Ein Beruhigungsmittel namens Biden

  • Hinter der nächsten Kurve drohe ein Bürgerkrieg – so oder ähnlich lauteten diesseits und jenseits des Atlantiks lange Zeit die Alarmrufe mit Blick auf die USA.
  • Doch seit der Vereidigung Joe Bidens klingen viele Aufwallungen ab.
  • Land und Leute entdecken eine neue Normalität – und gönnen ihrem Präsidenten einen Zustimmungswert von 54,3 Prozent.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

im Schnee wirkt das Weiße Haus nicht nur weißer als sonst. Es strahlt irgendwie auch mehr Würde aus, mehr Erhabenheit. Vielleicht, weil drumrum in der sonst so hektischen Hauptstadt alles etwas leiser wird und langsamer.

Dieses in Washington seltene, aber schöne Wintergefühl wurde dieser Tage verstärkt durch die Abwesenheit von Donald Trump. Ein Gefühl von Entspannung breitete sich aus wie seit Jahren nicht mehr. Marek Walkuski, im Weißen Haus akkreditierter Radiokorrespondent aus Polen, baute am Sonntag spontan einen kleinen Schneemann und postete das Bild auf Twitter. Anlässe zur aktuellen Berichterstattung sah der polnische Kollege nicht: „Biden hat heute nichts gemacht.“

Anzeige
„Biden hat heute nichts gemacht“: Marek Walkuski, Radiokorrespondent aus Polen, vor dem Weißen Haus. © Quelle: Marek Walkuski

Willkommen zu unserem Newsletter „What’s up, America?“ – der diesmal inmitten der überraschend ruhigen Honeymoonphase des neuen Präsidenten erscheint.

War nicht eben noch ein „neuer amerikanischer Bürgerkrieg“ vorhergesagt worden? Wurde nicht der Sturm aufs Kapitol gedeutet als der Anfang einer noch viel schlimmeren Phase immer neuer Eskalationen? Nach all dem sieht es, bislang jedenfalls, nicht aus. Im Gegenteil.

Die letzten Tage haben gezeigt: Das Beruhigungsmittel namens Biden beginnt zu wirken. Land und Leute atmen durch. Sie lassen sich ein auf den neuen Mann im Weißen Haus. Und sie geben ihm, guter amerikanischer Tradition folgend, sogar gute Noten nach seinen ersten Tagen im Amt.

Anzeige

Solide Werte für „Slow Joe“

Bei der Wahl am 3. November bekam Biden 51,3 Prozent der bundesweit abgegebenen Stimmen. Dieser Anteil am Popular Vote entscheidet in den USA bekanntlich nicht die Wahl. Sie ist aber ein objektives Messergebnis.

Anzeige

Bemerkenswert ist: Bidens aktueller Zustimmungswert in den Umfragen, dem sogenannten Approval Rating, liegt einen Tick höher, bei 54,3 Prozent. Dies ist kein Hinweis auf Euphorie, aber doch auf eine beginnende Aufweichung der Fronten.

Biden hat in den ersten Tagen im Amt Aufwallungen gedämpft – ohne aber selbst wie eine Schlafpille zu wirken. Bei vielen Amerikanern kam gut an, dass der von Trump immer wieder als „Slow Joe“ verspottete Biden sich beeilte beim Umsteuern der Politik – zumindest in jenen Bereichen, in denen sich durch Executice Orders schon mal etwas machen lässt. Mit ganzen Stapeln von neuen präsidentiellen Anordnungen drehte Biden am Rad, mal ging es um Klimapolitik, mal um den Schutz der Arktis vor Ölbohrungen, mal um Transsexuelle bei der Armee.

Gut angekommen sind auch Bidens Appelle an den Teamgeist, auch seine Drohung, er werde aus dem Team im Weißen Haus jeden „on the spot“ entlassen, der einen anderen respektlos behandelt. Erstaunt blickt das Land auf jemanden, der allen Ernstes ein guter Mensch sein will – mit Macht.

Nicht einverstanden mit Bidens Amtsführung sind aktuell lediglich 34,7 Prozent. Die Zahlen resultieren aus Mittelwerten aus 15 Umfragen, zusammengestellt vom rundum transparenten Demoskopieprojekt „Fivethirtyeight“.

