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Diese alten Linden sind eine Geheimwaffe gegen die Folgen des Klimawandels

  • Bäume der Erkenntnis: In Mecklenburg wachsen die entspanntesten Bäume des Landes.
  • Das ist wissenschaftlich nachgewiesen.
  • Ihre Klone sollen nun an Straßenrändern der Städte gepflanzt werden, weil sie besonders widerstandsfähig gegen extreme Einflüsse sind. Ein Besuch.
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Klütz/Tremmen/Berlin. Vielleicht liegt es an der unaufgeregten mecklen­burgischen Umgebung, sagt Daniel Förster, der Gärtner von Schloss Bothmer. Vielleicht färbt die Gegend auf die Bäume ab. Knapp 300 Jahre stehen die knapp 70 Linden bereits im Klützer Winkel in Mecklen­burg, nur einen Windhauch von der Ostsee entfernt. Sie rahmen eine sanfte Kuppe ein, durch die ein pittoresker Hohlweg führt, 270 Meter lang und von wohl jeder Touristin und jedem Touristen fotografiert.

Die Besucherinnen und Besucher sehen die Allee von Weitem und glauben meist, es seien Weiden, wegen ihrer jungen Triebe, die aus den Stämmen wachsen. Dann weist Förster sie freundlich auf den Irrtum hin, erzählt von den Jahrhunderten, die seine Linden schon gesehen haben, von den Liebespaaren, die sich zu allen Zeiten hinter ihnen versteckten. Er tut das in seinem sanften Mecklen­burgisch. Hier oben kennt schon die Sprach­melodie der menschlichen Bewohner keinerlei Hektik.

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Warum 300 Jahre alte Linden eine Geheimwaffe im Kampf gegen den Klimawandel sind
2:16 min
Daniel Förster ist Gärtner von Schloss Bothmer. Im Video erzählt er, was an den Linden der Festonallee so besonders ist.  © RND
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Die knapp 70 holländischen Linden der Festonallee von Schloss Bothmer sind Deutschlands entspannteste Bäume. Das ist wissen­schaftlich nachgewiesen. Und es ist von größter Bedeutung im Kampf gegen den Klimawandel in unseren Städten. Denn die Linden­veteranen aus Mecklenburg werden jetzt geklont und stehen für den Großstadt­einsatz bereit.

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Städte brauchen Bäume

Bäume sind gut für das Stadtklima, das ist eindeutig und erfährt weltweit immer mehr Aufmerksamkeit. Wenn die Sommer­sonne ungebremst auf den Asphalt knallt, werden die Straßen und Plätze zu gefährlichen Hitzeinseln, die Städte zu lebensfeindlichen Glutöfen. Städte der Zukunft müssen Schatten bieten und Orte, an denen das Wasser von extremen Gewittergüssen versickern kann. Sie müssen Schatten- und Schwamm­städte werden. Und was könnte dabei besser helfen als Bäume, die Filter und Schatten­spender zugleich sind?

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Doch auch die Bäume leiden. „Die Folgen des Klimawandels haben in den vergangenen Jahren deutliche Spuren in unseren Wäldern hinterlassen“, steht im aktuellen Waldbericht der Bundes­regierung. Stürme, Dürre, Hitzewellen und der Angriff des Borkenkäfers haben zu „massiven Waldschäden“ geführt. 277.000 Hektar Waldfläche bundesweit müssen wieder­aufgeforstet werden. Fichten und Kiefern, die Brotbäume der Vergangenheit, sind in Ungnade gefallen, Forstämter und Waldbesitzer setzen jetzt vermehrt auf Buchen und einen gut durchmischten Wald. Doch auch Buchen sind in den vergangenen Jahren reihenweise vertrocknet.

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„Technikschub“: 816 Millionen Euro für klimafreundlichere Land­wirt­schaft
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Bundeslandwirtschafts­ministerin Julia Klöckner stellt das Ziel des Investitions­­programms zum Klimaschutz in der Landwirtschaft in Berlin vor.  © Reuters

Baumpflege kostet viel Geld

Und in den Städten ist es nicht besser als in den Forsten. Ein Beispiel aus Brandenburg, das von den vergangenen Dürre­sommern besonders betroffen war: Kürzlich stellte die Landes­haupt­stadt Potsdam ihren Baum­zustands­bericht vor. Ein Drittel der Bäume im Stadtgebiet ist akut gefährdet. Um Bäume zu pflegen und Gefahren abzuwenden, gibt die Stadt jedes Jahr mehr Geld aus. Von 2017 bis 2020 hat sich der jährliche finanzielle Aufwand von rund 844.800 auf 1.832.500 Euro mehr als verdoppelt.

