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Donald Trump und Joe Biden – der Spalter und der Seelentröster

  • In einem Punkt sind sich Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden einig.
  • Die bevorstehende Wahl wird über Amerikas Zukunft entscheiden.
  • Doch ihre Persönlichkeiten und ihre Werte könnten unterschiedlicher nicht sein – ein Blick auf die beiden Kandidaten.
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Washington. Die Vorstellung macht ihn fertig. „Gegen den schwächsten Kandidaten der Geschichte anzutreten setzt mich enorm unter Druck“, ruft Donald Trump seinen Zuhörern regelmäßig zu: „Könnt ihr euch vorstellen, wie es wäre, wenn ich verlöre? Mein ganzes Leben werde ich daran denken müssen“, unkt er. „Ich würde mich nicht gut fühlen.“

„Sleepy Joe“, der schläfrige Joe, im Weißen Haus. Donald Trump, der größte Präsident aller Zeiten, in Rente: Die Bemerkung ist als sarkastische Spitze gegen den Herausforderer gedacht, den der Amtsinhaber als senilen Tattergreis karikiert. Doch wie oft bei Trump sagt sie mehr über den Urheber als über den Adressaten aus.

Von seinem despotischen Vater hat er gelernt, sich „wie ein Killer“ zu verhalten. Als New Yorker Immobilienmogul kannte er nur eine Alternative: fressen oder gefressen werden. Wenn ihn die Bürger nun nach vier Jahren aus dem höchsten Amt der USA vertreiben würden, wäre das die ultimative Demütigung. Also hetzt Trump, drei Wochen nach seiner Covid-Erkrankung, kreuz und quer durchs Land, er droht und wütet und steigert sich immer mehr in apokalyptische Untergangsszenarien für den Fall einer Niederlage.

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Der ungewöhnlichste Wahlkampf der Geschichte

Der vermeintliche Polit-Opa Biden liegt in den nationalen Umfragen nämlich mit gut 7 Punkten vorn, und auch die wichtigen Swing States, die Trump 2016 erobern konnte, sympathisieren plötzlich mit dem Demokraten. Überraschungen sind nie ausgeschlossen. Sollte aber der 77-jährige Ex-Obama-Vize am Dienstag tatsächlich den ehemaligen Favoriten besiegen, wäre das ein furioses Finale des ungewöhnlichsten Präsidentschaftswahlkampfs der amerikanischen Geschichte.

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Noch im Februar nämlich schien Biden im innerparteilichen Wettstreit um die Kandidatur abgeschlagen. Dann katapultierten ihn die Stimmen der Afroamerikaner in South Carolina an die Spitze des demokratischen Bewerberfelds. Monatelang lagen die öffentlichen Politikerauftritte kurz darauf wegen der Corona-Pandemie auf Eis. Seit ein paar Wochen nun laufen die Kampagnen wieder – aber mit zwei völlig konträren Konzepten und Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

„Ich wünschte, ich könnte von Auto zu Auto gehen und euch alle treffen“, versichert Biden. Es ist Samstag, und seine Kampagne veranstaltet in Bucks County in Pennsylvania ein Drive-in auf dem Parkplatz einer Schule. Genau 130 Autos finden mit ordentlichem Abstand von der Bühne Platz. Das Podest ist mit Heuballen und Kürbissen herbstlich geschmückt, den Redner kann man aus der Ferne auf den beiden Monitoren an der Seite erkennen.

„Ich mag die Idee der sozialen Distanz nicht“, gesteht er, „aber es ist notwendig.“ Biden redet gerade mal 25 Minuten. Dann setzt er wieder seine Maske auf und verabschiedet sich, ohne für Selfies zu posieren oder Hände zu schütteln, wie es vor der Ankunft des Virus typisch für ihn war. Die handverlesenen Gäste hupen zustimmend.

Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger Vizepräsident, spricht bei einer Wahlveranstaltung am Bucks County Community College in Bristol. © Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Trump hingegen hat die Corona-Krise trotz 230.000 Toten und inzwischen rund 80.000 täglichen Neuinfektionen in den USA für beendet erklärt. „Wir sind über den Berg“, behauptet er in Bullhead City in der Wüste von Arizona. Das Mikrofon ist übersteuert, der Redner überdreht. „Das normale Leben kehrt zurück“, behauptet er. Bei der Wahl gebe es eine klare Alternative: „Trump-Boom oder Biden-Lockdown“.

