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Drohende Pleitewelle in der Zivilgesellschaft: Wenn Spenden nicht mehr reichen

  • Sportvereine, Wohltätigkeitsorganisationen, soziale Institutionen – der gemeinnützige Sektor ist eine der größten Branchen in Deutschland.
  • Die Corona-Krise trifft den Sektor mit Wucht – und Überlebenshilfe vom Staat gibt es in der Krise bislang nicht.
  • Der Zivilgesellschaft droht eine Pleitewelle, die ausgerechnet die Schwächsten weiter schwächt.
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Berlin. Düstere Zeiten, darüber muss Andreas Heinecke niemand etwas erzählen. Mit der Dunkelheit kennt er sich aus; er hat sogar ein Geschäftsmodell aus ihr gemacht. “Ich bin so etwas wie der Weltmarktführer im Dunkelgeschäft”, sagt der 64-Jährige mit Zwinkern.

Heinecke ist kein gewöhnlicher Geschäftsmann, er ist Sozialunternehmer. Er will nicht möglichst viel Geld verdienen. Er will möglichst viele Menschen miteinander in Kontakt bringen. Wer im Gespräch ist, entwickelt Verständnis für andere und baut Berührungsängste oder Vorurteile ab – das ist die Idee.

Heinecke hat mehrere Organisationen gegründet, um diese Idee voranzutreiben, die bekannteste ist das Dialoghaus in Hamburg. Die Einrichtung in der Speicherstadt lädt Menschen zum Perspektivwechsel ein. Sehende werden von Blinden in völliger Dunkelheit durch einen Parcours geführt. Wenn man so will, werden die Blinden zu Sehenden und umgekehrt.

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Von 100.000 auf null

Mehr als 1,7 Millionen Menschen haben dieses und andere erlebnispädagogische Angebote des Dialoghauses bereits genutzt, zuletzt kamen über 100.000 Besucher im Jahr. Derzeit sind es genau null – wegen Corona. Die Sause zum 20. Geburtstag musste Heinecke absagen, statt Sekt und Torte gab es Kurzarbeit und Überlebensängste. “Corona bedroht uns massiv in unserer Existenz”, sagt der Geschäftsführer. “Ohne Hilfe werden wir diese Krise nicht überleben.”

Heinecke war immer stolz darauf, dass sich das Dialoghaus weitgehend selbst finanziert. Gut 90 Prozent der 2,7 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften die 130 Mitarbeiter, von denen gut zwei Drittel Behinderungen haben, selbst. Der Löwenanteil sind Eintrittsgelder für Führungen, Veranstaltungen und Kurse. In der Krise ist aus dieser Stärke eine Schwäche geworden, nun sind 90 Prozent der Einnahmen weggebrochen.

Heinecke hat die Kosten massiv runtergefahren, einen Großteil der Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, die Miete gestundet, den Einnahmeausfall kann er so nicht kompensieren. Und große Rücklagen durfte er als gemeinnütziger Unternehmer gar nicht erst aufbauen. “Die Insolvenz”, sagt er, “ist etwas, das wir sehr ernsthaft prüfen müssen.”

Heineckes Dialoghaus mag in Deutschland einzigartig sein, das Problem aber, vor dem er nun steht, gibt es derzeit tausendfach. Sportvereine, Wohltätigkeitsorganisationen, soziale Institutionen, gemeinnützige Unternehmen – sie alle hat die Corona-Krise in arge Not gebracht. Das Muster ist überall das gleiche: Einnahmen und Erlöse brechen weg, Kosten laufen weiter.

Hoch gelobt – und vergessen

Für Unternehmen und Selbstständige hat der Staat Rettungsschirme gespannt und Notfallpakete geschnürt. Die in Sonntagsreden hoch gelobte Zivilgesellschaft aber hat er vergessen. Auf die Rettungskredite der staatlichen KfW-Bank etwa haben gemeinnützige Unternehmen keinen Zugriff.

Dabei sind deren Akteure genauso von der Pleite bedroht wie klassische Wirtschaftsunternehmen. Oder sogar noch mehr, weil Rücklagen fehlen, Kredite schwerer zu bekommen sind und die meisten Geschäftsmodelle schon in normalen Zeiten auf Kante genäht sind. Gewinnmaximierung steht bei gemeinnützigen Unternehmen ja ausdrücklich nicht im Fokus. Das macht sie anfälliger für Krisen.

“Die Not im gemeinnützigen Sektor ist groß”, sagt Andreas Rickert, Vorstandschef des gemeinnützigen Beratungs- und Analysehauses Phineo. “Viele Organisationen werden die derzeitige Situation nicht lange durchhalten.”

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Einrichtungen, die wie das Dialoghaus selbst Einnahmen generieren, sind besonders betroffen, aber auch spendenfinanzierte Organisationen stehen unter Druck. Unternehmen kürzen in Krisenzeiten häufig als Erstes ihre Spendenbudgets. Auch Stiftungen, in die Unternehmensgewinne fließen, haben weniger zu verteilen. Den Effekt kann man bereits sehen. Laut Larissa Probst, Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising-Verbandes, sind Unternehmensspenden rückläufig.