Im vergangenen Jahr wurden mehr als doppelt so viele Bäume an den Straßenrändern gefällt wie noch drei Jahre zuvor – aus Gründen der Verkehrs­sicherung. Immer mehr Bäume müssen zudem mit Wasser versorgt werden. Jeder Wassersack an einem Baum kostet die Stadt 100 Euro pro Jahr.

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Es gibt mehr heiße Tage

Nicht nur die Potsdamer Stadtgärtner fragen sich, welche Baumarten den künftigen Heraus­forderungen gewachsen sind. Mehr warme und heiße Tage, unsichere Nieder­schläge, wärmere Winter – aber trotzdem jedes Frühjahr die Gefahr von Spätfrösten. „Wir suchen derzeit nach geeigneten Arten, die mit den neuen Bedingungen klarkommen“, sagt Lars Schmäh vom Fachbereich Umwelt, Klima und Grünflächen der Landes­hauptstadt. Welche die richtigen sind, ließe sich heute noch nicht sagen. „Das werden wir in zehn bis 15 Jahren wissen“, meint Schmäh.

In Berlin, der Metropole nebenan, haben sie lange auf Platanen gesetzt, in der Hoffnung, dass diese mit Hitze und Trockenheit besser klarkommen. Doch heute ist auch die Hälfte der Platanen in der Hauptstadt geschädigt.

Daniel Förster, Gärtner von Schloss Bothmer. © Quelle: Jan Sternberg/RND

Welche Bäume braucht es also für die Stadt der Zukunft? Ralf Kätzel hat eine Antwort. Er ist Professor am Branden­burger Landes­kompetenz­zentrum Forst in Eberswalde und sucht schon lange nach Bäumen, die stress­resistent genug sind für die Heraus­forderungen der nächsten Jahrzehnte.

Vor 20 Jahren noch dachte man, es würde ausreichen, einfach nach Süden zu schauen. Die Klimazonen würden sich verschieben, Brandenburg würde zur Toskana des Nordens werden. „Aber so einfach ist es nicht“, sagt Kätzel. „Wir werden immer das Risiko von späten Frösten im Frühjahr haben. Wir brauchen Bäume, die damit klarkommen.“ Die Forscher suchen inzwischen nach Vorbildern in höheren, raueren Lagen. Sie suchen in den griechischen Bergen oder gleich im Kaukasus.

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Waldbrände verwüsten Griechenland
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Alle Kräfte seien Tag und Nacht zusammen mit Freiwilligen im Einsatz, um Leben zu retten, sagte ein Regierungsvertreter.  © Reuters

Die alten Linden gewinnen beim Gentest

Trees 4 Streets – der in Neoenglisch gehaltene Begriff bedeutet schlicht Bäume für Straßen – heißt ein Kooperations­projekt der Humboldt-Universität zu Berlin mit Kätzels Landes­kompetenz­zentrum Forst und der Baumschule Lorberg im Havelland. Mit Klonen und schneller Zucht wollen sie dem Klimawandel zuvorkommen. Als Erstes wurden von 150 Bäumen unterschied­lichster Herkunft Genproben genommen, 35 davon erwiesen sich im Labor als kultivierbar.

Im Reagenzglas werden die Pflänzchen angezüchtet. Das ist das Besondere der Versuchs­reihe, wie Forscherin Antje Schüttig von der Humboldt-Universität erklärt, und es nennt sich In-vitro-Verfahren. Dabei gelingt die Vermehrung der Pflanzen außerhalb des eigentlichen Organismus. „Auf kleinstem Raum haben wir so eine Massen­produktion erzeugt. Es braucht keinen Veredelungs­partner mehr“, sagt Schüttig.