Die Überwindung der eigenen Covid-Infektion hat ihn in der Bagatellisierung der Gefahr noch bestärkt. Mehr als 20 Kundgebungen hat er seit seiner Gesundung absolviert, und jeden Tag kommen zwei oder drei dazu. Meist spricht der Präsident in einem Hangar auf kleinen Flughäfen, zwei- oder dreitausend Zuhörer drängen sich ohne Maske und Rücksicht auf lokale Gesundheitsvorschriften dicht an dicht.

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Der 74-Jährige redet sich 70 Minuten lang in Ekstase, und am Ende tanzt er selbstverliebt zum Party-Song „YMCA“ auf der Bühne. „Das sind Massen, wie man sie nie zuvor gesehen hat“, brüstet sich der Präsident mit seinen Zuschauerzahlen.

Donald Trump, Präsident der USA, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung in Bullhead City. © Quelle: John Locher/AP/dpa

Die Größe des Publikums, die Höhe der Börsenkurse, der Profit der Unternehmen – das sind die Werte, an denen sich der Milliardär Trump orientiert. Nach seiner Einschätzung lief in den USA alles großartig, bis „China dieses Virus herausgelassen hat“. Politisch sieht er die Pandemie als ärgerliche Ablenkung, die er nach eigenem Bekunden zunächst herunterzuspielen versuchte.

Persönlich, so beschreibt es seine Nichte Mary Trump, gilt ihm „Krankheit als Ausdruck einer unverzeihlichen Schwäche“. Als sein Bruder Fred, ein Alkoholiker, 1981 mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde (und kurz darauf starb), fuhr Donald nicht in die Klinik, sondern ins Kino.

Aus Schicksalsschlägen erwächst Stärke

Der Kontrast zu Biden könnte nicht größer sein. Mit 29 Jahren war der Nachfahre irischer Einwanderer gerade für seinen Heimatstaat Delaware als jüngster Senator gewählt worden, als in der Vorweihnachtswoche 1972 sein Leben implodierte. Bei einem Verkehrsunfall wurden seine Frau Neilia und sein Baby Naomi getötet, die beiden Söhne Hunter und Beau schwer verletzt. Freunde berichten, dass der bislang Erfolgsverwöhnte lange düster mit dem Schicksal haderte. Nach der Heirat mit seiner jetzigen Frau Jill kehrte das Glück zurück, aber nicht auf Dauer. Sein Lieblingssohn Beau wurde von einem aggressiven Gehirntumor befallen, an dem er 2015 im Alter von 46 Jahren starb.

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Die tragische Familiengeschichte ist mit dem Namen Biden untrennbar verbunden, und der Politiker geht damit offen um. Seine Erfahrung mit dem persönlichen Leid hat ihn zu einer Art öffentlichem Seelsorger gemacht. Aufmerksam hört er sich bei Begegnungen die Nöte der Gäste an, und öfter gibt er ihnen seine Telefonnummer.

Die Schicksalswahl Der Newsletter mit Hintergründen und Analysen zur Präsidentschaftswahl in den USA.

Folgerichtig hat er die Corona-Pandemie ins Zentrum seines Wahlkampfes gerückt. Er wirft dem Amtsinhaber vor, die Gefahren bewusst verharmlost, die Wissenschaftler mundtot und das Maskentragen diskreditiert zu haben, das den Tod von Zehntausenden Menschen hätte verhindern können. Trumps Behauptung, das Land lerne, mit dem Virus zu leben, kontert er hart: „Wir lernen, damit zu sterben.“

Bei den politischen Inhalten hat sich der Pragmatiker seit seiner Nominierung auf den linken Flügel der Partei zubewegt. Er verspricht nun eine Anhebung der Unternehmenssteuern, ein billionenschweres Investitionspaket für Klima und Infrastruktur und die Einführung einer optionalen öffentlichen Krankenversicherung. Doch im Kern seiner Kampagne steht das Versprechen, den gesellschaftlichen Fieberwahn zu beenden, mit dem Trump das Land angesteckt hat.

