Der schwere Abschied von Merkel

  • Nie waren so viele Deutsche so kurz vor einer Wahl so orientierungslos wie heute.
  • Erst nach und nach entdecken jetzt viele den tieferen Grund ihrer inneren Unruhe: Der Abschied von Angela Merkel fällt schwer.
  • Sogar vielen, die nie CDU gewählt haben, hat diese Frau 16 Jahre lang das Gefühl gegeben, seriös regiert zu werden.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es wurde rasch immer dunkler und immer kälter gestern Abend in Stralsund, und dann regnete es auch noch in Strömen.

„Das ist Norddeutschland“, frotzelte ein aus dem Süden angereister deutscher Journalist. Die Londoner Journalistin Mary Dejevsky („The Independent“) witzelte auf Twitter mit britischem Humor, von globaler Erwärmung sei nichts zu spüren in Stralsund.

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Angela Merkel und Armin Laschet hatten im einstigen Bundestags­wahlkreis der Kanzlerin einen gemeinsamen Auftritt verabredet. Erwartungsgemäß brachten die beiden wieder ihren aktuellen Warnhinweis unter: Im Fall von Rot-Grün-Rot drohe Deutschland der wirtschaftliche Abstieg.

Ansonsten aber geriet den beiden der Termin in Stralsund, wie so vieles in diesem Wahlkampf, zu einer unerquicklichen Prüfung im Umgang mit Widrigkeiten. Aus einem äußeren Ring von Zuschauerinnen und Zuschauern auf dem Stralsunder Marktplatz gab es Pfiffe und Buhrufe. Die Wohlwollenden, die näher an der Bühne standen, brachten nur schütteren Beifall zustande: Sie mussten im ununterbrochenen Regen ja noch irgendwie ihre Schirme festhalten.

Die Kanzlerin blieb immer „down to earth“

Gerade im alles andere als Perfekten allerdings lag eine unausgesprochene zusätzliche Botschaft dieser Veranstaltung. Ausländische Journalisten registrierten die vielen Zeichen des Unprätentiösen in Stralsund. Eine schwedische Rundfunkreporterin fotografierte das noch vorhandene Klingelschild des Bürgerbüros der Abgeordneten „Dr. Angela Merkel“ in der Fußgängerzone, wo Merkel 30 Jahre lang für Wählerinnen und Wähler aus Stralsund regelmäßig erreichbar war, eine Treppe hoch, dann rechts.

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Das Schild von Merkels Wahlkreisbüro. © Quelle: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Zum weltweit bestaunten Phänomen Merkel gehört, dass diese Kanzlerin immer „down to earth“ war: Stralsund hat ihr geholfen, nicht abzuheben.

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Kristina Dunz aus unserem Berliner Büro blickt heute zurück auf die 16 Jahre mit dieser Kanzlerin – die auch 16 Jahre Krisenbewältigung waren. Als Merkel 2005 ins Amt kam, gab es fünf Millionen Arbeitslose. Diese Kurve konnte nach unten gebogen werden. Doch dann folgten immer neue sogenannte exogene Schocks: Bankenkrise (2008), Griechenland-Krise (2009), Fukushima (2011), Ukraine (2014), Flüchtlingskrise (2015), Corona (seit 2020) und Afghanistan (2021). Fast gerät darüber eine Krise in Vergessenheit, die alles überspannt: die Klimakrise.

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Netzaktivist: „Das beste Digitalministerium bringt nichts, wenn da Dobrindt oder Scheuer sitzen“
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Netzexperte Markus Beckedahl spricht im RND-Interview vor der Bundestagswahl über die Digitalisierung und die Bilanz von Angela Merkel in diesem Bereich.  © RND

Glaubwürdigkeit auf der Langstrecke

„Aus der Konfliktbewältigung“, schreibt Dunz über Merkel, „entwickelt sie ihr Profil: vortasten, abwarten, verhandeln, noch einmal verhandeln, entscheiden und dann durchstehen, überstehen – stehen. Das macht sie zur mächtigsten Frau der Welt.“

Tatsächlich hat Merkel nie nach der Art populistischer Potentaten mal eben mit irgendeiner vermeintlich einfachen Lösung hantiert. Das half ihr zwar nicht, wenn es ums Situative ging, um Beifall im Moment, da wirkte sie oft unbeholfen. Aber es führte zu großer Glaubwürdigkeit auf der Langstrecke. Sogar viele, die nie CDU gewählt haben, hatten 16 Jahre lang das Gefühl, seriös regiert zu werden.

Und jetzt? Blicken die Deutschen nervös hin und her – weil ihnen aus diesem oder jenem Grund keiner aus der Triell-Riege das gleiche gute Gefühl vermittelt.

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