Das EM-Finale, der Wahlkampf und der Lockerungslimbo

  • Die Fußball-Europa­meisterschaft 2020 ist Geschichte, auch wenn sie uns womöglich noch etwas länger beschäftigen könnte.
  • Der Blick vieler Deutscher wird sich nun auf den Herbst richten.
  • Dann wird der neue Bundestag gewählt – und das hat bereits jetzt Auswirkungen auf das politische Handeln.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist vorbei, die EM ist Geschichte. Was Nicht-Fußballfreunde und ‑freundinnen (und die, die auch gestern mit besorgtem Blick auf Zehntausende ohne Abstand und Maske feiernde Fans schauten) aufatmen lassen wird, macht den heutigen Wochenstart für den ein oder anderen Fan wohl noch ein wenig beschwerlicher. Dabei gibt es – zumindest sportlich – gar keinen Grund zur Trauer, so war das Finale gleich in mehrfacher Hinsicht durchaus historisch.

Mit einem historischen Tor brachte Luke Shaw die Engländer nach nur 116 Sekunden in Führung. Es war das schnellste Tor, das je in einem EM-Finale erzielt wurde. Die „Three Lions“, die den Großteil der Fans im Wembley-Stadion hinter sich hatten, gingen mit der Führung gegen ein etwas ratlos wirkendes Italien in die Pause. In der zweiten Hälfte gab es das zweite historische Tor des Abends. Der Italiener Leonardo Bonucci glich in der 67. Minute mit seinem Treffer zum 1:1 aus und krönte sich damit zum ältesten Spieler, der je in einem Europa­meisterschafts­finale den Ball ins Tor bugsiert hat.

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Nach dem Sieg im Elfmeterschießen feiert die italienische National­mannschaft den EM-Titel. © Quelle: Michael Regan/GETTY POOL/AP/dpa

Am Ende ging es ins Elfmeterschießen – und England verlor. Italien feiert seinen zweiten EM-Titel nach 1968, die „Three Lions“ müssen nach 55 Jahren ohne Titel noch weiter warten und der Serie an schmerzvollen Elfmeter­entscheidungen noch eine weitere hinzufügen.

Wenig titelwürdig haben sich dagegen am Finalabend erneut einige Anhänger des englischen Nationalteams verhalten. Vor dem Spiel versuchten einige ohne Tickets ins Wembley-Stadion zu gelangen, Zehntausende feierten ohne jeglichen Abstand und ohne Masken, dafür aber mit viel Alkohol. Die Polizei in London hatte alle Hände voll zu tun.

Das änderte sich auch nach dem Spiel nicht. In der Nacht kam es mehrfach zu Auseinander­setzungen zwischen Fans von England und Italien, bei der nach Angaben der Behörden 19 Polizistinnen und Polizisten verletzt wurden. Und nicht nur das: Die drei erfolglosen Elfmeterschützen der Engländer, Bukayo Saka, Marcus Rashford und Jadon Sancho, wurden nach ihren Fehlschüssen in sozialen Netzwerken rassistisch beleidigt. Nach Angaben der US-Nachrichten­agentur AP ermittelt deswegen nun die Londoner Polizei.

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Nächster Höhepunkt: Bundestagswahl

Der Blick der Deutschen richtet sich nun wieder auf künftige Ereignisse. Vielleicht auf die Olympischen Spiele, die in gut zwei Wochen beginnen. Mit Sicherheit aber auf die Bundestagswahl im Herbst. Wer folgt auf Merkel? Erholen sich die Grünen und können der Union in den Umfragen noch einmal nahekommen? Was wird uns im Wahlkampf noch erwarten? Das alles lässt sich derzeit noch nicht beantworten. Klar ist aber: Außer den großen Parteien werden am 26. September noch die auf dem Zettel stehen, die in der Stimmen­auszählung nach der Wahl gern als „die Sonstigen“ zusammengefasst werden. Geeint werden sie vor allem in der geringen Chance, die Fünfprozenthürde zu überspringen. Inhaltlich könnte die Landschaft der Kleinparteien aber vielfältiger kaum sein. Meine Kollegen Felix Huesmann und Jens Strube haben einen Blick ins politische Milieu der trotzdem Aktiven geworfen.

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Klar ist übrigens auch, dass die Pandemie bis zur Wahl kaum verschwunden sein wird, und so wird Corona ein beherrschendes Thema bleiben. Der Vorsitzende des Weltärzte­bundes, Frank Ulrich Montgomery, sagte am Wochenende, er rechne damit, dass wir „Corona nie wieder loswerden“ – und auch Masken aus dem Alltag nicht gänzlich verschwinden werden.

In der deutschen Politik dürfte das so mancher gar nicht gern hören, denn der Lockerungsdrang ist bei den Wahlkämpfenden groß. Dabei wäre gerade jetzt, da die Infektionszahlen langsam wieder steigen, ein konsequentes Handeln nötig, kommentiert mein Kollege Tim Szent-Ivanyi. „Die Folgen von zu weitgehenden Lockerungen, der nach wie vor mangelnden Hygiene­ausstattung der Schulen, einer für Kinder und Jugendliche nicht existenten und einer für Erwachsene völlig unzureichenden Impfkampagne werden verheerend sein“, schreibt er.

Immerhin: Die Situation auf den Intensivstationen ist derzeit gemessen an der Zahl der behandelten Corona-Patientinnen und ‑patienten relativ entspannt. Dass das so bleibt, die vierte Welle im Herbst nicht zu hart zuschlägt und auch die Schulen nach den Sommerferien geöffnet bleiben können – ohne dass eine Durchseuchung der jungen Generation billigend in Kauf genommen wird –, ist nun dringende Aufgabe der Politik. Es gibt nun keine EM mehr, die den Fokus ablenkend auf sich ziehen kann.

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