Der Pate von Sinsheim: Auf den Spuren von Dietmar Hopp

  • SAP-Gründer und Multimilliardär Dietmar Hopp steckt einen Großteil seines Vermögens in Sport, Wissenschaft und soziale Projekte.
  • Er ist Patriarch, Provinzheld – und das aktuell umstrittenste Feindbild im deutschen Fußball.
  • Wer ist der Mann? Eine Spurensuche in seiner Heimat.
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Auf der Website der Dietmar-Hopp-Stiftung, die seit jeher vor allem Projekte für Kinder fördert, gibt es ein Video, in dem Kinder erklären sollen, wer eigentlich dieser Dietmar Hopp ist. Er sei ziemlich nett zu Kindern, sagt ein Mädchen. Er habe weiße, graue oder weißgraue Haare, meint ein anderes. Hopp habe gut Fußball gespielt, als er groß war, sagt ein Junge. Und der etwa Sechsjährige neben ihm ergänzt: „Irgendwann ist er so groß geworden, dass er durch die Decke gekracht ist.“

Durch die Decke ging Dietmar Hopp in den Achtzigern, mit seiner Firma Systemanalyse und Programmentwicklung GbR, kurz: SAP. Es waren die Anfänge des IT-Zeitalters, und Hopp und seine vier Weggefährten, mit denen er als junger Familienvater 1972 die SAP gegründet hatte, waren Pioniere in Strickpullovern, die vor großen, grauen Kisten tüftelten und für die das Wort Computernerds noch gar nicht erfunden war.

Doch die SAP – die als Miterfinder der Standardsoftware gilt – war einer der wenigen Technikkonzerne, die mit der US-Konkurrenz mithalten konnten. Als die SAP 1988 an die Börse ging, war sie schon Marktführer in Europa, der Jahresumsatz lag bei 91,6 Millionen Euro. Ein Jahr später betrug er 187,6 Millionen Euro – ein Wachstum von über 100 Prozent.

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Für viele ein großes Rädchen in der DFB-Maschinerie der Geldvermehrung: Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp.

Dietmar Hopp’s zwei große Leidenschaften: Software und Fußball

Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens wurde in den Folgejahren fortgeschrieben. Ihr Hauptautor: Dietmar Hopp. Heute hat SAP 100.000 Mitarbeiter weltweit, ihr „Headquarter“ hat die Firma nach wie vor am Gründungsort Walldorf, in Hopps Heimatregion bei Heidelberg. Die Jahresumsätze gehen längst in zweistellige Milliardensummen, Dietmar Hopp steht laut Forbes-Liste auf Platz 96 der reichsten Menschen der Welt.

Und dennoch würde sein Name den meisten Deutschen wohl nichts sagen, hätte er neben Softwareprogrammen nicht eine zweite Leidenschaft: den Fußball.

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Dietmar Hopp: Fußballer seit dem “Wunder von Bern”

Mit sieben Jahren bekam Dietmar Hopp seinen ersten Ball, mit 14 Jahren eine Stürmerposition bei der Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim, dem Dorfklub seines Heimatorts. Es ist die Nachkriegszeit, in der Hopp (Jahrgang 1940) als jüngstes von drei Kindern aufwächst. Es ist das Fußballweltmeisterjahr, in dem Hopp zum Hobbykicker wird, in dem ein gewisser Sepp Herberger vom umliegenden SV Waldhof Mannheim für das Wunder von Bern sorgt, in dem ein ganzes Land dem Fußballfieber verfällt.

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Heute ist Hoffenheim noch immer ein Dorf, aber die TSG kein Dorfklub mehr. Hoffenheim hat 3000 Einwohner und auch sonst nicht viel. Auf einen Kaffee trifft man sich beim Bäcker des örtlichen Nahkaufs. Von den zwei Restaurants, die es laut Google Maps in Hoffenheim gibt, wirkt die Hühnerranch vor Ort ziemlich verlassen. Es gibt eine Kirche und ein Schreibmaschinenmuseum. Ausgeschildert ist das Dietmar-Hopp-Stadion, eine große blau-weiße TSG-Fahne weht am Ortskern.

Dietmar Hopp - Das personifizierte Fußball-Establishment

Hier hatte Dietmar Hopp immer vom Aufstieg seines Vereins geträumt, so wie viele Fans vom Aufstieg ihres Vereins träumen. Mit einem Unterschied: Er hatte irgendwann das Geld, sich diesen Traum selbst zu erfüllen. Seit 1989, kurz nach seinem unternehmerischen Durchbruch, pumpte Hopp Geld in den Klub, insgesamt nach eigenen Angaben 350 Millionen Euro.

