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  • Digitalisierung nach der Corona-Krise? Schon jetzt gibt es viele digitale Hilfsangebote

Die digitalen Corona-Helden

  • Von Schule bis Krisenhilfe – in Corona-Zeiten zeigt sich, wie sehr Deutschland bei der digitalen Infrastruktur geschlafen hat.
  • Ehrenamtliche wie Marina Weisband und Daniel Domscheit-Berg holen jetzt vieles nach.
  • Die digitalen Hilfsangebote könnten auch für kommende Krisen nützlich sein.
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Berlin/Fürstenberg/Münster. Der Minister ist sich ganz sicher: “Nach der Corona-Krise wird es einen Digitalisierungsschub geben”, meint Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) in diesen Tagen. “Die Bewegung können wir aus dem Druck dieser Krise schaffen.”

Diesen Schub gibt es bereits – ohne Scheuer, aber dafür mit unzähligen Freiwilligen, die ihre Kenntnisse und Netzwerke einsetzen, um digitale Hilfsangebote ins Netz zu bringen.

Beim Hackathon der Bundesregierung für technische Lösungen im Kampf gegen das Coronavirus nahmen am vergangenen Wochenende 43.000 Menschen teil. Am Sonntagabend sollen nun die Sieger verkündet werden.

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Kriseninfrastruktur: Der Staat hat geschlafen, jetzt kommen Freiwillige

Parallel dazu schaffen Ehrenamtliche binnen weniger Tage eine Infrastruktur, die der Staat zu schaffen versäumt hat. Und sie sind sich ihrer Rolle als Lückenbüßer schmerzlich bewusst.

“Wir übernehmen eine Arbeit, die eigentlich Arbeit der Regierung wäre”, sagt etwa die Netzaktivistin Marina Weisband. “Da der deutsche Staat den Ausbau einer digitalen Infrastruktur in den vergangenen Jahren größtenteils verschlafen hat, müssen wir vieles nachholen, ehrenamtlich und dezentral. Dass das passiert, ist eine wichtige und gute Entwicklung.”

Weisband selbst hat in den vergangenen Wochen durch ihre Kontakte mit dafür gesorgt, dass in kürzester Zeit ein Hilfsportal für Senioren aufgebaut werden konnte, mit eigener Hotline für Einkaufshilfen und telefonischen Beistand.

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Die Diplom-Psychologin Weisband hat Hilfsvideos zur Krisenbewältigung gedreht, die Teil des Portals werden – eines über Ängste in der Pandemie und eines darüber, wie Familien die Zeit ohne Kindergarten und Schule am besten überstehen.

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Das Portal heißt gemeinschaft.online, es besteht aus einer Website, einer Telefonnummer und einem automatisierten Callcenter. Hilfsbedürftige können wählen, ob sie zum Beispiel Unterstützung beim Einkauf benötigen, dann werden ihre Anfragen in Annoncen auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de ausgegeben. Wenn sie telefonischen Beistand brauchen oder einfach nur reden möchten, landen sie beim Berliner Verein Silbernetz, der eine Hotline für einsame Senioren betreibt.

Von Microsoft über den Telefonanbieter Easybell bis zum Chaos Computer Club, Studierenden und Schülern reicht die Palette der Unterstützer und Entwickler. Die Fäden laufen beim Hamburger Digitalberater Boris Crismancich zusammen, der in diesen Tagen atemlos telefoniert, mailt und netzwerkt.

Inzwischen sind die Corona-Hacker so gut eingespielt, dass sie mit ihren mehr als 100 Freiwilligen auch anderen Initiativen technische und inhaltliche Unterstützung anbieten. Es haben sich bereits Katastrophenschützer gemeldet, die an der neu aufgebauten Hotline-Infrastruktur interessiert sind.