Anzeige
Das Approval Rating des Demoskopieprojekts „Fivethirtyeight“ stützt sich auf 15 aktuelle Umfragen, deren Zahlen gewichtet werden und in transparenter Weise zusammenfließen. „Fivethirtyeight“ betreibt auch einen laufende Qualitätskontrolle aller beteiligten Institute. © Quelle: FiveThirtyEight

Die neuen Zahlen zeigen: Emotional hat sich in kurzer Zeit viel verschoben in den USA.

Allzu lange herrschte nach dieser Wahl Verwirrung. Als auch noch am 6. Januar der Sturm aufs Kapitol begann, war es wie in der Hand-out-of-grave-Szene in der allerletzten Minute mancher Horrorfilme aus Hollywood: Ein letztes Mal erschreckt das eigentlich schon besiegte Monster die Massen. Nun ist es Zeit, das Licht wieder anzuschalten im Kino und hinauszufinden in die frische Luft. Wer die Realität in Ruhe betrachtet, stellt fest: Es ist eigentlich alles viel klarer als gedacht.

Das moderne Amerika ist blau

Biden und seine Demokraten haben mehr geschafft als einen 306-zu-232-Sieg im Wahlleutegremium. Sie werden in den USA in diesem Jahr politisch Macht ausüben in einer Breite, die viele noch immer unterschätzen. Sie kontrollieren das Weiße Haus, das Repräsentantenhaus und, seit der Nachwahl in Georgia, auch den Senat. Und sie dominieren, darin liegt ihre Chance fürs langfristige Weitermachen, auch sozio-kulturell: in den Städten und Vorstädten, in großen und kleinen Firmen, im Chat auf der Straße, im Alltag der meisten Menschen in den USA.

Drei Punkte zeigen, wie schwach Trump und seine Strömung in der amerikanischen Wirklichkeit des Jahres 2021 sind.

Anzeige

1. Popular Vote: Betrachtet man – in den meisten Staaten der Welt ist das üblich – schlicht die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen, erübrigt sich jede Diskussion darüber, wer wohl die dominierende Kraft im Land ist. Biden bekam 81,3 Millionen Stimmen – sieben Millionen mehr als Trump.

2. Bevölkerungsstarke Landkreise: In den von Biden gewonnenen Landkreisen leben 197,9 Millionen Menschen – das sind 67,6 Millionen mehr als in den von Trump gewonnenen Kreisen. Allein dieser Unterschied entspricht zahlenmäßig der Bevölkerung Frankreichs. Seit dem Bill-Clinton-Sieg von 1996 wurde nach einer Studie der Denkfabrik Brookings keine so große demografische Differenz zwischen Gewinner und Verlierer ermittelt.

© Quelle: Brookings

3. Ökonomisch relevante Regionen: In den von Biden gewonnenen Counties werden 71 Prozent der Wirtschaftsleistung der USA erbracht. Die von Trump gewonnenen Kreise bringen zusammen nur 29 Prozent auf die Waage. Auch hier sorgt eine Brookings-Studie für Aha-Effekte. Das moderne, das ökonomisch erfolgreiche, das zukunftsorientierte Amerika ist blau.

Facts and Figures: Corona-Gespräche laufen

Für sein Corona-Hilfspaket muss Biden im Senat eine in der Geschäftsordnung der Kammer festgeschriebene Hürde von 60 Stimmen nehmen – seine Demokraten haben aber nur 50.

Biden braucht also zehn Stimmen aus den Reihen der Republikaner. Das ist machbar, aber kein Selbstgänger. Immerhin: Direkte Verhandlungen haben schon begonnen. Eine Abordnung der Republikaner unter Führung der Senatorin Susan Collins (Maine) saß mit Biden und Vizepräsidenten Kamala Harris in der Nacht zum Dienstag erstmals im Weißen Haus zusammen. „Es war ein gutes Treffen“, sagte Collins anschließend.

Vor allem im Finanzrahmen liegen Demokraten und Republikaner weit auseinander. Biden plant Ausgaben von 1,9 Billionen Dollar ein. Die Republikaner wollen es bei 618 Milliarden bewenden lassen.

