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„Die Ukraine bringt die mächtigsten Regierungen der Welt ins Wanken!“

  • Der ukrainische Außenminister Wadym Prystajko erzählt, wie es sich für sein Land anfühlt, im Mittelpunkt des Amtsenthebungsverfahrens gegen US-Präsident Trump zu stehen.
  • Von Kanzlerin Merkel erhofft er sich im Konflikt mit Russland mehr Unterstützung als bisher.
  • Frankreichs Präsident Macron wirft Prystajko vor, mitunter „ein bisschen naiv“ vorzugehen.
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Berlin. Der Politneuling Wolodymyr Selenskyj regiert seit Mai die Ukraine. Sind Sie seitdem einem Ende des Krieges nähergekommen?

Präsident Selenskyj trat mit dem Vorsatz an, Frieden zu stiften. Das tat aber auch schon sein Vorgänger. Es ist für ukrainische Präsidenten nicht leicht, den Krieg mit Russland zu beenden. Der Schlüssel zum Frieden liegt leider nicht in Kiew. Militärisch lässt sich gewiss keine Lösung finden. Also verhandeln wir weiter, auch wenn in den letzten fünf Jahren nicht viel dabei herausgekommen ist.

Kürzlich trafen sich Selenskyj und Putin auf deutsche und französische Initiative in Paris. Das Treffen endete in der Sackgasse: Moskau besteht auf die Autonomie der besetzten Provinzen nach Wahlen – Kiew schließt Wahlen aus, solange es nicht die Kontrolle über seine Grenze zu Russland zurückhat. Und nun?

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Wir arbeiten daran, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, indem wir die Dezentralisierung, also mehr Kompetenzen für Regionen vorantreiben. Im föderalen Deutschland kann man sich nicht vorstellen, was für ein großer, komplizierter Schritt das für uns ist. Die Ukrainer sind einen Staat gewohnt, in dem sämtliche Vorgaben aus Kiew kamen. Was die Zentrale anordnete, wurde umgesetzt. Nun sollen die Regionen selbst Steuern erheben und bestimmen, wie das Geld für Straßen, Schulen, Krankenhäuser eingesetzt wird. Eine ganz neue Erfahrung. Die Russen müssen verstehen, dass es bis zur Eigenverantwortung einiger Regionen im Osten ein weiter Weg ist. Eine Autonomie, die einer Abspaltung der Gebiete von der Ukraine gleichkäme, wird es aber nicht geben.


In seinem berühmt-berüchtigten Telefonat mit US-Präsident Trump beschwerte sich Präsident Selenskyj über mangelnde Unterstützung aus Deutschland. War das ernst gemeint?

Ich bin mir sicher, dass sich Frau Merkel im Laufe ihrer langen Kanzlerschaft ein dickes Fell zugelegt hat. Sie dürfte kaum überrascht sein über die Worte, die Staatschefs in vertraulichen Telefonaten wechseln. Präsident Trump erinnerte Präsident Selenskyj daran, dass die Europäer schon aufgrund der geografischen Nähe mehr für unsere Sicherheit tun müssten als die USA, und Präsident Selenskyj stimmte zu. Keineswegs wollte er die Deutschen verletzen.

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Hat Ihnen die Veröffentlichung des Telefonats geschadet?

Wann immer uns Vertreter anderer Staaten vorhalten, die Wortwahl wäre nicht sehr freundlich, erwidere ich Folgendes: Zeigt uns doch bitte, wie ihr über uns in vertraulichem Rahmen sprecht. Damit hat sich das Thema dann erledigt.

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In der Bundesregierung war die Verwunderung groß, schließlich bringt sich die Kanzlerin in keinen anderen Konflikt so stark ein wie bei der Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine.

Wir wissen den Beitrag der Bundeskanzlerin Merkel, die russische Aggression zu beenden, hoch zu schätzen. Zugleich wünschen wir uns viel mehr Unterstützung. Denn es geht um unser Überleben als Nation. Deutschland und die EU haben sehr viel für uns getan. Aber eben nicht genug, um das Sterben von Menschen zu beenden. Wir beklagen 13.000 Tote, und es werden täglich leider mehr.

