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Landtagswahl in Thüringen - „Die Unruhe im Land ist deutlich spürbar“

  • Steffen Mensching, Intendant des Theaters in Rudolstadt (Thüringen), blickt skeptisch auf die Landtagswahl am 27. Oktober.
  • Immer mehr Menschen seien für faktengestützte Argumente nicht mehr erreichbar, sagt er im Interview mit dem RND.
  • Die Demokratie sei gefährdet.
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Rudolstadt. Steffen Mensching, 1958 in Ost-Berlin geboren, ist Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur und wurde unter anderem bekannt durch seine Zusammenarbeit mit dem Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel. Seit 2008 ist er Intendant des Theaters Rudolstadt (Thüringen).

Herr Mensching, in einer Woche wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt. Wie nehmen Sie die politische Stimmung im Land wahr?

Die Unruhe ist deutlich spürbar. Neben der Sorge (oder Hoffnung), wie viele Stimmen die AfD einfährt, fragt man sich, welche Koalitionen nach der Auszählung möglich sein werden. Oder ob eine Minderheitsregierung droht.

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Bis zu einem Viertel der Wähler ist Umfragen zufolge bereit, die AfD zu wählen – obwohl sie von dem AfD-Rechtsaußen Björn Höcke geführt wird. Wie ist das zu erklären?

Ein Teil der AfD-Wähler sympathisiert offen mit faschistoiden Anschauungen, andere glauben, sie könnten Höcke als Randerscheinung ignorieren, wiederum andere vertiefen sich gar nicht in die innerparteilichen Spannungen der AfD, sondern wählen einfach „den Wechsel", in der Hoffnung, das, was da kommen könnte, würde auf jeden Fall besser sein als das, was ist.

Wie gehen Sie am Theater damit um?

Wir machen unser Programm, bringen Menschen in Kontakt und versuchen Vernunft, Besonnenheit, Empathie und Wirklichkeitssinn zu bewahren und zu verteidigen. Die Welt ist zu verworren und widersprüchlich, als dass man sie mit einfachen Antworten erklären oder verändern könnte. Es gibt aber immer mehr Leute, die sich jedweder faktengestützten Argumentation verweigern.

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Können Sie sich von Höcke abgrenzen und dennoch seine AfD-Anhänger erreichen?

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Die Gefolgschaft von Höcke benimmt sich quasireligiös. Dazu passt, dass man die Wirklichkeit inzwischen nicht mehr betrachtet und analysiert, sondern „fühlt". Interessanterweise haben ja rechtsnationale Publizisten Antonio Gramscis Idee der kulturellen Hegemonie für sich entdeckt. Es wird in Zukunft darum gehen, wer das bessere Angebot bietet, die überzeugendere Erzählung, die größere Vitalität, den schärferen Witz hat, die linksliberalen und bürgerlichen Kräfte oder die Rechten.

Die Bildung einer neuen Regierung könnte äußerst schwierig werden. Vielleicht ist sogar eine Vier-Parteien-Koalition erforderlich, um die AfD in Schach zu halten. Besorgt Sie das?

Es wäre das kleinere Übel. Für die Theater- und Orchesterlandschaft hätte solch ein Bündnis kaum negative Auswirkungen. Die aktuelle Regierung hat konsolidierend gearbeitet, und alle demokratischen Parteien erklärten in ihren Wahlversprechen, sich für den Erhalt derselben einzusetzen.

Wenn Sie auf die Entwicklung der letzten Jahre schauen: Ist in Thüringen wie überhaupt die Demokratie bedroht? Oder ist das übertrieben?

Es ist inzwischen ein Fakt. Das Modell Demokratie ist gefährdet, weltweit. Es gehört zu den großen Selbsttäuschungen bürgerlicher Kreise in Zeiten des Neoliberalismus, dass ein freier (oder frei gelassener) Markt die Stabilität demokratischer Verhältnisse garantieren würde. Man hat an den Börsen erkannt, Profite lassen sich auch in autoritären Strukturen erzielen. Damit kann mancher Aktionär gut leben.

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Was folgt daraus?

Nicht umsonst hat Höcke ja von seinen Anhängern gefordert, den Linken das Kronjuwel der sozialen Frage abzujagen. Wenn sich die Demokratien nicht auf ihre soziale Verantwortung besinnen, dann werden sie von nationalistischen Autokraten übernommen werden.