Die Orte der Flüchtlingskrise – und was aus ihnen wurde

  • Die Bilder der Flüchtlingskrise haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
  • Genauso wie die Orte, an denen sie entstanden sind: der Hauptbahnhof in München, die Domplatte in Köln, der ehemalige Baumarkt in Heidenau.
  • Was hat das mit ihnen gemacht? Eine Spurensuche fünf Jahre danach.
Marcus Pfeiffer
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Köln. Die Flüchtlingskrise hat Deutschland verändert – im Positiven wie im Negativen. Hilfsbereitschaft, Fremdenhass, Dankbarkeit, Ausschreitungen, das Erstarken des Rechtspopulismus – das alles verbindet sich mit den Ereignissen der Jahre 2015 und 2016.

Die Bilder jener Zeit haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Und die Orte, an denen sie entstanden sind, auch: der Hauptbahnhof in München, die Domplatte in Köln, der ehemalige Baumarkt in Heidenau.

Es sind Orte, an denen Geschichte geschrieben wurde. Was hat das mit den Orten gemacht? Und was mit den Menschen, die dort leben? Haben sie sich verändert? Und wie blicken sie heute, fünf Jahre später, auf jene Zeit zurück? Eine Spurensuche.

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Wie eine Silvesternacht in Köln die Flüchtlingsarbeit verändert hat

Die Silvesternacht 2015/16 hat nicht nur die Stadt Köln und das Umland bis heute geprägt. “Die Vorfälle haben Debatten und Diskussionen deutschlandweit und international ausgelöst”, sagt Irene Porsch, Flüchtlingsbeauftragte der Caritas im Erzbistum Köln, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Sie waren im ersten Moment sicher eine Ernüchterung für unsere Flüchtlingsarbeit.” Die Silvesternacht habe aber auch gezeigt, wie wertvoll eine hauptberufliche Unterstützung und valide Strukturen für Engagierte und Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit seien.

In jener Nacht kam es im Bereich von Hauptbahnhof und Kölner Dom zu sexuellen Übergriffen auf Frauen durch Gruppen junger Männer vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Sie verübten sowohl Sexual- als auch Eigentums- und Körperverletzungsdelikte. In der Folge schrieb die Polizei rund 1200 Strafanzeigen – 290 Verdächtige konnten ermittelt werden, von denen 37 verurteilt wurden.

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2015 ist Angela Merkel wie heute Bundeskanzlerin Deutschlands. Ihr Satz "Wir schaffen das" vom 26. August, als sie Heidenau in Sachsen und eine dort gelegene Flüchtlingsunterkunft besucht, steht seitdem symbolisch für die deutsche Flüchtlingspolitik und die damals aufkommende Willkommenskultur, die sich dem wachsenden Rechtspopulismus in der BRD entgegenstellt. Merkel hat damals neben dem Hass mit starken innenpolitischen Gegenströmen zu kämpfen – unter anderem aus der CSU. Dazu kommen die aus Ungarn geschürten europapolitischen Machtkämpfe. Besondere Kritik erfährt die Kanzlerin bis heute für ihren nach Ansicht vieler zu späten Fokus auf die Flüchtlingsproblematik für Deutschland und Europa.  @ Quelle: Getty Images
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Fast fünf Jahre nach den Taten wirken sie bis heute nach: “Die Bearbeitung der Silvesternacht ging einher mit einem Erstarken des Rechtspopulismus”, so Porsch. Die einstigen Schwellen seien gesunken, was nicht spurlos an einem vorbeigehe. “So erleben wir bis heute, dass sich Hauptberufliche und Ehrenamtliche für ihr Engagement rechtfertigen müssen oder vereinzelt gar bedroht werden.“

Mit der “Aktion Neue Nachbarn” in Köln und Umgebung wollen Porsch und ihr Team dem entgegenwirken, aufklären und Hilfe leisten. “Es waren vor allem die Willkommensinitiativen, die nach der Silvesternacht im Austausch mit Flüchtlingen standen. Sie haben die Flüchtlinge bestärkt und sie ermuntert, sich von den Ereignissen abzugrenzen.” Viele von ihnen hätten Ängste und Befürchtungen gehabt, selbst zu Opfern zu werden. “Nicht umsonst waren es hier in Köln in einer Einrichtung Flüchtlinge selbst, die die Beteiligung an den Silvesterereignissen ihrer Zimmernachbarn gemeldet haben.”

