Faszination Duell: Die archaische Seite der Politik

  • Das Duell, der Kampf zweier Rivalen, fesselt Menschen seit Urzeiten.
  • Heute werden Duelle zwar für gewöhnlich nicht mehr mit scharfen Waffen ausgefochten, trotzdem können sie hochspannend sein, wie das Ringen zwischen Armin Laschet und Markus Söder zeigt.
  • Ob diese Form der Auseinandersetzung allerdings noch zeitgemäß ist, daran kann man Zweifel haben.
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Liebe Leserin, lieber Leser,

das Duell in seiner klassischen Bedeutung ist laut Duden ein zur Schlichtung eines Streits ausgetragener Zweikampf mit Waffen. Ob der Begriff vom altlateinischen duellum (dt. Krieg) oder dem Zahlwort duo (dt. zwei) abstammt, lässt sich nicht zweifelsfrei klären. Sicher ist aber, dass der Kampf zweier – für gewöhnlich männlicher – Rivalen die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert, wie zahllose Beiträge in Literatur, Malerei oder darstellender Kunst belegen.

Das Duell mit scharfen Waffen wie Säbeln oder Pistolen zur Ausfechtung von Ehrenstreitigkeiten ist gottlob aus der Mode gekommen und in den meisten Ländern auch verboten. Als mit geistigen Waffen ausgetragener Meinungsstreit hingegen lebt das Duell fröhlich weiter – auch und gerade in der Politik.

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Duell zwischen Laschet und Söder in der Union: „Es gibt keine gemeinsame Basis mehr“
5:16 min
Weiterhin steht aus, ob Armin Laschet oder Markus Söder Kanzlerkandidat der Union wird. Vor der finalen Entscheidung blickt Eva Quadbeck auf das finale Duell.  © RND

Eine Sonderform des politischen Duells ist der Zweikampf, bei dem es nicht um Meinungen geht, sondern um Macht, die für gewöhnlich an politische Ämter gekoppelt ist. Es braucht im Grunde nur zwei Bewerber mit dem unbedingten Willen, ein Amt zu erobern – und unsere auf Konsens ausgerichtete Politik fällt in ihre raue Urform zurück.

Armin Laschet und sein Rivale Markus Söder haben das in den vergangenen Tagen auf unrühmliche Art und Weise demonstriert. Was sich die Chefs von CDU und CSU an politischen Verletzungen zugefügt haben, würde manch einen mittelalterlichen Duellanten vor Neid erblassen lassen. In der Vorzeit endeten die Zweikämpfe nicht selten mit dem Tod eines Duellanten, und auch beim Kampf der ungleichen Unionsbrüder steht das politische Überleben eines Kontrahenten auf der Kippe. Es mag unfair sein, dass Armin deutlich mehr zu verlieren hat als Markus Söder, aber die Politik ist eben nur selten fair.

Für Beobachter und das Publikum sind solche archaischen Momente der Politik hochgradig spannend und bisweilen auch sehr unterhaltsam. Es gibt viel zu lernen über Taktiken, Strategien, Bündnisse und Verhandlungsgeschick.

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CDU-Vorstand spricht sich in der Kanzlerfrage für Laschet aus
0:46 min
Im Machtkampf um die Kanzlerkandidatur in der Union hat sich der CDU-Vorstand erneut mit klarer Mehrheit für den CDU-Vorsitzenden Armin Laschet ausgesprochen.  © Reuters

Allerdings kommt bei jedem Machtkampf früher oder später der Punkt, an dem die Stimmung kippt. Was gestern noch interessant war, kann heute schon unpassend, ärgerlich oder einfach nur noch unwürdig sein. In der Pandemie, wo es für viele Menschen tatsächlich um Leben und Tod geht, ist dieser Punkt schneller erreicht als in gewöhnlichen Zeiten. Aus Sicht vieler Wählerinnen und Wähler haben Laschet und Söder den Punkt schon lange überschritten.

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Das gilt umso mehr, seit zwei weitere Duellanten am Montag gezeigt haben, wie es anders gehen kann. Die beiden Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck haben wie Söder und Laschet um die Kanzlerkandidatur gerungen. Sie haben die Sache aber fernab der Öffentlichkeit unter sich ausgemacht. Und sie haben das Duell nach allem, was man weiß, nicht mit maximaler Härte geführt.