In nur vier bis sechs Wochen entwickeln die Pflänzchen erste Einzeltriebe. Allerdings schaffen es nur 10 Prozent in die Erde. Zuvor werden sie schon einmal kräftig unter Stress gesetzt. Dafür haben die Wissen­schaftler bis zu 60 Inhaltsstoffe der Pflanzen analysiert.

Hoffnung auf Klon 77. 000

Wenn zu viele Indikatoren in den roten Bereich rutschen, besteht die Gefahr, dass sich der Baum von einer solchen Stress­­erfahrung nie wieder erholt. Die Forscherinnen und Forscher suchen deshalb Straßenbäume, denen nicht nur egal ist, wer sich an ihnen reibt oder erleichtert, sondern die auch alle möglichen Klima­kapriolen des kommenden Jahrhunderts stoisch ertragen können.

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Nur bei einem Baum ragte auch bei höherer Belastung kein einziger Wert in den roten Bereich. Klon 77.000 hieß sein kodierter Name in der Testphase. Und Klon 77.000 ist keine Berliner Pflanze, kein von legalen und illegalen Emissionen wuschig gewordener Innen­stadt­baum zwischen mehrspurigen Straßen, Bahngleisen und Partymeilen. Nein, der krasseste Kiezbaum kommt aus der Mecklen­burger Idylle.

Klon 77.000 sind die Koonings­linden aus der Allee von Schloss Bothmer.

Verwunderlich? Auf den ersten Blick schon. Aber ihre Geschichte ist so einmalig und so voller Extreme, dass es am Ende schon fast logisch wirkt, dass ausgerechnet diese Bäume für die Zukunft gerüstet sind. Bothmers Linden haben schon Etliches durch­gemacht in den fast 300 Jahren, die sie auf der Kuppe nahe der Ostsee stehen.

Der Diplomat Hans Caspar von Bothmer ließ das Schloss von 1726 bis 1732 hier im Klützer Winkel in Nord­west­mecklen­burg errichten, als „englisches Landhaus in Mecklenburg“ wird es oft bezeichnet. Doch Bothmer war nicht nur in London, sondern auch in Den Haag aktiv, und so sind überall auf dem Landsitz auch niederländische Einflüsse zu finden. Die Linden gehören dazu. Es sind holländische Linden, auch Königslinden genannt. Gepflanzt wurden sie während des Schlossbaus, als auch der pittoreske Hohlweg zum damaligen Guts­vorwerk angelegt wurde.

Ursprünglich war es eine Hecke

„Die Linden waren ursprünglich in Form einer Hochhecke geschnitten“, erzählt Daniel Förster, der Gärtner von Schloss Bothmer. Alle paar Jahre mussten sie aufwendig gepflegt und nachgeschnitten werden. Mehr als 200 Jahre lang geschah das auch, selbst im Zweiten Weltkrieg. Fotos von 1943 zeigen französische Kriegs­gefangene, die die Lindenhecke wieder in Form bringen.

Die Familie Bothmer floh Ende April 1945 vor der heran­rückenden Roten Armee. Das Schloss wurde zum Lazarett umgewandelt, dann zum Altenheim. Im Feier­abend­heim Clara Zetkin kümmerte sich 30 Jahre lang niemand mehr um die Linden der Bothmers. Dünne Zweige wurden zu dicken Ästen, die Kronen gingen immer mehr in die Breite, die Last wurde immer schwerer.

Förster hat einen einprägsamen Vergleich zur Hand: „Stellen Sie sich vor, Sie müssten in jeder Hand einen schweren Eimer Wasser am ausgestreckten Arm halten.“ Beim Menschen werden die Arme schwer und sinken, beim Baum brechen die Äste irgendwann – und reißen zudem den Stamm mitten entzwei. Alle Linden der Allee sind in der Mitte gerissen. „Das macht es Schädlingen einfacher, einzudringen und den Baum zu befallen“, sagt der Gärtner.

Die in Deutschland einmalige Festonallee aus den inein­ander­wachsenden Ästen, die Försters Vorgänger Wolfgang Kaletta ab den Siebziger­jahren aus den geschundenen, gerissenen Bäumen schuf, ist also eigentlich eine Folge von jahr­zehnte­­langer Vernach­lässigung der bothmerschen Linden.