Heute gibt es auch Sicht von Porsch eine völlig andere Ausgangssituation. Waren es 2015 noch mehr als 233.000 Flüchtlinge, die nach Nordrhein-Westfalen ins Erzbistum Köln kamen, waren es im vergangenen Jahr nur noch rund 26.000. Viele der Geflüchteten gingen heute einer Erwerbstätigkeit nach. Allerdings gebe es auch viele, denen es schwer falle, Fuß zu fassen. Umso wichtiger sei auch weiterhin die Flüchtlingshilfe zu unterstützen.

Viele wichtige Veranstaltungen und Aktivitäten entstanden nach der Kölner Silvesternacht. Zum Beispiel Youngcaritas, die in einer Aktion dazu aufriefen, gemeinsam mit Neuankömmlingen in Deutschland am Kölner Karneval teilzunehmen.

“Die Silvesternacht vor fünf Jahren hat unsere Arbeit nicht zerstört”, stellt Irene Porsch klar. Man müsse sich aber auch weiterhin trauen, wichtige Themen anzusprechen. Flucht und Vertreibung hätten sich lediglich an die EU-Außengrenzen verlagert. “Solange es Kriege, bittere Armut gibt und der Klimawandel vielen Menschen ihre Lebensgrundlage nimmt, werden Menschen weiterhin ihre Heimat weiterhin verlassen müssen und davon einige wenige bei uns Zuflucht suchen.”

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Hauptbahnhof München als Symbol der Flüchtlingswelle

Vor fünf Jahren strandeten Zehntausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof. Im Stundentakt kamen sie über die Balkanroute nach Deutschland. Hinter ihnen lag eine wochenlange Reise, vor allem aus Syrien und Afghanistan. Sie alle wagten den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Griechenland, weiter nach Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich und schließlich nach Deutschland.

Die Bilder vom Münchener Hauptbahnhof im Spätsommer 2015 gingen um die Welt. In Scharen strömten Geflüchtete aus den Zügen. An den Bahnsteigen begrüßten Einheimische die Neuankömmlinge mit Plakaten, wie “Refugees are welcome”. Es gab Applaus für diejenigen, die meist ohne großes Gepäck und nur mit Plastiktüten unterm Arm Schutz und Zuflucht in Deutschland und Europa suchten.

Die Polizei geleitete die Geflüchteten zu der Erstaufnahmeeinrichtung unweit der Bahnsteige. Zuvor hatten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr österreichischer Kollege Werner Faymann aufgrund massiv steigender Flüchtlingszahlen in Ungarn darauf verständigt, die Menschen einreisen zu lassen. Mehr als 1,1 Millionen Menschen stellten 2015 und 2016 bundesweit Asylerstanträge, in Bayern waren es rund 150.000.

“Wir schaffen das”, versprach die Kanzlerin seinerzeit. “Ich bin überzeugt: Wir haben es gemeinsam geschafft”, sagt Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth heute. Die Grünen-Politikerin war damals am Münchner Hauptbahnhof. Sie habe dort so viele Helfer gesehen, berichtet sie.

“Bäcker, die Brot verteilten, und Freiwillige, die bis tief in die Nacht Schlafplätze organisierten. Die Solidarität in der Gesellschaft war grandios und grenzenlos”, sagt Roth. “Es war das einzig Richtige, die Grenzen nicht zu schließen und Menschen einen sicheren Zufluchtsort zu bieten”, glaubt sie noch immer.

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Altena im Sauerland: Eine Stadt, die freiwillig mehr Flüchtlinge aufnahm

Als es zur Flüchtlingskrise in Deutschland 2015 kam, machte die Stadt Altena im Sauerland bundesweit Schlagzeilen. Die Zeitung “Die Welt” nannte Altena “Hauptstadt der Mutbürger”, da die Stadt freiwillig 100 weitere Flüchtlinge zu den 270 aufnahm, die der festgelegten Quote entsprachen. Die meisten von ihnen sind bis heute geblieben, denn die Stadt investiert seitdem kontinuierlich in die Integration.

Altena sah die Flüchtlinge von Beginn an als Chance. Nach dem Rückgang der Metallindustrie in den 1970er-Jahren gingen hunderte Arbeitsplätze verloren. Die Einwohnerzahlen sanken um mehr als 14.000 Menschen.

Die Kleinstadt hat sich mächtig ins Zeug gelegt, damit der Zuzug der Flüchtlinge langfristig gelingen konnte. Die Familien, die aus Syrien und Afghanistan geflohen waren, wurden auf leerstehende Wohnungen dezentral in der ganzen Stadt verteilt.

