Die Welt braucht den globalen Dreh

  • Phase eins der Corona-Welle ließ den Nationalismus aufleben.
  • Doch rund um den Globus beginnt jetzt ein neues Nachdenken: Müssen die Staaten nicht viel enger zusammenrücken?
  • Würden USA und China mitspielen, wäre so etwas möglich wie eine Globalisierung des Guten.
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Bitte nicht wieder die Grenzen schließen, nicht wieder zurück zum Nationalstaat: Quer durch Europa machen sich in diesen Tagen EU-Vertreter, Wirtschaftsverbände und Außenpolitiker in diesem Sinne für eine neue Sensibilität innerhalb der Europäischen Union stark. Niemand solle doch bitte so tun, als lasse sich die Corona-Krise durch das Senken der Grenzbäume stoppen.

Das Problem ist nur: Ebenso wie es zur Seuchenabwehr geboten sein kann, den Verkehr zwischen den deutschen Landkreisen A und B zu stoppen, kann es im Extremfall auch helfen, eine Staatsgrenze dichtzumachen, zumindest vorübergehend.

Die Begrenzung aufs Nationale hilft niemandem weiter

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Über Jahrzehnte hinweg haben alle Nationalstaaten in der EU stets darauf gepocht, diese letzte Möglichkeit zum Abbremsen von Infektionswellen in der Hand behalten zu können. Europa hat aber inzwischen gelernt, dass die verzweifelte Nutzung dieses nationalen Notbehelfs nichts ist, was irgendjemandem weiterhilft. Im Gegenteil. Die ökonomischen Schäden der Viruswelle werden durch Grenzschließungen am Ende noch gesteigert.

Europäische Unternehmen sind nun mal quer durch die EU aktiv: Für das Automobil beispielsweise kommen von überall Teile – aus Italien, aus Spanien, aus Polen. Logistiknetze spannen sich über den gesamten Kontinent. Aus modernen europäischen Konzernen wie etwa VW wieder eine hinter nationalen Grenzen agierende Einheit formen zu wollen ist wie der Versuch, aus einem Omelett wieder einzelne Eier zu machen. Nach einer Krise geht es entweder für alle allmählich wieder aufwärts oder gar nicht.

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Nach Joe Bidens Wahlsieg: Partys in den Straßen der Vereinigten Staaten
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In den ganzen Vereinigten Staaten brach nach der Siegesverkündung von Joe Biden und Vizekandidatin Kamala Harris Jubel aus.  © Reuters

Im Weltmaßstab gilt im Prinzip nichts anderes. Doch leider sind auch hier den globalen Verflechtungen der Wirtschaft keine ausreichenden Verflechtungen der Politik gefolgt. Stattdessen ist jetzt allerorten von Entkopplung die Rede. In den USA wird parteiübergreifend ein „decoupling“ von China empfohlen: Der Westen müsse sich dringend unabhängig machen von der chinesischen Wirtschaft, dies werde dann auch seine Widerstandskraft im Fall künftiger Viruswellen stärken.

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China indessen hat in der Abkopplungsdebatte den Spieß längst umgedreht. Im neuen Fünfjahresplan, der im März 2021 endgültig verabschiedet werden soll, strebt die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft nun ihrerseits mehr Unabhängigkeit vom Rest der Welt an.

Die Zukunft im Spannungsfeld zwischen den USA und China

Wer kommt besser klar: die USA ohne China? Oder China ohne die USA? Wie das Kräftemessen ausgeht, weiß noch niemand. Eins aber ist klar: In diesem Spannungsfeld wird die Zukunft definiert – einschließlich des weiteren weltweiten Umgangs mit der Pandemie.

Aus modernen europäischen Konzernen wie etwa VW wieder eine hinter nationalen Grenzen agierende Einheit formen zu wollen ist wie der Versuch, aus einem Omelett wieder einzelne Eier zu machen.

Die Europäer müssen jetzt versuchen, die beiden Mächte zu einem Weg zu überreden, der im ersten Schritt schon mal vorbeiführt an einer unheilvollen Kollision, etwa im Südchinesischen Meer, wo die Kriegsgefahren in den vergangenen Jahren gefährlich wuchsen.

Die Welt braucht aber mehr als nur ein mühsames Ringen um Kriegsvermeidung. Notwendig ist, im zweiten Schritt, ein nach vorn weisender globaler Dreh, ein konstruktives neues Miteinander. Die EU hat die Richtung schon markiert, in die es jetzt gehen muss. Und potente Geldgeber sind bereits im Boot, von amerikanischen Milliardären über arabische Scheichtümer bis zur Regierung von Japan.

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China und die USA fühlen sich auch allein sehr stark.

Die Corona-Krise legt es für alle Staaten nahe, ihre Kräfte zu bündeln, vor allem bei der Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoffen. Die entsprechenden Programme laufen bereits – und haben erklärtermaßen auch das Ziel, ärmeren Staaten der Erde zu helfen.

China und die USA fühlen sich auch allein sehr stark. Sie sollten aber jetzt ebenfalls dringend ihre globalen Interessen neu sortieren: Läge es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht sogar im Interesse dieser beiden riesigen globalen Handelsnationen, dem Rest der Welt ein konstruktives Zusammenwirken vorzuführen, ein Beispiel zu setzen für das Gute, das in der Globalisierung liegen kann?

Beide Mächte können eine Aufbesserung ihres Ansehens gut gebrauchen. Denn beide haben sich in der Pandemie blamiert, jeder auf seine Art. Chinas Behörden haben Li Wenliang, den ersten Arzt, der nach dem Ausbruch der Pandemie in Wuhan Alarm schlug, zum Schweigen gebracht und damit zu Beginn der Infektionswelle wertvolle Zeit vertrödelt. Mehr Transparenz hätte vielleicht der ganzen Welt eine Tragödie erspart werden können.

Deshalb ist es nur folgerichtig, dass China Anfang Oktober seine Bereitschaft erklärte, Covax zu unterstützen, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO gelenkte weltweite Initiative zur Produktion und Verbreitung eines Impfstoffs. Monatelang hatte das Regime in Peking zuvor den Eindruck erweckt, als wolle es sich nur selbst gefallen in der Pose dessen, der mit drakonischen Mitteln die Kurven nach unten gezwungen hat. Die Mitarbeit in einer Organisation, die nun auch anderen hilft – und zwar nach internationalen Regeln, nicht als Verlängerung nationaler Machtansprüche – ist sehr viel besser.

Nun müssen auch die Amerikaner diesem Schritt folgen. „Donald Trumps Nein zur WHO war ein großer Fehler“, glaubt Farah N. Jan, Politikwissenschaftlerin an der University of Pennsylvania. Er habe damit nicht die USA „great again“ gemacht, sondern China gestärkt.

Jan schrieb dies im elitären Magazin „The National Interest“. Die Zeitschrift erscheint nur alle zwei Monte und folgt dem Ansatz der sogenannten realistischen Schule der US-Außenpolitik. Schon oft zeichnete „The National Interest“ Ideen vor, denen die Politik tatsächlich folgte – unter demokratischen wie republikanischen Präsidenten.

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