Trump hält die USA für Corona-Weltspitze – seine Erklärung verblüfft Reporter

  • US-Präsident Donald Trump ist fest davon überzeugt, in der Corona-Bekämpfung alles richtig zu machen.
  • Ein Interview zeigt nun, wie Trump zur Überzeugung kommt, die USA ständen in der Pandemie im internationalen Vergleich gut da.
  • Die Aussagen des Präsidenten offenbaren ein eklatantes Wissenschaftsunverständnis.
Felix Huesmann
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Washington. America First – wenn man US-Präsident Donald Trump glaubt, dann sind die USA auch bei der Bekämpfung des Coronavirus Weltspitze. Wissenschaftler zeichnen jedoch ein anderes Bild. Ein Interview des US-Onlinemagazins “Axios” zeigt nun, dank welcher Statistiken der US-Präsident zu seiner Annahme kommt. Auf das Wissenschaftsverständnis des Präsidenten wirft das Interview kein positives Licht.

“Schauen wir uns ein paar dieser Grafiken an”, sagt Trump zu Axios-Reporter Jonathan Swan, als es um die Anzahl der Corona-Toten in den USA geht. “Genau hier haben die USA die niedrigsten Werte in zahlreichen Kategorien. Wir sind niedriger als die Welt, niedriger als Europa.” Der ihm gegenübersitzende Reporter schaut Trump ungläubig an und fragt: “Niedriger als die Welt? In was?” Als der Präsident ihm die ausgedruckten Grafiken herüberreicht, beginnt Swan, zu verstehen:

“Oh, Sie reden über Todesfälle in Proportion zu Infektionsfällen. Ich spreche über Todesfälle in Proportion zur Gesamtbevölkerung. Da stehen die USA richtig schlecht dar.”

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Trump: “Niemand mag mich”
1:47 min
US-Präsident Donald Trump hat seine gesunkenen Zustimmungswerte in der Corona-Krise beklagt.  © Reuters

“Das können Sie nicht machen!”, entgegnet Trump. Man müsse sich nur anschauen, wie viele der Infizierten gestorben seien. Tatsächlich ist auch das eine relevante Größe: Sie kann etwa darüber Auskunft geben, wie gut ein Gesundheitssystem für den Umgang mit Covid-19-Erkrankungen gewappnet ist.

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Todesfälle pro 100.000 Einwohner? Für Trump irrelevant

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Dass auch die Anzahl der Corona-Toten in Relation zur Gesamtbevölkerung eine Rolle spielt, will Trump dem Reporter nicht glauben. Zur Übersicht: Laut den Zahlen der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität sind in den USA bislang 47,5 Menschen pro 100.000 Einwohnern an oder mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

Zum Vergleich: Im Vereinigten Königreich Großbritannien liegt diese Zahl mit 69,63 noch deutlich höher, in Deutschland mit 11,04 bedeutend geringer. Ein lobenswerter Spitzenwert ist die Todesrate in den USA damit auf keinen Fall. In der Gesamtzahl der Todesfälle – ohne Relation zur Einwohnerzahl – stehen die USA mit über 155.000 Toten an erster Stelle weltweit.

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Besser stehen die USA tatsächlich in der von Donald Trump herausgestellten Berechnung der Todesfälle in Relation zu den Infektionsfällen da – in der sogenannten Case Fatality Rate. Die Mortalitätsrate liegt in den USA laut Johns-Hopkins-Universität bei 3,3 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Mortalitätsrate demnach bei 4,3 Prozent, in Israel nur bei 0,7 Prozent. Einen Spitzenwert – wie von Donald Trump behauptet – stellt die Mortalitätsrate der USA ebenfalls nicht dar.

Im Verlauf des Interviewausschnitts, den “Axios” am Dienstag auch auf Twitter veröffentlicht hat, blättert Trump immer wieder durch seine ausgedruckten Grafiken, zeigt sie dem sichtlich irritierten Reporter. Als der ihn auf die geringe Zahl der Todesfälle in Südkorea hinweist, schüttelt Trump den Kopf und entgegnet: “Das wissen Sie nicht!”

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Ob er Südkorea vorwirft, die Statistiken zu fälschen, will er dann aber doch nicht beantworten. Stattdessen macht Trump das, was er im Umgang mit kritischen Journalisten meist macht: Er wirft Jonathan Swan vor, die Zahlen nicht korrekt zu berichten.

Und dann wiederholt er eine weitere seiner Lieblingsbehauptungen in der Corona-Krise: Die Fallzahlen in den USA seien lediglich so hoch, weil so viel getestet würde. Swan entgegnet ihm: “Wenn die Krankenhausrate und die Todesfälle sinken würden, würde ich sagen: Großartig, dafür verdienen Sie Lob! Aber die Zahlen gehen alle in die Höhe.”

Der designierte demokratische Herausforderer Trumps bei der Präsidentschaftswahl im November, Joe Biden, schrieb am Dienstag auf Twitter, ohne das “Axios”-Interview direkt zu erwähnen: “Am 1. Juli sagte Donald Trump voraus, dass das Coronavirus ‘einfach verschwinden’ würde. Er hatte sich geirrt – und mehr als 25.000 Amerikaner starben letzten Monat an den Folgen des Virus. Herr Präsident, treten Sie vor und machen Sie Ihre Arbeit, bevor noch mehr amerikanische Familien den Schmerz empfinden, einen geliebten Menschen zu verlieren.”

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