Präsident Joe Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris (Mitte) empfingen in der Nacht zum Dienstag erstmals eine größere Runde von Republikanern im Weißen Haus. Zu Gast waren (sitzend, rechts von Biden) unter anderem die Senatoren Susan Collins (Maine), Lisa Murkowski (Alaska), Thom Tillis (North Carolina), Jerry Moran (Kansas), Shelley Moore Capito (West Virginia), Bill Cassidy (Louisiana) und Mitt Romney (Utah). © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Biden gerät in diesen Gesprächen, wie unser Washingtoner Korrespondent Karl Doemens analysiert, politisch an die erste große Wegscheide: Will er um des nationalen Konsenses willen die Hilfsprogramme kürzen? Dies könnte Biden Unruhe in der eigenen Partei eintragen.

Bidens Sprecherin Jen Psaki gibt unterdessen die Losung aus, nun werde erstmal weiter verhandelt: Angestrebt werde ein Programm, das sowohl „big“ sei als auch „bipartisan“, also groß und überparteilich zugleich.

Eine Teilnehmerin des Treffens übrigens wurde am Dienstag von der „Washington Post“ mit der Bemerkung zitiert, Biden sei sichtlich froh gewesen, „dass das Spiel beginnt“ und die Verhandlungen nun im Gang sind. Der ehemalige Senator, der seit den Siebzigern die Wege kennt in Washington, fühlt sich offenbar in seinem Element.

What’s up, America? Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur – immer dienstags.

Popping up: Qanon in der Defensive

Der Qanon-Kult scheint seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Immer mehr Konten der Verschwörungstheoretiker werden in sozialen Netzwerken gelöscht, einstige Anhänger von Qanon bedauern ihre Abirrung.

Ein ehemaliger Qanon-Anhänger hat sich dieser Tage öffentlich bei CNN-Moderator Anderson Cooper entschuldigt. Im Rahmen eines CNN-Specials räumte Jitarth Jadeja ein, in der Vergangenheit Verschwörungstheorien fälschlicherweise für wahr gehalten und verbreitet zu haben. „Ich entschuldige mich dafür, gedacht zu haben, dass Sie Babys gegessen haben“, sagte Jadeja im Interview mit dem CNN-Anchorman. Auch habe er Cooper fälschlicherweise unterstellt, Kinderblut getrunken zu haben.

Viele lachen, wenn sie das sehen. Doch das Video ist ein bedrückendes Dokument unserer Zeit. Es zeigt, wie das Denken von Menschen wirksam verpestet werden kann allein dadurch, dass sie etwas „im Internet gelesen“ haben.

Auch in den Reihen der Republikaner, die das Phänomen für sich genutzt hatten, beginnt endlich ein Umdenken. Der Chef der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, nannte Verschwörungstheorien soeben ein „Krebsgeschwür“ in seiner Partei. Diese Äußerung zielt auf Marjorie Taylor Greene, die jüngst als republikanische Abgeordnete ihres Heimatstaats Georgia ins Repräsentantenhaus gewählt wurde.

Verschwörungsideologin im Repräsentantenhaus: Die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene aus Georgia muss damit rechnen, dass ihr die Sitze in zwei wichtigen Ausschüssen entzogen werden. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Taylor Greene hatte sich bereits im Jahr 2017 dazu bekannt, dass sie Qanon-Theorien zumindest teilweise unterstützt. So hatte sie den Verdacht geäußert, Schießereien und Massaker seien von Demokraten inszeniert worden, um härtere Waffengesetze durchzubringen. Greene verbreitete auch den Verdacht, die Waldbrände in Kalifornien seien durch jüdische Finanzinteressen verursacht worden.

Die Demokraten im Repräsentantenhaus wollen der Abgeordneten Taylor Greene noch in dieser Woche ihre Sitze im Finanz- und Bildungsausschuss entziehen. Andere wollen Taylor Greene gleich ganz aus dem Parlament ausschließen. Debatten über Details dauern noch an – die Gegenwehr gegen Qanon aber scheint sich zu formieren.

Deep Dive: Anonymes „Telegramm“ zu China

Ein anonymer Autor, ein hochrangiger früherer Bediensteter der US-Regierung, hat ein Strategiepapier zum Umgang mit China verfasst – und damit offenbar einen Nerv getroffen. Die Debatten in außenpolitischen Zirkeln drehen sich jetzt um die darin enthaltene Forderung, der chinesischen Regierung endlich „rote Linien“ aufzuzeigen, die sie auf keinen Fall überqueren darf.

Der Autor nennt sein 26.000 Wörter umfassendes Papier „The Longer Telegram“. Damit stellt er, etwas unbescheiden, eine Verbindung her zum berühmten „Long Telegram“, mit dem im Jahr 1946 der US-Diplomat George Kennan aus Moskau eine Strategie zum Umgang mit der damaligen Sowjetunion übermittelte.

