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  • Drogenbeauftragte Ludwig über Folgen des Lockdowns für Kinder und Jugendliche

Drogenbeauftragte: „Die Generation Corona ist leider die Realität“

  • Die Folgen des Lockdowns für Kinder und Jugendliche müssen nach Ansicht der Drogenbeauftragten viel stärker in den Fokus gerückt werden.
  • Daniela Ludwig fordert daher einen Gipfel für dieses Thema.
  • Ein Gespräch über suchtkranke Familien, über die Legalisierung von Cannabis und das Onlineglücksspiel.
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Berlin. Die CSU-Politikerin Daniela Ludwig ist seit September 2019 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Wir sprachen mit der 45-jährigen Bundestagsabgeordneten per Videokonferenz.

Frau Ludwig, Ärzte warnen immer wieder vor starken „Kollateralschäden“ durch die Corona-Beschränkungen für Kinder und Jugendliche. Wie sehen Sie das als Drogenbeauftragte?

Mir machen vor allem die Kinder und Jugendlichen mit suchtkranken Eltern große Sorgen. Gerade für sie sind die sozialen Kontakte in der Kita, in der Schule oder im Verein essentiell. Niemand weiß derzeit, wie es ihnen geht. Aber selbst in stabilen Familien gibt es Probleme, weil Homeoffice und Homeschooling eben nicht gleichzeitig funktionieren. Viele Kinder verbringen ihre Zeit seit Monaten überwiegend mit dem Internet und Computerspielen. Die Suchtgefahren sind enorm, die Spätfolgen noch gar nicht absehbar.

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Was muss Ihrer Meinung nach getan werden?

Viele Kinder haben seit November kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Das ist ein Desaster! Aber Kitas und Schulen sind keine Treiber der Pandemie. Deshalb müssen jetzt alle Möglichkeiten, die die sinkende Inzidenz und die steigende Impfquote bieten, umgehend für Öffnungen genutzt werden – zunächst für Wechselunterricht verbunden mit regelmäßigen Tests. Auch Freizeitangebote wie Vereinssport, Musikschulen oder Jugendtreffs sollten schnell wieder starten. Da müssen wir endlich in die Puschen kommen.

Die Bundesregierung hat gerade ein „Aufholpaket“ für Kinder und Jugendliche beschlossen. Reicht das?

Ich habe immer davor gewarnt, dass eine Generation Corona entsteht. Aber leider muss ich jetzt sagen: Derzeit ist das die Realität. Um die Schäden zu beheben, hat die gesamte Gesellschaft ordentlich was zu tun. Das wird viel schwieriger sein, als die wirtschaftlichen Folgen zu überwinden. Das „Aufholpaket“ ist ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Aber es reicht nicht.

Was wäre Ihrer Meinung nach notwendig?

Wir brauchen zügig einen Kinder- und Jugendgipfel, auf dem ressortübergreifend alle Auswirkungen der Corona-Pandemie für die junge Generation analysiert und daraus konkrete Konsequenzen gezogen werden. Dabei darf es nicht nur um den Bildungsbereich gehen, sondern zum Beispiel auch um die gesundheitlichen Folgen. Geld allein wird nicht ausreichen, wir müssen auch über Strukturen sprechen, also etwa über erweiterte Hilfsangebote für Kinder aus Suchtfamilien oder für Heranwachsende, bei denen der Lockdown zu psychischen Problemen geführt hat.

Hat die Pandemie irgendwo in Ihrem Verantwortungsbereich auch einen positiven Effekt gehabt?

Das ist tatsächlich der Fall. Ich habe mich gleich zu Beginn der Pandemie dafür eingesetzt, dass die strengen Regeln für die Methadon-Substitution gelockert werden. Seitdem können zum Beispiel die Medikamente in größeren Mengen verschrieben werden, damit die Betroffenen nicht mehr jeden Tag zum Arzt müssen. Weil zusätzlich im Lockdown harte Drogen schwer zu beschaffen sind, ist die Nachfrage nach dem Methadon-Programm deutlich gestiegen. Wir haben die höchste Zahl an Substitutionspatienten seit Jahren. Das ist toll.

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Sollte man dann nicht die Ausnahmeregelungen entfristen?

