schwarzen Kumpel ins Lyric Theatre ging, wie das Kino hier hieß, benutzte er den Eingang für die Weißen. Drinnen aber soll er über die Absperrung geklettert sein, um sich den Film auf der Seite der Schwarzen anzusehen.

Als Elvis 13 Jahre alt war, zog die Familie nach Memphis, Tennessee, wo er zum ersten globalen Popphänomen wurde. Elvis bewunderte schwarze Künstler. Er schlich in Gospel­gottes­dienste und Konzerte von Schwarzen und wurde schließlich wohlhabend und berühmt, weil er ein weißer Sänger war, der wie ein schwarzer performte. Einerseits setzte sich Elvis über die Rassentrennung hinweg. Andererseits hängte er schwarze Künstler wie Big Mama Thornton ab. Sie hatte „Hound Dog“ im Original gesungen.

In Graceland, dem Anwesen von Elvis, sieht man seine Overalls, die Autos, die Flugzeuge, den Erfolg, den Größenwahn und das Grab. Es fällt auf, dass die Besucher vorwiegend weiß sind. Elvis hat offensichtlich kaum schwarze Fans. Woran liegt das?

„Liebe ich Elvis? Nein. Hasse ich Elvis? Nein. War Elvis ein Rassist? Nein. Hat Elvis von einem System profitiert, das Schwarze ausbeutet? Absolut“, sagt Jared „Jay B.“ Boyd. Er bezeichnet Elvis als „ein Symptom eines größeren Systems, das wie viele andere Systeme in den USA die schwarze Selbstständigkeit untergräbt“.

Jay B. ist Reporter bei der Onlinezeitung „The Daily Memphian“ und DJ. Barack Obama folgt ihm auf Twitter. Man kann ihn in einem der neuen, schicken Hotels der Stadt treffen, dem Central Station Memphis. Dort in der Bar legt er für ein gemischtes Publikum auf.

„Der Schein trügt. Es fühlt sich anders an“, sagt er. Die Harmonie nennt er „furnierartig“. Sein Publikum bestehe aus Schwarzen und Weißen aus der Mittelschicht. „Sie haben die Sprache der Koexistenz gelernt. Das bedeutet nicht, dass sie ein tiefes Verständnis füreinander verbindet.“

„Die Harmonie ist furnierartig“: „Jay B.“ Boyd, DJ und Reporter bei der Onlinezeitung „The Daily Memphian“. © Quelle: Mathias Begalke

Vielleicht ist Memphis ein besserer Ort für Schwarze, weil das Attentat auf den schwarzen Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King junior die Stadt sensibilisiert hat. Doch selbst wenn man am Samstagabend in derselben Kneipe trinkt und tanzt, betet man am Sonntagmorgen in verschiedenen Kirchen. „Bestimmte Dinge bringen uns zusammen: Musik und Sport zum Beispiel. Danach geht man getrennte Wege“, sagt Jay B.

Was kann man tun, um die Spaltung zu überwinden? „Die meisten Schwarzen in den USA sind Nachkommen von Sklaven“, sagt er. „Menschen, die aufgrund der Entscheidung eines anderen nach Amerika gekommen sind. Sklaven haben gelernt, wie ein Sklave zu denken, sich entsprechend zu verhalten, um nicht geschlagen oder von Hunden gejagt zu werden – um zu überleben.“ Sklaven sei es beispielsweise verboten worden, schwimmen zu lernen, um zu verhindern, dass sie wegschwimmen. „Noch heute gibt es Schwarze, die ihren Kindern im Wesentlichen den Verhaltenskodex eines Sklaven beibringen“, sagt Jay B. Solche Kinder lernten nicht schwimmen, weil ihre Eltern es auch nicht könnten. Dieser „Generationenfluch“ müsse durchbrochen werden.

Obama? Obama war nur Präsident

Jay B. ist Experte für den Memphis Sound, für den früher das Soullabel Stax mit seinem Superstar Otis Redding stand. Heute wird er von Rappern wie Young Dolph, Yo Gotti und Three 6 Mafia bestimmt. „Schwarze Künstler haben die amerikanische Musik geprägt“, sagt er. Doch die Musikindustrie werde bis heute vorwiegend von Weißen gelenkt. Schwarze Plattenbosse wie einst Berry Gordy, der das Soullabel Motown gründete, seien die Ausnahme. Das gelte für viele Branchen und Lebensbereiche.