In Harbin, Hauptstadt von Chinas nördlichster Provinz, gehört es zu den stolzen Traditionen, im Winter Bauwerke aus Schnee und Eis zu errichten. In diesem Jahr entstand dort ein 50 Meter langes Modell des chinesischen Flugzeugträgers Liaoning. © Quelle: imago images/VCG

Das China-Papier ist beim Atlantic Council als PDF erhältlich. Zu den Kernpunkten gehört eine Art Containment-Politik. Die Biden-Administration solle Peking klipp und klar sagen, in welchen Fällen sie eine militärische Reaktion der USA erwarten müsse. Die Liste müsse „kurz, klar und durchsetzbar“ sein. Als Beispiele erwähnt der Autor mögliche Attacken Pekings auf Taiwan und seine vorgelagerten Inseln sowie auf die Senkaku-Inseln, auf die Japan Anspruch erhebt. Auch müsse jede chinesische Marineaktion, die die Freiheit der Seefahrt im südchinesischen Meer behindere, zu einer militärischen Reaktion der USA führen.

Die Debatten laufen jetzt auf Hochtouren, auch innerhalb der Biden-Regierung. Während einige im „Longer Telegram“ einen klugen, realistischen Weg zur Eindämmung Chinas sehen – nach dem Muster des Kalten Kriegs im Verhältnis zur Sowjetunion, betrachten andere den Text als Gebrauchsanleitung für eine sofortige, vielleicht heillose Eskalation mit Gefahren für den gesamten Weltfrieden. Das Megathema der nächsten Jahre jedenfalls ist markiert.

Way of Life: Der Turnschuh schnappt zu

Einmal mehr fragen sich amerikanische Konsumenten: Ist das Nonsens? Oder wird das Kult? Mitte Februar jedenfalls bringt Nike eine ganz neue Generation von Turnschuhen auf den Markt: Man muss sie nicht mehr auf- und zubinden. Dies sei „ein Schuh, dessen Zeit gekommen ist“, jubelt die Nike-Zentrale in Beaverton, Oregon.

Halt bieten soll ein einrastender Schnappmechanismus in Verbindung mit einem Spannband. Lösen kann man das System vor dem Ausziehen per Tritt auf die Ferse. Behinderte, die immer schon Mühe hatten mit Schnürsenkeln, werden jubeln. Die Strategen von Nike aber haben die Normalos im Auge, und zwar Hunderte Millionen, weltweit.

„Ein Schuh, dessen Zeit gekommen ist“: Go Fly Ease aus dem Hause Nike. © Quelle: Nike

Den Trendforschern des Konzerns fielen drei Dinge auf:

- Die Pandemie scheint den Verkauf von Schuhen zu fördern, in die man schnell rein- und wieder rausschlüpfen kann, ohne sie anfassen zu müssen. Dies könnte den Erfolg der Gummiclogs von Crocs erklären, deren Umsätze in den vergangenen Monaten durch die Decke gingen. Aktien von Crocs übrigens sind inzwischen fast doppelt so viel wert wie im Frühjahr 2020.

- Homeoffice und das ins eigene Haus verlegte Fitnesstraining verstärken den Trend zum schnellen An- und Ausziehen von Schuhen – zumal Trainer neuerdings dazu raten, öfter mal zehn Minuten zu trainieren, also zwischendurch, als Fitnesssnack.

- Hinzu kommt ein aus Asien kommender neuer kultureller Einfluss: Der Brauch, beim Betreten des eigenen, erst recht aber eines fremden Hauses sofort die Schuhe auszuziehen, scheint sich Schritt für Schritt auch in den USA auszubreiten.

Zeigt sich hier, wie in den politischen Debatten, die wachsende Macht Chinas? Am Ende hängt vielleicht, wie so oft, alles mit allem zusammen …

Den nächsten USA-Newsletter lesen Sie am kommenden Dienstag.

Bis dahin: Stay sharp – and stay tuned!

Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

Abonnieren Sie auch:

Die Pandemie und wir: Die wichtigsten Nachrichten der Woche, Erkenntnisse der Wissenschaft und Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix und Co. – jeden Monat neu.

Der Tag: Wissen, was der Tag bringt: Erhalten Sie jeden Morgen um 7 Uhr das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen