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Hassgrüße aus Moskau

Drohungen, Lügen, Spott: Russland verhöhnt die Deutschen

Putins Propagandamaschine läuft auf Hochtouren.

„Die Ukraine arbeitet gemeinsam mit deutschen Forschern vom Friedrich-Loeffler-Institut in Greifswald an Biowaffen – und diese Waffen gefährden jetzt Leib und Leben von Russen.“

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Diese Behauptung, veröffentlicht von der russischen Regierung, ist eine Lüge. Die Reaktionen darauf aber sind real – und rabiat.

Cornelia Silaghi, Leiterin des Greifswalder Instituts für Infektionsmedizin auf der Insel Riems, blickte auf Mails, in denen ihr vorgeworfen wurde, nicht besser zu sein als eine Nazi-Wissenschaftlerin: „Natürlich sind skrupellose Akademiker im Spiel, genau wie im Dritten Reich.“

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„Es ist sehr seltsam, für etwas so Absurdes verantwortlich gemacht zu werden“, sagte Silaghi gegenüber „Science“, einem der weltweit führenden Wissenschaftsmagazine. „Dabei müssten die Russen wissen, dass es eine Lüge ist.“

Nachrichtenfälscher mit Nuklearwaffen

Für Wladimir Putin aber spielt jetzt weniger denn je eine Rolle, was wahr ist und was falsch. Er hat den größten Landkrieg in Europa seit 1945 angefangen. Und jetzt wird von der russischen Regierung nur noch verbreitetet, was dem Kriegsherrn im Kreml nützt – auch wenn es sich um eigens fabrizierte Falschmeldungen handelt.

Nützlich für Putin war zum Beispiel die Meldung, in Euskirchen bei Bonn sei ein 16-Jähriger von ukrainischen Geflüchteten zu Tode geprügelt worden, weil er Russisch sprach.

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Nichts daran stimmte, die Polizei warnte sofort vor einer Fake-News-Kampagne. Dennoch verbreitete sich über soziale Netzwerke lawinenartig das Video einer Frau, die in russischer Sprache von dem angeblichen Überfall erzählt. Einem „Welt“-Bericht zufolge gibt es Hinweise auf eine Verwicklung hoher und höchster russischer Manipulateure in diesen Fall von systematischer Desinformation.

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Auch die Biowaffenlüge stammt nicht etwa aus irgendeiner belächelnswerten privaten Social-Network-Blase. Putin persönlich, der gelernte Geheimagent, hat sie in die Welt gesetzt – und beharrt nun darauf, sie Hunderten Millionen Menschen einzutrichtern. In Russland und China glauben bereits viele daran, in den USA zieht die rechtsradikale Szene mit.

Fake News mit Folgen: Das russische Verteidigungsministerium zieht eine  Forschungsvereinbarung zwischen der Ukraine und dem Loeffler-Institut als Beweis für die Entwicklung einer deutsch-ukrainischen Biowaffe heran.

Fake News mit Folgen: Das russische Verteidigungsministerium zieht eine Forschungsvereinbarung zwischen der Ukraine und dem Loeffler-Institut als Beweis für die Entwicklung einer deutsch-ukrainischen Biowaffe heran.

Kein Geringerer als Russlands Verteidigungsminister Sergei Shoigu lieferte jetzt, auf der offiziellen Webseite seines Ministeriums, Details nach, die angeblich nach Deutschland weisen, nicht nur auf die Forschenden in Greifswald, sondern auch aufs Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Früher tippten sich im Westen angesichts solcher Moskauer Märchen viele grinsend an die Stirn und gingen zur Tagesordnung über. Heute dagegen, da der Krieg zurückgekehrt ist nach Europa, wird klarer denn je der bedrohliche Unterton wahrgenommen: Die Nachrichtenfälscher Putin und Shoigu gebieten nun mal – egal ob das, was sie sagen, wahr ist oder nicht – über das größte Nuklearwaffenarsenal der Welt, mit 6255 Atomsprengköpfen.

Selenskyj fordert zu weltweiten Protesten gegen den Krieg in der Ukraine auf

Anlässlich des Beginns der russischen Invasion vor einem Monat hat der ukrainische Präsident die Menschen auf der ganzen Welt zu Protesten aufgerufen.