Er holte die TSG innerhalb von elf Jahren aus der zweituntersten Liga in die Regionalliga und formte sie zum Profiklub, als der Verein 2007 unter Trainer Ralf Rangnick erst in die 2. Liga und nur ein Jahr später in die Bundesliga aufstieg. Da hieß die TSG Hoffenheim dann schon TSG 1899 Hoffenheim – wohl auch, um den „Retortenclub Hoppenheim“-Rufen entgegnen zu können, dass es eine Art Vereinstradition gibt.

Tradition haben – seit mittlerweile zehn Jahren – auch die Schmähgesänge, Spruchbänder und Plakate gegen Dietmar Hopp als personifiziertes Fußball-Establishment, das aus Sicht der Kritiker den Ausverkauf des Sports massiv vorantreibt.

Hopp ist in den Augen vieler ein großes Rädchen in der DFB-Maschinerie der Geldvermehrung, so wie es etwa die Münchener Ultragruppe Schickeria in einer Stellungnahme in dieser Woche erklärte. Wegen eines „Hurensohn“-Spruchbands war am vergangenen Samstag die Partie gegen den FC Bayern München in Sinsheim 13 Minuten unterbrochen – und seither wild diskutiert worden.

„Er ist niemand, der sich feiern lassen würde“

Wer ist dieser Mann, der Kommerzkritikern so sehr als Feindbild taugt?

In seiner Heimatregion, das ist keine große Überraschung, ist Dietmar Hopp ein Held ohne den Ruf, ein Held sein zu wollen. Menschen, die ihn kennen, für ihn oder mit ihm gearbeitet haben, beschreiben ihn als bescheiden, bodenständig und großzügig.

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„Er ist niemand, der sich feiern lassen würde“, sagt ein langjähriger Mitarbeiter der TSG Hoffenheim. Er sei niemand, der auf Champagner und Kaviar – sondern auf Wurstsalat in seiner Loge bestehe. Er schaue nach Spielen auch mal in der Kabine vorbei, um Spielern auf die Schultern zu klopfen, „aber generell merkt man nicht, dass er da ist, er steht nicht gern im Mittelpunkt“.

Selbst beim Drittligisten SV Waldhof Mannheim hört man keinen Neid: Ortsansicht in Hoffenheim – mit einem Schild zum Dietmar-Hopp-Stadion. © Quelle: picture alliance / Ulrich Baumga

Selbst beim Drittligisten SV Waldhof Mannheim hört man keinen Neid. Klar, ohne sein Geld würde man vielleicht noch immer in der Regionalliga gegeneinander kicken, aber auch den SV Waldhof habe Hopp ja vor Jahren mit 500.000 Euro vor der Pleite gerettet (die inzwischen zurückgezahlt seien). Außerdem habe er mit dem Bau der SAP-Arena Mannheim auch dem Profihandball (Rhein-Neckar-Löwen) und -eishockey (Adler Mannheim) eine Heimat gegeben. Auch Golfnachwuchs fördert Hopp, er hat einen eigenen Klub in St. Leon-Rot erbaut, in dem schon Tiger Woods Charityturniere spielte.

Hopp behält gern die Kontrolle

Und all die anderen Projekte: Sportzentren, Spielplätze, Senioreneinrichtungen, Förderprogramme und Forschungsaufträge – an die 800 Millionen Euro spendete Hopp über seine Stiftung für Projekte im Bereich Medizin, Bildung, Sozialwesen und Klimaschutz. Aus der diffusen Angst heraus, einer seiner beiden Söhne könnte an Krebs erkranken, hatte Hopp 1995 die Dietmar-Hopp-Stiftung gegründet. Vor allem in die Kinderkrebsforschung steckte er seitdem sein Vermögen.

Er behält gern die Kontrolle: Dietmar Hopp 2004 während eines Spiels der TSG gegen Koblenz auf der Tribüne des nach ihm benannten Dietmar-Hopp-Stadions. © Quelle: picture-alliance / dpa/dpaweb

Hopp behält gern die Kontrolle. Ob im Profisport, in seinem Unternehmen, selbst bei unberechenbaren Schicksalsschlägen. Die TSG ist offiziell seit der Saison 2014/2015 finanziell unabhängig, nach außen hat Hopp keine Funktion. Aber er sei „natürlich bei Spielerkäufen und Trainerentscheidungen immer noch mit dabei“, heißt es aus Vereinskreisen.

“Vadder Hopp” nennen manche bei SAP ihn noch heute

Auch bei der SAP ist Hopp 2005 mit 65 Jahren offiziell verabschiedet worden, seine Mitarbeiter ließen SAP-blaue Ballons steigen und sangen „Mamor, Stein und Eisen bricht“. Als im Jahr darauf drei Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen wollten, war Hopp (wieder) da. Er sendete einen Brandbrief an die Belegschaft, richtete eine Website namens „Hopp in großer Sorge“ ein und gab – für ihn ungewöhnlich – zahlreiche Interviews.