Was fordern Sie? Geld? Waffen?

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Wir sind sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung aus Deutschland und das politische Engagement der Bundesregierung. Unsere Bitte um militärische Hilfe wurde leider abgelehnt. Ich hoffe, dass Berlin diese zurückhaltende Position überdenkt und sich doch entschließen wird, die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu stärken.

Trotz der US-Sanktionen und der Kritik in der EU hält die Bundesregierung an der deutsch-russischen Gaspipeline Nordstream 2 fest. Wie sehen Sie das?

Ihr Deutschen baut jetzt die Ostsee-Pipeline Nordstream 2, um eure bisher durch die Ukraine verlaufende Gasversorgung unabhängiger zu gestalten. Aber denkt daran: Die Quelle des Gases bleibt Russland. Sollten die Russen mal kein Gas mehr liefern wollen, wären die Ostsee-Leitungen sofort leer. Wir in der Ukraine hätten dann immerhin noch volle Gasspeicher. Und wir garantieren Gaslieferungen über unsere Pipelines.

Frankreichs Präsident Macron will Europas strategisches Verhältnis zu Russland „überdenken“. Was halten Sie von der neuen Nähe zwischen Paris und Moskau?

Es gab schon manche Politiker, die sich um eine Wiederannäherung an Russland mühten. Einer drückte den Resetknopf, ein anderer schaute Putin in die Augen auf der Suche nach dessen Seele …

Sie spielen auf die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton und den früheren US-Präsidenten George W. Bush an.

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Wir selbst haben es ja immer wieder versucht, aber Moskau hört nicht zu. Macrons Ansatz ist ein bisschen naiv. Sollten die Franzosen unseren Rat erbeten, sagen wir ihnen: Das funktioniert nicht. Übrigens ist es auch nicht hilfreich, die Nato für hirntot zu erklären. Jedenfalls nicht, solange die Franzosen keine Alternative vorzeigen können.

Ein Großteil der Deutschen ist gegen die nach der Krim-Annexion verhängten Russland-Sanktionen. Verwundert Sie das?

Ich weiß um das schlechte Gewissen, das die Nazi-Besatzung der Sowjetunion den Deutschen noch heute bereitet. Das Dritte Reich tötete Millionen Menschen, darunter auch viele Russen. Aber wissen Sie was? Das Volk, das im Zweiten Weltkrieg wohl am meisten gelitten hat, war eben die Ukraine, wir haben bis zu 10 Millionen Menschen verloren. Nicht Russland war von Deutschen komplett besetzt, sondern die Ukraine.

Vor allem im Osten Deutschlands begründen viele Menschen ihre Haltung mit wirtschaftlichen Nachteilen.

Wir öffnen uns für Importe und Investitionen. Deutsche Unternehmer auf der Suche nach Alternativen zum russischen Markt sind willkommen. Nicht die deutsche Wirtschaft – unsere Wirtschaft war so tief wie keine andere mit der russischen verflochten. Es ist schmerzhaft, aber wir orientieren uns jetzt komplett neu. Unsere Exporte gehen vor allem in die EU und nach China. Es braucht die Sanktionen, damit die Russen am Verhandlungstisch bleiben.

Ihr Land steht im Zentrum des Amtsenthebungsverfahrens gegen US-Präsident Trump. Wie ist das so?

Ha, die Ukraine bringt die mächtigsten Regierungen der Welt ins Wanken! Was wir alles können! Bitte entschuldigen Sie die Ironie. Einige bei uns wünschen sich, die Ukraine wäre das langweiligste Land auf Erden. Dass wir im Mittelpunkt des Amtsenthebungsverfahrens gegen den US-Präsidenten stehen, ist nicht gut. Eine Verschlechterung des Verhältnisses zu den USA können wir gar nicht gebrauchen. Hier Russland, da die USA, fehlt nur noch China – es ist ziemlich anstrengend, im Fokus der Weltöffentlichkeit zu stehen.


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