Schutzvisiere aus dem 3-D-Drucker

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Im Impressum von gemeinschaft.online steht der Verein havel.lab aus dem brandenburgischen Fürstenberg. Dahinter stehen unter anderem Daniel und Anke Domscheit-Berg. Der frühere Wikileaks-Aktivist und die Bundestagsabgeordnete der Linksfraktion sind im unermüdlichen Anti-Corona-Einsatz. Sie ist Mentorin und Jurymitglied beim Hackathon, er sorgt unter anderem dafür, dass der 3-D-Drucker nie stillsteht: Das lokale Krankenhaus hat 100 Plexiglasvisiere bestellt. Der Gesichtsschutz aus dem Drucker schützt Ärzte und Schwestern wirksamer als Masken.

Und beide arbeiten am Netzwerk Krisenkultur.de, in dem das Projekt Gemeinschaft.online inzwischen aufgegangen ist. Hier docken jetzt auch das ehrenamtlich entwickelte Jobportal coronajobs.de und die Seite ich-lerne-online.org an, weitere kommen in Kürze dazu.

“Krisenkultur.de ist eine Art Puzzle, da können noch andere Projekte dazukommen”, sagt Anke Domscheit-Berg.

Jeder macht seins – auf die Vernetzung kommt es an

Die Abgeordnete sieht aber auch die Schattenseiten des digitalen Booms der Hilfsangebote: “Man bedenkt jetzt weniger und macht einfach mal. Man erfindet deshalb aber oft das Rad parallel. Das hätte nicht sein müssen, wenn wir nicht über viele Jahre versäumt hätten, die digitale Infrastruktur und Arbeitsprozesse aufzubauen.”

Anders aber geht es nicht, sagt wiederum Marina Weisband. “Wichtig ist, dass die Leute solidarisch miteinander reden und zusammenarbeiten. Und das gelingt in dieser Zeit wirklich gut. Chaos und Kuddelmuddel müssen sein, denn Demokratie und Digitalisierung entstehen nun mal beide von unten nach oben. Wichtig ist, dass wir uns viel darüber austauschen, was gut funktioniert, und das in die Breite tragen.”

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Verantwortung für den Nachbarn – auch in kommenden Krisen

Die Infrastruktur, die jetzt aufgebaut wird, kann auch in kommenden Krisen nützlich sein, sagt Weisband. “Wir werden aus dieser Krise nicht mit der Möglichkeit herauskommen, zum Zustand davor zurückzukehren. Es werden harte Zeiten kommen, und zwar nicht nur durch Corona, auch durch die großen Herausforderungen Klimawandel und Massenmigration.”

Im Netz und in der Nachbarschaft gehe es jetzt um Verantwortung: “Jede und jeder schaut: Geht es meinen Nachbarn gut? Geht es den Schwächsten dieser Gesellschaft gut? Dieses Gesellschaftsmodell brauchen wir, um die kommenden Krisen zu bewältigen.”

Daniel Domscheit-Berg sieht das ähnlich: “Wir sind nicht so eine gespaltene Gesellschaft, wie es vorher aussah”, sagt er. “Wenn es richtige Probleme gibt, können wir als Gesellschaft zusammenstehen und diese lösen. Das sollten wir nicht wieder vergessen.”

Auch Steinmeier ruft bei der Hotline für einsame Senioren an

Bei Silbernetz, der Berliner Hotline für einsame Senioren, ist das jetzt bereits zu spüren. “Seit Montag haben wir das Drei- bis Vierfache an Anrufen”, sagt Mitarbeiterin Martina Rohrsdorf – neuerdings auch solche, die via gemeinschaft.online weitergeleitet worden sind. Die Alten machen sich Sorgen, weil sie nicht mehr in die Arztpraxis können oder ihr Pfleger jetzt kaum noch Zeit hat. Die Jüngeren sind verunsichert von all den neuen Beschränkungen und Regeln. “Am besten, sie folgen den Anweisungen”, sagt die Berlinerin dann meist, und: „Es wird auch mal wieder besser.“

Gerade hatte Rohrsdorf einen besonderen Anrufer in der Leitung: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er telefoniert in diesen Tagen viel mit Corona-Heldinnen und hHelden. Bei ihr hat er sich bedankt für die Hilfe im digitalen Krisenmodus.

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