Biden prangert die kaum versteckten Grußadressen des Präsidenten für Rechtsextreme und dessen Verhöhnung gefallener Soldaten als „Verlierer und Trottel“ an, fordert eine Rückkehr von „Anstand und Respekt“ und verspricht, das Land einen zu wollen: „Ich bewerbe mich als stolzer Demokrat, aber ich werde als amerikanischer Präsident für alle arbeiten.“

Das instinktive Gespür des Boxers

Daran hat Trump überhaupt kein Interesse. Sein Geschäftsmodell beruht auf der Spaltung des Landes und der extremen Mobilisierung jener 40 Prozent, die ihn unerschüttert unterstützen. Mit dem instinktiven Gespür des Profiboxers für mögliche Wirkungstreffer hat er die verwundbaren Stellen seines Kontrahenten ausgemacht. Biden ist kein guter Redner, er hat als Kind gestottert und ringt noch heute manchmal nach einem Wort.

Zudem merkt man dem 77-Jährigen gelegentlich sein Alter an, wenn er unkonzentriert eine Zahl verwechselt oder einen Satz verstolpert. Trumps wilde Zwischenrufe in der ersten Fernsehdebatte dienten dem Ziel, den Redner aus dem Konzept zu bringen. Gleichzeitig lässt er in den sozialen Netzwerken teilweise manipulierte Videoschnipsel verbreiten, die Biden wie einen Demenzkranken wirken lassen.

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Chaotisches TV-Duell zwischen Trump und Biden
3:40 min
Die etwa 90-minütige Debatte war geprägt von gegenseitigen Beleidigungen und persönlichen Angriffen, streckenweise verlief sie regelrecht chaotisch.  © Reuters

Das ist perfide, denn tatsächlich weiß die amerikanische Öffentlichkeit nichts über den wirklichen Gesundheitszustand des Präsidenten. Auch seine Finanzen liegen im Dunkeln, weil er anders als Biden seine Steuererklärung nicht offenlegt. Doch auch hier projiziert er seine eigenen Probleme auf seinen Herausforderer, dem er mithilfe seines windigen Anwalts Rudy Giuliani, eines ominösen Laptops und angeblicher Dokumente, die leider auf dem Flug von New York nach Los Angeles verloren gingen, eine wilde Korruptionsaffäre anzudichten versucht.

„Das ist ein riesiger Skandal“, ruft der Präsident am vorigen Samstag seinen Anhängern in Waukesha im Bundesstaat Wisconsin zu. Es ist zwei Grad kalt, Trump redet mit Mantel und Handschuhen. Aber bei dem Thema kommt er so richtig in Fahrt. Ein „Krimineller“ sei Joe Biden, behauptet er. „Hört ihr die Rufe dahinten?“, lockt er die Basis. Es dauert nicht lange, bis mehrere Tausend ebenso maskenlos wie lautstark „Lock him up“ (Sperr ihn ein!) skandieren.

Das ganz große Besteck

Das erinnert fatal an den Wahlkampf von 2016, als Trump seine damalige Herausforderin Hillary Clinton ins Gefängnis werfen wollte. Auch sonst greift der Präsident tief ins Retrodrehbuch des Horrors. „Kein Öl, keine Waffen und keinen Gott“ werde es unter einem Präsidenten Biden geben, behauptet er, und dass die bevorstehende Wahl die wichtigste in der amerikanischen Geschichte sei. Es geht also um alles.

Auch Biden wählt ganz große Bilder. Für ihn ist der Urnengang am Dienstag eine schicksalhafte Abstimmung über den Dämonen Trump und „die Seele Amerikas“. Demonstrativ besuchte er diese Woche Warm Springs, den legendären Rückzugsort des ehemaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der das Land geeint durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg führte. „Von Zeit zu Zeit in unserer Geschichte haben wir Scharlatane gesehen, Rattenfänger, verlogene Populisten, die mit Ängsten spielen, an die schlimmsten Impulse appellieren und alles zum eigenen Vorteil nutzen“, sagte Biden. Nur drei Dutzend Gäste und ein paar Kameras waren bei dem Vortrag auf einem abgesperrten Hotelgrundstück zugelassen. Die Rede klang ernst und staatsmännisch. Biden zitierte Roosevelt, Papst Franziskus und die Bibel.

Am Samstag trat der Kandidat in Michigan erstmals gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef Barack Obama auf. Mehr politisches Gewicht geht kaum. „Gott und die Geschichte rufen uns in diesem Augenblick und zu dieser Aufgabe“, mahnte er in Warm Springs eindringlich: „Wir müssen uns mit unseren Stimmen von den Mächten der Dunkelheit befreien.“

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