Hopp wollte keinen SAP-Betriebsrat: „Ich weiß, dass die Gewerkschaften nichts Gutes bringen“, sagte er damals dem „Manager-Magazin“, und den SAP-Mitarbeitern mailte er: „Ich betreibe hier keine Schwarzmalerei, aber wollen Sie von Leuten vertreten werden, die ihre Anweisungen von außerhalb erhalten?“ Über die drei Initiatoren sagte er in einem Interview: „Ich denke, die haben Charakter genug, das nicht weiterzuverfolgen.“ Zwei der drei gaben dem Druck nach, ließen von der Idee ab. Der Dritte zog es mit zwei anderen Kollegen durch, alle Beteiligten sind noch heute bei SAP beschäftigt.

“Hopp in großer Sorge”: Einen Betriebsrat bei SAP wollte Dietmar Hopp – hier im Oktober 1997 in Mannheim – verhindern. © Quelle: picture-alliance / dpa

Der Betriebsrat wurde über die Jahre akzeptiert, Hopp wurde immer von der Mehrheit verehrt. “Vadder Hopp” nennen manche ihn noch heute. Ein Vater kann fürsorglich sein, engagiert, einfühlsam, aber eben auch streng, autoritär, dominant, herrisch.

“Was mein Vater getan hat, ist zu verurteilen”

Auch in einer familiären Angelegenheit, die öffentliches Interesse erregte, zeigte sich Dietmar Hopps Umgang mit Dingen. Als 2009 herauskam, dass sein Vater Emil SA-Truppenführer im Zweiten Weltkrieg war und als solcher 1938 für die Zerstörung der Synagoge Hoffenheims verantwortlich, zeigte er sich ahnungslos.

Die jüdischen Brüder Menachem Mayer und Fred Raymes, die als Kinder aus Hoffenheim deportiert worden waren, erwähnten Emil Hopp in ihrer autobiografischen Erzählung. Dietmar Hopps Bruder Rüdiger fragte daraufhin an, ob man den Namen Hopp in der deutschen Übersetzung nicht streichen könne. Die Antwort: ein “klares Nein”. Letztlich finanzierten die Hopps die deutsche Übersetzung und luden beide jüdischen Familien zur Buchvorstellung nach Deutschland ein, samt Gruppenfoto am Golfklub. Auch eine gemeinsame Doku entstand.

Vor einem Jahr kam Dietmar Hopp noch einmal auf die NS-Vergangenheit seines Vaters zu sprechen. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte er: „Was er getan hat, ist zu verurteilen“, und fügte hinzu: „Auch wenn niemand dabei gestorben ist und er nicht für die Verschleppung der Hoffenheimer Juden zuständig war.“ Außerdem sei er ja damals schon Vater von drei Kindern gewesen. „Hätte er es nicht gemacht, wäre er entlassen worden, und seine Familie wäre einer hoffnungslosen Zeit entgegengegangen.“

Hopp sieht sich selbst als Opfer

In der aktuellen Diskussion um die Beleidigungen gegen ihn sieht sich Dietmar Hopp immer wieder als Opfer von Diskriminierung. Schon 2007, als Mainz-05-Manager Christian Heidel sagte, es sei schade, dass eine „Mannschaft wie Hoffenheim einen der 36 Plätze im Profifußball“ wegnehme, forderte Hopp den DFB auf, dass „Diskriminierungen, wie sie Herr Heidel betreibt, mit der gleichen Konsequenz verfolgt“ würden, wie das bei Rassismus geschehe. Dass ein privilegierter Mann wie Hopp, der sich auch mit Überlebenden der Schoah auseinandergesetzt hat, sich auf einer Stufe sieht wie Opfer rassistischer Vorfälle – auch das heizte die Kritik am Mäzen Hopp weiter an.

Wer Geld hat, hat Macht, das war schon immer so. Und Dietmar Hopp hat viel Geld. Er hat viel gegeben und einiges bekommen. „Ich nehme keine Ehrungen mehr an, weil ich schon zu viele habe“, sagte Hopp einmal. Es gibt das Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim, die Dietmar-Hopp-Straße in Sinsheim, 19 „alla Hopp“- Bürgerparks in der ganzen Region. Er hat das Bundesverdienstkreuz am Bande, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, er ist Ehrenbürger von Walldorf, Ehrenbürger von St. Leon-Rot, Ehrenbürger von Sinsheim, ja sogar ein Asteroid ist nach ihm benannt worden.

Hopp, der Patriarch aus der Provinz, der niemals wegziehen würde, hat alles. Vielleicht hat er sogar ein bisschen zu viel von allem. Was ist viel für einen Milliardär? Eine Anekdote, die sich Mitarbeiter über Hopp erzählen, ist: Wenn er an Raststätten auf Toilette geht, gibt er der Klofrau immer 100 Euro – und ärgert sich danach, dass er so wenig gegeben hat.

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