War er froh, als mit Barack Obama der erste Afroamerikaner US-Präsident wurde? „Obama war nur Präsident“, antwortet Jay B. „Du musst dich fragen: Wer hat wirklich die Kontrolle? Wer verteilt das Öl? Wem gehören die Internetserver? Wer verkauft dir dein iPhone?“

Was kann Black Lives Matter erreichen? Jay B. erhofft sich, dass die Proteste ein „gründliches Nachdenken“ über das künftige Miteinander bewirken – dass die Menschen nun lernten, auf das gegenseitige Wohlbefinden zu achten und die Grenzen von anderen zu respektieren. Wer mit ihm spricht, kann erahnen, wie tief verletzt die schwarze Seele Amerikas sein muss. „Es bedarf Zeit und einer besonderen Fürsorge, damit diese Wunden heilen.“

Ein wenig Zuversicht scheint immerhin da zu sein. Skepsis aber auch. Denn genauso gut, sagt er, könnte eine intensive Rassismus­debatte so aufwühlend sein, dass sie „mehr Verachtung füreinander hervorbringt“.

Nächster Halt: Lorraine Motel, Memphis

Das einstige Lorraine Motel in Memphis, wo Martin Luther King erschossen wurde, ist Teil des National Civil Rights Museum. Noch immer parken zwei weiße Schlitten, ein 1958 Dodge und ein 1968 Cadillac, vor der Tür mit der Nummer 306, so wie an jenem Abend. Auch das Zimmer ist wie schockgefroren. Dr. King hatte sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt, bevor er auf den Balkon trat. Die Tasse steht noch da. Scheinbar unberührt. Auf dem Bett liegt die Zeitung vom 4. April 1968. Um 18.01 Uhr fiel der Schuss, der die ganze Welt schockierte.

Auf dem Weg dorthin fällt ein überlebensgroßes Graffito auf. Das Wandbild erinnert an Rosa Parks, die sich 1955 in Montgomery, Alabama, weigerte, ihren Sitzplatz im Bus einem Weißen zu überlassen. Im Museum steht eine Kopie dieses Busses. „Steh auf! Ich brauche deinen Sitz!“, kläfft die Stimme des weißen Fahrers aus dem Off, sobald man einsteigt. Man zuckt zusammen. Noch bedrückender ist der Blick aus einem der Fenster im Gebäude gegenüber dem Motel. Von dort soll der Attentäter James Earl Ray auf King geschossen haben. Eindrucksvoller kann man Hass in einem Museum kaum präsentieren.

Was ist aus Kings „I Have a Dream“-Vision von einer fairen Gesellschaft geworden? Wann geht Sam Cookes Traum vom Wandel in Erfüllung? „Die Lage ist komplex“, sagt Dr. Noelle Trent, die im Museum das Ressort Bildung leitet. „Die strukturelle Unterdrückung geht bis auf die Gründung unseres Landes zurück. Die weiße Vorherrschaft lässt sich nicht so einfach von heute auf morgen beenden.“

„Die strukturelle Unterdrückung geht bis auf die Gründung unseres Landes zurück“: Dr. Noelle Trent vom National Civil Rights Museum in Memphis. © Quelle: Mathias Begalke

Kann Biden die Wunden heilen?

Dem designierten US-Präsidenten Joe Biden hat das Museum 2018 den Freedom Award verliehen. Kann er die Wunden heilen? „Wir sind mit Sicherheit eine geteilte Nation“, sagt Museumschefin Terri Lee Freeman angesichts des Wahlergebnisses. Gut 79 Millionen Amerikaner stimmten für Biden, aber auch mehr als 73 Millionen für Trump. „Hassverbrechen haben in den letzten zwölf Jahren zugenommen, aber in den letzten vier Jahren sind sie explodiert.“ Unter Trump. Sie hoffe, dass sich Biden darauf konzentrieren werde, das Land wieder zu einen – eine schwierige Aufgabe. Nicht seine einzige.

„Black Lives Matter will einfach nur, dass schwarze Leben auf die gleiche Weise geschätzt werden wie weiße Leben“, sagt Freeman. Sie erwartet, dass die Proteste so lange anhalten, bis „ein wirklicher Wandel“ erreicht ist, also echte, auch wirtschaftliche Gleichberechtigung herrscht und die Polizeigewalt endet.

Kings Strategie gilt dabei bis heute: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, das kann nur Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe“, hatte er gesagt. Trent versteht die Worte des Friedens­nobelpreis­trägers von 1964 nicht nur als Aufruf zur Gewaltlosigkeit, sondern als Aufforderung, überhaupt zu protestieren, laut und deutlich – und nicht nachzulassen. „Wir müssen mutig sein, aufstehen und die Dinge ansprechen, und zwar in jeder einzelnen Situation“, sagt sie. „Denn wenn du still bleibst, ermöglichst du es, dass sich die Dinge verstärken. Es zählen jedes Nein, jede Geste, jede Aktion.“

Der Autor traf seine Gesprächspartner zunächst vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Er blieb mit ihnen weiterhin in Kontakt und hat sie zuletzt um ihre Meinung zu Black ­Lives Matter und zur Präsidentschaftswahl gebeten.

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