Die Viruskrise: Vier irreal Regierende und ihr reales Desaster

  • Die USA, Russland, Brasilien und Großbritannien sind die vier Staaten mit den meisten Infizierten.
  • Das ist kein Zufall: In jedem dieser vier Staaten regieren Leute mit einem gespannten Verhältnis zur Realität.
  • Trump, Putin, Bolsonaro und Johnson sind mit dem absurden Versuch gescheitert, in einer Viruskrise eine ganz eigene Wirklichkeit schaffen zu wollen.
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Über Wladimir Putin machte Angela Merkel vor einigen Jahren eine Bemerkung, die noch immer in diplomatischen Kreisen zirkuliert: „Er lebt in seiner eigenen Welt.“

Das war nicht nett. Es war auch nicht nett gemeint.

Putin hatte kurz zuvor die Krim annektiert. Dass dabei russische Soldaten aktiv waren, leugnete er anfangs – später zeichnete er sie dann offiziell aus, mit Medaillen. Im Westen waren viele sprachlos: Wie kann ein so mächtiger Mann so mit der Wahrheit umgehen?

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Wie die Wahrheit ins Rutschen kam

Es folgten Jahre, in denen nach und nach die Wahrheit immer mehr ins Rutschen kam, wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg, auch im Westen.

Donald Trump, im November 2016 gewählt, wurde im Wahlkampf in sozialen Netzwerken unterstützt von Gruppen, die seiner Gegnerin Hillary Clinton Verbindungen zu Pädophilennetzwerken andichteten. Wenn heute zutreffende, aber kritische Berichte über ihn in seriösen Zeitungen wie der „New York Times“ erscheinen, weist er diese als Erfindungen zurück: Fake News.

Was ist wahr, was ist falsch? Seit der seltsamen Trump-Wahl war das alles Ansichtssache.

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Erst der Brexit, dann das Weiße Haus: 2016 ließ Nigel Farages (r.) “Leave.EU“-Kampagne Psycho-Profiling der PR-Firma Cambridge Analytica unter Federführung des Rechtspopulisten Steve Bannon einsetzen, um Wähler zu beeinflussen. 2017 bewährte sich das gleiche Rezept für Donald Trump im US-Wahlkampf.

Schon das Brexit-Referendum vom Juni 2016 wurde auf dubiose Weise beeinflusst, nicht zuletzt durch das dezidierte Versprechen der EU-Gegner, künftig 350 Millionen Pfund pro Woche ins nationale Gesundheitswesen umzuleiten, statt das Geld der EU zu überweisen. Dass dies eine Lüge war, wird inzwischen sogar von denen eingeräumt, die sie damals verbreiteten. Kurioserweise half bei beiden Kampagnen – Trump und Brexit – die auf verdeckte Psychowerbung in sozialen Netzwerken spezialisierte PR-Firma Cambridge Analytica. Gesteuert wurde die Firma von dem Rechtsradikalen Steve Bannon, finanziert von dem US-Milliardär Robert Mercer.

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Systematisch entwickelten damals rechtsgerichtete Kreise in Washington und London ein für die westliche Welt neues, zynisches Verhältnis zur Wahrheit. Die Realität war von nun an nicht mehr so wichtig, Stimmungen und Strömungen ließen sich ja effektiv per Internet steuern.

Dieses Denken hat offenkundig auch in der Viruskrise dazu geführt, dass in Washington und London der Respekt vor der Wahrheit geringer war als anderswo.

Hohn und Spott für den gesamten Rest der Welt

In Russland tönte die Regierung, man sei besser vorbereitet als der Westen – das war Propaganda pur. Inzwischen sind die Kliniken heillos überlastet, die Zahlen von Toten werden nach unten korrigiert. Und wer dies alles kritisieren will, wird mundtot gemacht - wie in Sowjetzeiten.

Doch auch im Westen, darin liegt das historisch Bedrückende, versuchten drei Regierungschefs wochenlang, sich mit ihrer ganz eigenen Wahrheit irgendwie wundersam über die Viruskrise zu erheben. Trump höhnte, das Virus werde die Sonne nicht vertragen und von selbst verschwinden. Johnson wollte anfangs schlauer sein als alle anderen europäischen Regierungen und auf Ausgangsbeschränkungen bewusst verzichten; schnell eine Herdenimmunität herbeizuführen war der Plan. Jair Bolsonaro, der Präsident Brasiliens, lehnte Ausgangsbeschränkungen ab und höhnte, die ganze Welt sei „leider verrückt geworden“ – nur er nicht. Alle anderen sind Geisterfahrer: Solches Denken war schon immer gefährlich.

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Inzwischen zeigen die jüngsten Johns-Hopkins-Daten die desaströse Bilanz: Die vier Staaten mit den meisten Corona-Kranken weltweit sind vier Staaten, deren Regierungschefs sich eine ganz eigene Realität schaffen wollten. Platz eins: USA (1 552 594 Infizierte), Platz zwei: Russland (317 554), Platz drei: Brasilien (291 579), Platz vier: Großbritannien (249 619).

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Obama kritisiert den Umgang der amtierenden US-Regierung mit der Corona-Pandemie
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Im Rahmen einer Rede für Universitätsabsolventen hat Obama Kritik am Umgang der amtierenden US-Regierung mit der Coronavirus-Pandemie geübt.  © Matthias Koch/Reuters/YouTube/Chase

„Viele Menschen sind gestorben, weil unsere Politiker sich lange geweigert haben, uns auch nur anzuhören“, schrieb Helen Ward, Professorin am angesehenen Imperial College London, in einem Gastbeitrag im „Guardian“. Ihr gehe es gar nicht um Schuldzuweisung, sondern nur darum, dass sich die Regierenden künftig besser auf die wissenschaftlichen Fakten einlassen.

Für viele Briten kommt das Umdenken zu spät. Allein Großbritannien zählt mehr als 36 000 Tote, mehr als jedes andere europäische Land.

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