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Corona-Pandemie: Englands Gesundheitssystem am Rande des Kollapses

  • In ganz England gilt seit Dienstag ein harter Lockdown – zu sehr wütet das Coronavirus.
  • In London ist das Epizentrum der Krise, dort trägt es bereits jeder 30. Bewohner in sich.
  • Die Stimmung ist düster, das Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs.
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London. Auf dem Trafalgar Square steht noch der große Weihnachtsbaum, ohne Bewunderer wirkt er wie ein Fremdkörper oder ein Relikt aus hoffnungsvollen Zeiten, als die Vorfreude auf ein besinnliches Fest überwog, als leise Zuversicht herrschte angesichts des neuen Jahres. Der Baum lässt jeden Tag mehr die Äste hängen – und steht wie ein Sinnbild für London, das vor sich hinzusterben scheint. Die Straßen verlassen, die Pubs verriegelt, die Geschäfte geschlossen, die U-Bahn leer, Millionen von Menschen zu Hause.

Wieder einmal hat sich eine dumpfe Stille über die Metropole gelegt, eine Dunkelheit, die besonders trostlos wirkt im nassen Wintergrau dieses Januars. Zu der düsteren Lage bilden die gefühlt konstant ertönenden Sirenen der Krankenwagen das grelle Hintergrundgeräusch. London ist das Epizentrum der Krise im Königreich. Derzeit trägt hier jeder 30. Bewohner das Coronavirus. Die Zahl der eingelieferten Patienten mit Covid-19 hat sich in nur zwei Wochen verdoppelt. Landesweit ist laut offiziellen Daten jede 50. Person infiziert.

Die Pandemie ist auf der Insel völlig außer Kontrolle, seit sich eine Mutante des Virus mit dem Namen B.1.1.7 „in frustrierender und alarmierender Weise“ ausbreitet, wie Premierminister Boris Johnson warnte – und angesichts des immensen Drucks aus der Bevölkerung, dem Gesundheitsdienst und der Wissenschaft reagieren musste.

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Harter Lockdown in ganz England

Zwar hatten bereits in den vergangenen Monaten strikte Maßnahmen London und andere Teile des Landes mehr oder minder lahmgelegt. Seit Dienstag dieser Woche aber gilt erneut ein harter Lockdown in ganz England, der, so die Befürchtung, bis Ostern andauern könnte. Die Menschen dürfen das Haus lediglich für notwendige Aktivitäten wie Arztbesuche oder die Arbeit verlassen. Schulen sind außer für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen geschlossen, Freizeitsport ist nicht erlaubt. Kontakte zu anderen Haushalten ebenfalls nicht. Ähnliche Regeln wurden auch in Schottland, Wales und Nordirland verordnet.

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Der Blick in die Krankenhäuser des Landes löst schieren Horror aus. Die Betten längst voll. Das Personal kurz vor dem Burn-out. Viele medizinische Angestellte in der Quarantäne oder selbst krank. Weniger dringende Eingriffe wie Knie- oder Hüftoperationen seit Monaten schon abgesagt. Der nationale Gesundheitsdienst NHS steht mehr unter Druck denn je zuvor in der Pandemie.

„Die Ärzte sind verzweifelt, manche vergleichen ihr Arbeitsumfeld mit einem Kriegsgebiet“, so Chaand Nagpaul, Vorsitzender des britischen Ärztebunds BMA (British Medical Association). „Ich bin sehr besorgt, dass viele Schwestern und Pfleger daran zerbrechen“, sagt Alison, eine der leitenden Schwestern im Londoner University College Hospital.

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Gesundheitsdienst NHS in manchen Teilen längst kollabiert

Ihre Stimme zittert, sie klingt niedergeschlagen. Wenn sie morgens zur Arbeit kommt, muss sie immer öfter weinende Kollegen trösten, die am Anschlag sind. Die plötzlich die Entscheidung treffen müssen, welche Patienten sie zuerst behandeln. „Die physische wie mentale Belastung ist massiv“, sagt Alison. Operationssäle sind mittlerweile vielerorts umfunktioniert zu Intensivstationen. In Kinderabteilungen liegen nun schwer kranke Erwachsende. Der nationale Gesundheitsdienst NHS, so die Warnung, schlingert seinem Zusammenbruch entgegen.