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„Nach Berlin“ – Was sollen diese Schriftzüge?

Angehörigen der russischen Truppen scheint es unterdessen zu gefallen, wie einst im Zweiten Weltkrieg Fahrzeuge, Hubschrauber und Bomben mit der Aufschrift „Nach Berlin“ zu versehen. Darauf wies dieser Tage die ukrainische Regierung hin.

Was soll das? Man kann die „Nach-Berlin“-Aufschriften abtun als breitbeinig vorgebrachten Gag mit historischem Bezug: Vor den letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs wurden russische Panzer mit dieser Aufschrift in Richtung der deutschen Hauptstadt transportiert.

„Nach Berlin“: Im Jahr 2015 tauchte dieser kyrillische Schriftzug erstmals in einem Manöverbericht der russische Marine auf.

„Nach Berlin“: Im Jahr 2015 tauchte dieser kyrillische Schriftzug erstmals in einem Manöverbericht der russische Marine auf.

Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, warnt indessen davor, diese Geste der Russen zu unterschätzen: „Sie schreiben ‚Nach Berlin‘ auf Raketen, Bomben, Raketenwerfer, Flugzeuge und Hubschrauber, weil sie weiter als die Ukraine gehen wollen, sie wollen überall hingehen“, schrieb Selenskyj am 21. März an die Adresse der Deutschen und fügte hinzu: „Sie wollen zu Ihnen gehen.“

Bemerkenswert ist, wie wenig sich die Russen darüber Gedanken machen, wie ihr Recycling von Kriegsparolen auf die Deutschen wirken könnte. Es ist ihnen egal. Auch russische Zivilisten und Zivilistinnen machen bei dem höhnischen Spuk mit, schon seit Jahren.

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Rückt mittlerweile allen Ernstes Deutschland ins Visier der Russen? Die grüne Europaabgeordnete Viola von Cramon gibt im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland zu bedenken, dass Putin jedenfalls den für ihn einschneidenden und schmachvollen Zusammenbruch der Sowjetunion nicht etwa in Kiew, sondern in Dresden erlebt hat, als damaliger KGB-Agent: „Wir können uns also nie sicher sein, was Putin meint, wenn er davon spricht, frühere Einflusszonen Moskaus wiederherstellen zu wollen“, warnt die Grünen-Politikerin.

Eine neue russische Arroganz

Der deutsche Russland-Kenner Sergej Sumlenny deutet unterdessen auf einen generellen Trend in der russischen Gesellschaft, eine neue russische Arroganz, die im Laufe der mehr als 22 Putin-Jahre massiv gewachsen sei: „Viele Russen blicken mittlerweile mit einer Überheblichkeit auf Westeuropa herab, die man sich in Deutschland gar nicht vorstellen kann.“

Sumlenny kennt die Töne und die Zwischentöne. Er ist gebürtiger Russe, hat in Moskau studiert und ist erst im Alter von 25 Jahren nach Deutschland gekommen. Zuletzt hat er sechs Jahre lang das Büro der Böll-Stiftung in Kiew geleitet.

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In Moskau, sagt Sumlenny, werde ganz Westeuropa als schwächlich dargestellt und als dekadent: eine Region, die man im Grunde endlich mal mit Gewalt zur Vernunft bringen müsste. Von dieser Haltung kündeten am Ende auch die „Nach-Berlin“-Aufkleber auf privaten Fahrzeugen. Zu sehen seien sie seit etwa zehn Jahren, „auf dem ältesten Lada ebenso wie auf dem nagelneuen Mercedes AMG“.

Hohn und Spott als Volksport

In Putins Russland ist das herablassende „Bashing“ anderer Länder zum Volkssport geworden. Es vereint Alt und Jung, Arm und Reich, Oben und Unten. Diese Stimmung machte sich auch Dmitri Medwedew zunutze, als er in seinen jüngsten Tweets Deutschland und die Deutschen anrempelte wie noch nie.

Dmitri Medwedew, der frühere Staatspräsident Russlands, ist derzeit stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrats und Chef der Partei „Einiges Russland“. Das Foto stammt aus dem Februar 2022.