Die entspanntesten Bäume des Landes haben schon eine Menge hinter sich: 30 Jahre lang mit schwer beladenen ausgestreckten Armen auf dem Feld herumstehen, in der Mitte zerreißen und dennoch klaglos weiterwachsen, von Schädlingen angegriffen werden, der steifen Brise der nahen Ostsee ausgesetzt sein – nur die ganz Harten bleiben auf dem Feld.

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Kernelemente sind eine europaweite Pflicht zum Kauf von CO₂-Verschmutzungsrechten für Sprit, Heizöl oder Gas.  © Reuters

Fast alle Linden haben überlebt

Bis heute haben alle bis auf fünf der Bothmer-Linden überlebt. „300 Jahre sind für eine Linde eigentlich noch kein Alter“, sagt Förster. Aber in Mecklenburg machen sie sich Sorgen um die Allee. Die wenigen Linden, die sie bisher fällen mussten, wurden durch ähnliche Bäume ersetzt. Denn die Kooningslinden gab es bislang nicht mehr als junge Bäumchen.

Dietmar Braune hatte dann eine Idee. Er ist als Dezernatsleiter für Gärten bei den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunst­sammlungen Mecklen­burg-Vor­pommern auch für die Feston­allee in Klütz zuständig. Warum nimmt man nicht genetisches Material aus den alten Bäumen und züchtet sie nach?, fragte er sich.

Hilfe beim Klonen der alten Linden konnte die Humboldt-Universität in Berlin liefern. Und weil das Genmaterial nun schon einmal da war, wurden die Bothmer-Linden auch Teil des Samples von Trees 4 Streets. Sie wurden zu Klon 77.000. Ein Zufallstreffer, von dem in Zukunft noch viel abhängen könnte.

In Mecklenburg hatten die Forscherinnen und Forscher ursprünglich gar nicht gesucht auf ihrer Jagd nach dem Gen­material für die Straßen­bäume der Zukunft. Was sollte eine Gegend mit nördlich-mildem Meeresklima denn auch beitragen für die Heraus­forderungen im heißeren, trockeneren Berlin-Brandenburg?

Junge Bäume wachsen nach

Viel, zeigte sich im Labor. „Wir können nur vermuten, ob diese Resistenz im genetischen Material allgemein angelegt ist oder ob sie sich hier in Ruhe entwickeln konnte und die Bäume Abwehr­kräfte aufbauen konnten“, meint Daniel Förster. „Ein normaler Straßenbaum, der so steht, wäre eine Gefährdung für den Verkehrs­bereich und würde abgenommen werden. Diese Bäume aber konnten hier in Ruhe weiterwachsen.“

Während die alten Bothmer-Linden in sommerlich vollem Grün stehen, während Touristen­schritte auf dem Kies des Hohl­wegs knirschen, wachsen in der Baumschule Lorberg im Havel­land ihre Klone heran. In Reih und Glied stehen junge Bäume, schon gut drei Meter hoch und sechs Jahre alt. Noch müssen ihre schlanken Stämme gestützt werden, noch wächst ihre Krone mit den großen Blättern wenig eindrucksvoll.

Klone der bothmerschen Linden in der Baumschule Lorberg in Tremmen im Havelland. © Quelle: Jan Sternberg/RND

Mit der Festonallee haben diese Bäume äußerlich wenig gemein. Aber auf den gelben Schildchen am Stamm steht „Tilia“, der botanische Begriff für Linde, und „Koonings“, also holländische Königslinde. Es sind Klone der geschundenen, wunderschönen Allee­bäume von Schloss Bothmer. Sie sollen nun die Hoffnung darstellen für Städte wie Berlin und Potsdam, die ihren Straßen­bäumen nicht hilflos beim Absterben zusehen wollen.

In diesem, spätestens im nächsten Jahr beginnt die letzte Phase des Projekts: In Eberswalde, Berlin und Potsdam sollen die Klon­bäume an den ersten Straßen gepflanzt werden. Die Forscherinnen und Forscher werden dann weiter beobachten, ob die Bäume halten, was die Tests versprochen haben. „Wir müssen komplexer denken“, sagt Ralf Kätzel. Und manchmal müssen wir einfach Glück haben.

RND

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