Unbedingt. Ich trete dafür ein, die Regelungen aus der Eilverordnung, die sich bewährt haben, nach dem Ende der Pandemie in die reguläre Versorgung zu übernehmen. Wir sind bereits dabei, die Erfahrungen der Ärzte zu analysieren und die Maßnahmen zu evaluieren.

Umfragen zeigen, dass die Deutschen seit der Corona-Krise mehr trinken und rauchen. Verstärken Sie deshalb Ihre Anti-Rauch-Kampagnen?

Hintergrund ist primär, die Langzeitraucher zu erreichen, denn endgültige Zahlen zum Konsumverhalten erwarten wir erst im Sommer. Zwar ist die Zahl der jugendlichen Raucher so gering wie nie. Die Zahl der Tabaktoten steigt aber dennoch. Das liegt daran, dass die noch sehr stark rauchende Generation älter wird. Diese Menschen im mittleren Alter rauchen also mittlerweile seit mehr als 20 Jahren. Sie erkranken jetzt schwer und sterben oft elendig. Das müssen wir stoppen.

Aber hilft es in diesem Alter noch, mit dem Rauchen aufzuhören?

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Viele gesundheitliche Folgen sind reversibel. Der Ausstieg lohnt sich also auf jeden Fall – immer! Gerade langjährige Raucher benötigen dafür jedoch mehr Unterstützung. Aber Rauchentwöhnungstherapien werden bisher nur zum Teil und unterstützende Medikamente bisher gar nicht von den Krankenkassen bezahlt. Das wird als Privatangelegenheit eingestuft, wie eine Botox-Behandlung. Dabei sind die gesellschaftlichen Folgekosten des Rauchens – und zwar für alle – enorm. Deshalb setze ich mich für die Kostenübernahme durch die Kassen ein, gern finanziert durch eine höhere Tabaksteuer.

Sie haben nach Ihrem Amtsantritt im Herbst 2019 im RND-Interview gesagt: „Vor allem die Jugendlichen fühlen sich beim Thema Cannabis nicht mehr von der Politik verstanden und vertreten. Ich plädiere hier für ein unvoreingenommenes Herangehen ohne Scheuklappen.“ Doch Sie vertreten weiter eine harte Linie. Wie passt das zusammen?

Ich bin ja nicht angetreten mit dem Versprechen, Cannabis zu legalisieren. Aber ich nehme für mich in Anspruch, einen differenzierteren Zungenschlag in die Debatte eingebracht zu haben. Ich habe mit allen Seiten gesprochen, auch mit Jugendlichen selbst. Gleichzeitig habe ich mir angeschaut, wie ein regelmäßiger Konsum gerade bei Heranwachsenden wirkt. Und deshalb bleibe ich dabei: Cannabis ist kein harmloses Kraut. Und jede Legalisierungsdebatte führt die Jugendlichen in die Irre.

Also doch weiter die harte Linie?

Nein. Ein differenziertes Vorgehen. Es ist nicht die angemessene staatliche Antwort, schon beim ersten Cannabis-Delikt gleich die Strafrechtskeule herauszuholen. Ich plädiere dafür, dass das künftig als Ordnungswidrigkeit geahndet wird, bei gleichzeitiger Verpflichtung zu einer Suchtberatung.

Grüne und FDP wollen eine Legalisierung. Wie soll dann eine schwarz-grüne Regierung oder eine Jamaika-Koalition funktionieren?

Die Union wird in der Frage der Legalisierung nicht nachgeben. Aber noch mal: Mir geht es beim Thema Cannabis ausschließlich um den Schutz der Jugendlichen, weil bis zur vollen Entwicklung des Gehirns im Alter von etwa 22 Jahren das regelmäßige Kiffen fatale Wirkungen hat. Für ältere Konsumenten könnte das Mittel der Ordnungswidrigkeit ein möglicher Weg sein.

Ein weiteres Suchtthema: Am 1. Juli tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag in Kraft, der bundesweit das Onlinespiel legalisiert. Das kann Ihnen nicht gefallen, oder?

Wenn die Länder das Onlinezocken zulassen, bevor überhaupt die geplante Aufsichtsbehörde ihren Dienst aufnimmt, ist das eine wirklich schräge Nummer. Doch als Bund sind uns die Hände gebunden. Ich kann nur an die Länder appellieren, den Spielerschutz endlich ernst zu nehmen und bei Verstößen keine Toleranz walten zu lassen.

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