Solche Duellvarianten waren auch in der Vergangenheit nicht unüblich. Man kämpfte nicht bis zum Tod, sondern nur bis zur Kampfunfähigkeit oder auch nur bis zur ersten blutenden Wunde eines Kontrahenten. Der Vorteil liegt auf der Hand: Der Konflikt ist entschieden, und im Anschluss kann man wieder seiner Wege gehen – oder wie im Fall Baerbock und Habeck gemeinsam gegen äußere Gegner zu Felde ziehen.

Die grüne Variante des Duells passt damit eindeutig besser in die heutige Zeit als die schwarze. Zumal die Parteien schon lang nicht mehr über ausreichend Spitzenpersonal verfügen, als dass sie es sich leisten könnten, bei jedem Streit einen führenden Kopf zu verlieren.

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Ein Duell gewinnt in diesen Zeiten derjenige, der es nicht bis zum bitteren Ende ausficht. In dieser Woche heißt der wahre Sieger deshalb Robert Habeck.

Wahlkampfsprech – Deutsch: Was Politiker wirklich sagen

Ich wollte immer, dass Führung so gelebt wird, dass man aneinander wächst und sich nicht gegenseitig die Beine wegtritt.

Grünen-Vorsitzender Robert Habeck

Es ist eine kaum versteckte Anspielung, die Robert Habeck mit diesem Satz in Richtung der Union macht: „Wir, Annalena Baerbock und ich, wachsen aneinander, die, Armin Laschet und Markus Söder, treten sich die Beine weg. Nötig hatte der Grünen-Chef das an diesem Tag nicht, auch so traten die Unterschiede zwischen den beiden Nominierungsprozessen überdeutlich zu Tage.

Wie das Ausland auf die Wahl schaut

Zum Ringen um die Kanzlerkandidatur der Union schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“: „Jedermann hat das Recht, sich in den Fuß zu schießen. Dennoch ist davon abzuraten. Die Unionsparteien hält das nicht davon ab, sich ausgiebig selbst zu verstümmeln. Erst suchte die CDU quälend lange einen Vorsitzenden, dann inszenierte Markus Söder genüsslich das Rätselraten über seine Absichten, schließlich der Machtkampf mit Armin Laschet auf offener Bühne.

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Wenn es das Ziel der Union gewesen sein sollte, ihren Kanzlerkandidaten und sich selbst maximal zu beschädigen, dann ist ihr das gelungen. Die Klärung der Machtfrage verläuft so ungeordnet und chaotisch, wie es für das Ende einer langen Herrschaft typisch ist. Alles zerfällt, es fehlt ein starkes Zentrum. Zwerge balgen sich um das Erbe von Riesen.“

Das Konkurrenzblatt Zürcher „Tages-Anzeiger“ glaubt, dass CSU-Chef Markus Söder als Sieger vom Platz gehen könnte: „Viele in der CDU verlangen nun eine schnelle Einigung, um den Machtkampf zu beenden. Doch Söder spielt auf Zeit. Er glaubt nicht zu Unrecht, dass die Zeit für ihn arbeitet – und gegen Laschet. Eine schnelle Lösung, so sein Kalkül, ist nur noch möglich, falls sein Rivale aufgibt. Tut er es nicht, kann der CSU-Chef den Druck jederzeit weiter erhöhen, etwa über die Bundestagsfraktion.

Als Söder Ende 2017 seinem Vorgänger Horst Seehofer das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten (und danach auch den CSU-Vorsitz) entriss, war er genau gleich vorgegangen. Nach dem schlechten Resultat der CSU bei der Bundestagswahl 2017 hatte Söder Seehofer nicht nur die Schuld daran zugeschoben, sondern systematisch dessen Rückhalt an der Basis zersetzt. Die bayerische Landtagsfraktion zwang Seehofer schließlich zur Kapitulation.“

Die polnische Zeitung „Ziennik“ hält hingegen Armin Laschet für den wahrscheinlicheren Sieger und befasst sich mit den möglichen Auswirkungen seiner Wahl auf die deutsch-polnischen Beziehungen: „Was würde eine Kanzlerkandidatur Laschets für Polen bedeuten? In der Kernfrage der deutsch-polnischen Beziehungen, dem Bau der Ostseepipeline Nord Stream 2, wird es keine Veränderungen geben. Dieser Politiker stammt aus dem an Frankreich angrenzenden Rheinland und hat keine größere Erfahrungen oder Kenntnisse über Ost- und Mitteleuropa.“

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Das Autorenteam des „Hauptstadt-Radars“ meldet sich am Donnerstag wieder. Dann informiert Sie meine Kollegin Eva Quadbeck über Neuigkeiten aus Wahlkampf und Politikbetrieb.

Bis dahin alles Gute, bleiben Sie gesund.

Ihr Andreas Niesmann

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