Dmitri Medwedew, der frühere Staatspräsident Russlands, ist derzeit stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrats und Chef der Partei „Einiges Russland“. Das Foto stammt aus dem Februar 2022.

Von seinem Rang her ist so etwas eigentlich ein Unding. Medwedew war auf dem Papier immerhin schon mal Staatspräsident Russlands, von 2008 bis 2012, in den Jahren, als Putin für diesen Posten aus verfassungsrechtlichen Gründen vorübergehend eine Marionette einsetzen musste. Dass Medwedew bis heute eine Sprechpuppe Putins ist, entschärft seine aktuellen Äußerungen nicht, im Gegenteil.

Kurz nach Kriegsbeginn verhöhnte Medwedew den Berliner Regierungschef. Auf Twitter schrieb er: „Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz hat den Stopp der Zertifizierung der Gaspipeline Nord Stream 2 angeordnet. Na ja. Herzlich willkommen in einer neuen Welt, wo die Europäer bald schon 2000 Euro pro Kubikmeter Gas zahlen werden!“ Den Fehler „pro Kubikmeter“ ließ er unkorrigiert stehen, gemeint war „pro 1000 Kubikmeter“ – was bereits ein enormer Preisanstieg wäre.

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Zielfernrohr statt Diplomatie

Vor wenigen Tagen verbiss sich Medwedew in seinem Bestreben, den Deutschen weh zu tun, kurioserweise sogar in ein Thema, das der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir aufgebracht hatte. Der Grünen-Politiker hatte empfohlen, weniger Fleisch zu essen, um so den Tierfutterbedarf zu senken. Damit könne ein größerer Teil der Ackerbauflächen der Ernährung von Menschen dienen – ein Beitrag gegen den absehbaren kriegsbedingten Mangel an Weizen in diesem Jahr.

Medwedew, der die Deutschen offenbar als Wurstfreunde kennt, ätzte: „Richtig – es ist Zeit, die nationalen Gewohnheiten der Deutschen zu ändern! Weg mit Fleisch und Wurst!“

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Dass ein früherer auswärtiger Staatschef sich laufend so aggressiv über die Politik einer deutschen Bundesregierung äußert, ist historisch ohne Beispiel. Dass der Staat, den dieser Politiker vertritt, zeitgleich einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führt, gibt den Hassgrüßen aus Moskau eine bedrohliche Dimension.

Freuen können die Deutschen sich aber nun immerhin über einen Erkenntnisfortschritt: Russland zeigt endlich sein wahres Gesicht.

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Noch 14 Tage vor dem Angriffskrieg raspelte Putins Botschafter in Berlin, Sergej J. Netschajew, einen ganzen Haufen Süßholz. „Wir sind friedliche Leute und brauchen keinen Krieg“, sagte er in einem RND-Interview.

Mit Blick auf den damals kurz bevorstehenden Besuch von Scholz bei Putin steigerte sich der russische Diplomat zu wahren Schalmeienklängen: „Es gibt viele Anknüpfungs­punkte, auch weil Wladimir Putin Deutsch­land sehr gut kennt. Zwischen Hamburg, wo Olaf Scholz Erster Bürgermeister war, und St. Petersburg, wo Wladimir Putin tätig war, gibt es eine 65 Jahre alte Städte­partner­schaft, die älteste zwischen unseren beiden Ländern überhaupt.“

Nato verstärkt Ostflanke mit zusätzlichen Kampftruppen

Die Nato reagiert mit Aufrüstung an der Ostflanke auf Russlands Krieg gegen die Ukraine. Im ersten Schritt kommen zusätzliche Truppen.

Zwei Wochen später entlarvte Medwedew den Mummenschanz. Auf seiner verifizierten Seite im russischen sozialen Netzwerk VK schrieb er kurz nach Kriegsbeginn: „Wir brauchen nicht unbedingt diplomatische Beziehungen … Es ist an der Zeit, die Botschaften mit Vorhängeschlössern zu verriegeln und die Kontakte fortzusetzen, indem man sich durch Ferngläser und Zielfernrohre anschaut.“

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