Eine gute Nachricht aber gibt es: Unter Privatpersonen ist die Spendenbereitschaft in den ersten Krisenmonaten leicht gestiegen. Laut GfK-Charity-Panel ist die Bereitschaft für Spenden bis 5000 Euro im März um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gewachsen, im April um 5 Prozent.

Privatspender sind solidarisch

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Expertin Probst führt die Entwicklung darauf zurück, dass die wichtigsten Spender – Rentner, Pensionäre und Beamte – von der Corona-Krise nicht so stark betroffen seien wie andere. “Da kommt der Solidargedanke zum Tragen.” Bei den Förderstiftungen sei der Trend aktuell ebenfalls steigend, Vermögende gäben mehr als früher.

“Wir freuen uns über die Solidarität der Spenderinnen und Spender”, sagt Probst und mag auf einen vorsichtigen, leisen Appell dann doch nicht verzichten: “Wir hoffen, dass das in den nächsten Monaten weiter anhält und die Zivilgesellschaft nicht so stark leidet.”

Auch sie weiß, dass die Krise womöglich noch lange andauern wird. Es sei derzeit schwierig bis teilweise unmöglich, Neuspender bei Veranstaltungen und auf der Straße anzusprechen. Und: “Gemeinnützige Einrichtungen können kaum Rücklagen bilden, schon aus rechtlichen Gründen nicht. Deshalb können sie die Krise nicht abpuffern. Hier muss der Staat aushelfen.”

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Die Folgen einer Pleitewelle in der Zivilgesellschaft wären verheerend – auf mehreren Ebenen. Zum einen ist der sogenannte dritte Sektor ein wichtiger Arbeitgeber. Seine wirtschaftliche Bedeutung wird häufig unterschätzt. Rund 3,7 Millionen Beschäftigte sind bei den gut 600.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen angestellt. Etwa jeder zwölfte sozialversicherungspflichtige Job hängt von ihnen ab.

Hinzu kommen all die Dienstleistungen, die Hilfsorganisationen, Stiftungen, Vereine und gemeinnützige Institutionen für die Gesellschaft übernehmen: Gewaltprävention, Nachhilfe, Obdachlosenunterstützung, Suchthilfe, Armenspeisungen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Nachfrage nach vielen dieser Angebote im Zuge der Corona-Krise eher steigen als sinken wird. Wenn die Helfer aber erst mal weg sind, stehen die, denen bislang geholfen wurde, allein da. Es ist ein Szenario, in dem auch eine Menge sozialer Sprengstoff steckt.

Immerhin: Die Politik hat inzwischen erkannt, dass sie nachsteuern muss. Als Erste hatten die Grünen im Deutschen Bundestag einen “Rettungsschirm für die Zivilgesellschaft” gefordert, inzwischen signalisiert auch die Bundesregierung ihre Bereitschaft zu helfen.

Nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) soll im Rahmen des Konjunkturpaketes, über das der Koalitionsausschuss am kommenden Dienstag berät, auch ein Hilfsprogramm für gemeinnützige Organisationen beschlossen werden. Eine Milliarde Euro will der Bund laut eines Eckpunktepapiers als Darlehen zur Verfügung stellen, um bereits bestehende oder gerade anlaufende Stützungsprogramme der Bundesländer aufzustocken.

“Die Nichtberücksichtigung der gemeinnützigen Unternehmen bei dem KfW-Rettungsschirm war ein Fehler, den niemand wollte. Dieser Fehler muss jetzt schnellstmöglich behoben werden”, sagt Matthias Bartke (SPD), Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales. “Ich bin froh, dass das Problem nun definitiv gelöst wird und die gemeinnützigen Unternehmen die dringend benötigten Kredite erhalten.” Das verschaffe ihnen die Liquidität, um Verbindlichkeiten wie Mieten bezahlen zu können.

Allerdings weiß auch Bartke, dass Kredite ein kurzfristiges Problem lösen – und ein langfristiges schaffen. Denn für gewöhnlich fehlt gemeinnützigen Organisationen die Renditestärke, um Überschüsse zu generieren, mit denen dann Darlehen abbezahlt werden können. “Deswegen müssen wir uns jetzt schon Gedanken darüber machen, wie wir ihnen helfen können, diese Kredite am Ende wieder zurückzuzahlen”, sagt der Abgeordnete.

Aufgeben ist keine Option

Sozialunternehmer Heinecke wird noch deutlicher. “Die Kredite helfen uns über die aktuelle Notlage, sie müssen aber später in nicht rückzahlbare Zuschüsse umgewandelt werden.” Sonst würden die Probleme nur in die Zukunft verlagert.

Heinecke ist sich sicher, dass die nächsten Monate hart werden, selbst wenn das Dialoghaus irgendwann wieder öffnen wird. “Unser Brot- und Buttergeschäft sind Schulen, die haben aber bis Ende des Jahres alle Ausflüge gestrichen”, sagt er. Auch weiß er noch nicht, wie er Abstandsregeln und sein pädagogisches Konzept in Einklang bringen soll: “Unser Business besteht aus Begegnung und Berührung.”

Aufgeben ist allerdings auch keine Option. Natürlich sieht derzeit alles düster aus, aber das kann einen “Weltmarktführer der Dunkelheit” nicht schrecken. “Es wird eine Lösung geben”, sagt Heinecke. “Einfach weil es eine geben muss.”

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