Die Realität offenbart: Er ist in manchen Teilen längst kollabiert. Ein Sanitäter aus London berichtete gegenüber Medien, wie er Patienten angetroffen habe, die bis zu zwölf Stunden auf einen Rettungswagen gewartet hatten. Ein Mann, so erzählte der Sanitäter, musste mit gebrochenem Bein sechs Stunden in der Kälte ausharren, bis ein Krankenwagen kam. Solche Vorfälle seien „gefährlich“, der Dienst „liege am Boden“. „Man weiß einfach nicht, wem man als Erstes helfen soll“, sagt eine der Intensivpflegerinnen in der Londoner Klinik. „Die Patienten verlieren in dramatischer Geschwindigkeit ihr Leben.“ Ihre Gefühle? „Verängstigt, traurig, erschrocken, besorgt.“

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen erreichte zuletzt einen Rekordwert. Mehr als 62.322 Fälle wurden am Mittwoch binnen 24 Stunden im Vereinigten Königreich gemeldet. Am Donnerstag registrierten die Behörden 1162 neue Todesfälle – der höchste Wert seit April und zweithöchste seit Beginn der Pandemie. Insgesamt sind im Königreich fast 80.000 Menschen gestorben, die in den letzten 28 Tagen vor ihrem Tod positiv getestet wurden. Die Zahl, sie ist schwer zu fassen. Zur Veranschaulichung zeigte ein Nachrichtenmagazin das unbeschwert feiernde Publikum während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 im vollbesetzten Olympiastadion in London. Schaut her. So viele Menschen sind nun tot aufgrund von Corona. So viele Einzelschicksale. So viel Trauer. So viel Leid.

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Johnson schickt England in harten Lockdown
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Der britische Premierminister Boris Johnson verschärft den Lockdown angesichts der Virusmutation. Die Regelungen sollen zunächst bis Mitte Februar gelten.  © Reuters

„Noch immer ein paar Wochen vom Schlimmsten entfernt“

Das Problem sei, so sagt Christina Pagel, die Chefin der Abteilung für klinische Forschung des University College London, dass „wir noch immer ein paar Wochen vom Schlimmsten entfernt sind“ – und das sei gesetzt den Fall, dass der Lockdown funktioniert. Was aber, wenn nicht, wie viele Experten befürchten? Die Regierung müsse Maßnahmen durchsetzen, die die Stilllegung des Landes wirksamer machten, indem sie die Übertragung etwa unter jenen reduziere, die nicht von zu Hause aus tätig sein können und deshalb weiterhin zur Arbeit müssten, wo sie dann wiederum mit anderen Menschen zusammenkommen. Und so das Virus immer weitertragen.

Zwar betonte Englands oberster Amtsarzt und medizinischer Regierungsberater Chris Whitty, dass die Corona-Variante nicht für schwerere Erkrankungen und mehr tödliche Verläufe sorgt. Doch Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Mutation die Übertragbarkeit des Virus um 50 bis 70 Prozent erhöhen könnte, was wiederum bedeutet, dass sich unter den gleichen äußeren Bedingungen mehr Menschen anstecken als mit früheren Versionen des Coronavirus.

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Johnson: „Jede Nadel in jedem Arm macht einen Unterschied“

So würden sich im Fall der Mutante durchschnittlich 15 Prozent der Menschen anstecken, die mit einem Infizierten Kontakt hatten – im Vergleich zu zehn Prozent beim bislang bekannten Standardvirus. Erste Studien weisen zudem darauf hin, dass die neue Variante für junge Menschen unter 20 Jahren besonders ansteckend ist.

„Wenn wir dieses Rennen für unsere Bevölkerung gewinnen wollen, müssen wir unserer Impfarmee einen Vorsprung ermöglichen“, sagte Regierungschef Boris Johnson. Ob in Krankenhäusern oder Hausarztpraxen, in Impfzentren oder Pflegeheimen – jegliche Möglichkeiten sollen jetzt für das Impfprogramm ausgeschöpft werden. Am Freitag ließ Großbritannien mit dem Stoff von Moderna das dritte Vakzin gegen das Coronavirus zu – nach jenem von Biontech/Pfizer sowie dem Mittel der Universität Oxford und des Pharmakonzerns Astra Zeneca.

Seit Anfang Dezember wird flächendeckend geimpft, mehr als 1,3 Millionen Menschen haben bereits den Piks erhalten, darunter fast ein Viertel aller Über-80-Jährigen. Bis Mitte Februar will die Regierung mehr als 13 Millionen Menschen, die den höchsten Risikostufen angehören, zumindest eine erste Impfstoffdosis verabreicht haben. „Jede Nadel in jedem Arm macht einen Unterschied“, so Johnson. Die Frage bleibt, ob das System bis dahin durchhält.

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