Die Geflüchteten mussten nicht isoliert in einer Unterkunft leben, sondern konnten in eigenen Wohnungen Kontakt zu Einheimischen herstellen. Für jede Familie setzte die Verwaltung darüber hinaus Paten ein, die bei Behördengängen und dem Sprachunterricht ehrenamtlich unterstützen. Für dieses Engagement erhielt die Stadt im Mai 2017 den “Nationalen Integrationspreis”.

Es gab aber auch Rückschläge: Im Oktober 2015 wurde ein Brandanschlag auf ein Haus verübt, in dem seit dem Vortag sieben syrische Flüchtlinge untergebracht waren, darunter eine schwangere Frau. Der Schwelbrand auf dem Dachboden des Mehrfamilienhauses konnte rasch gelöscht werden, ohne dass ein größerer Schaden entstand. Verletzte gab es nicht. Die beiden Täter wurden gefasst. Ein 23-Jähriger hatte sich der Polizei gestellt. Haupttäter war jedoch ein 25 Jahre alter Feuerwehrmann.

Auf Bürgermeister Andreas Hollstein wurde am im November 2017 eine Messerattacke verübt. Ein 56 Jahre alter Mann führte ein etwa 30 Zentimeter langes Messer gegen den Hals des Politikers, wie damals “Der Spiegel” berichtete. Der alkoholisierte Angreifer soll sich dabei lautstark und abfällig über Hollsteins liberale Flüchtlingspolitik geäußert haben. Der Bürgermeister erlitt leichte Verletzungen, der Angreifer wurde festgenommen.

Heidenau: Ein Ort will seine Ruhe

Im Rathaus von Heidenau wollen sie nichts mehr sagen. In die sächsische Stadt unweit von Dresden sei wieder “Ruhe eingekehrt”, heißt es im Büro von Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU). Deshalb wolle man “die ganze Sache nicht wieder aufwärmen”. Also: kein Interview.

Fünf Jahre ist es her, dass mehrere hundert Menschen den Zugang zu einem zweigeschossigen Praktiker-Baumarkt in Heidenau blockierten, in dem bis zu 600 Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Organisierte Rechtsradikale unter Führung der NPD randalierten, mit Zustimmung oder tätiger Mithilfe der sprichwörtlich gewordenen “besorgten Bürger”, warfen mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern und attackierten Polizisten, von denen 31 verletzt wurden. 52 der 320 bereits anwesenden Flüchtlinge waren Kinder.

Die Ausschreitungen in jenen heißen Sommernächten waren so heftig, dass am 25. August der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) anreiste und einen Tag später sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich beschämt und abgestoßen zeigte. Von Gabriels Besuch ist der Satz haften geblieben: “Bei uns zu Hause würde man sagen, das ist Pack, was sich hier herumgetrieben hat.” Er findet daran bis heute nichts Falsches.

In Heidenau selbst sind die Tage unvergessen. “Die Gefahr einer Eskalation wie vor fünf Jahren scheint mir jetzt nicht gegeben”, sagt die evangelisch-lutherische Pfarrerin Erdmute Gustke, die “erschrocken” war über die sich entladende Gewalt. Ansonsten hätten sich die Positionen der Heidenauer aber vermutlich nicht grundlegend verändert.

“Es gibt weiterhin ernst zu nehmende latente Fremdenfeindlichkeit”, berichtet die Theologin – “und gleichzeitig sehr viele engagierte Jugendliche, Frauen und Männer, die sich für ein gutes Miteinander einsetzen.” So sei ein “Netzwerk Heidenau” entstanden, in dem sich Wohlfahrtsverbände und Vertreter der Stadt ebenso engagierten wie Kirchengemeinden und Vereine. Da würden Begegnungen organisiert und Filme gezeigt, da werde Deutschunterricht gegeben und gemeinsam gekocht.

Die Flüchtlingsunterkunft gibt es längst nicht mehr. Schon im April 2016 zogen die letzten Flüchtlinge aus. Ein Unternehmen der Region nutzt die Räume als Lager für Möbel. Unter den 16.400 Einwohnern der Stadt leben gerade mal noch 115 Flüchtlinge – dezentral.

Dafür hält die juristische Aufarbeitung der Ausschreitungen an. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Dresden sind noch fünf Strafverfahren gegen insgesamt zwölf Angeklagte anhängig. Darunter seien zehn Personen bereits verurteilt, aber noch nicht rechtskräftig, heißt es.

Insgesamt wurden 77 Ermittlungsverfahren geführt und 31 Angeklagte rechtskräftig abgeurteilt. Die Vorwürfe lauteten: schwerer Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Von Berlin aus betrachtet waren die Nächte von Heidenau eine Etappe eines aufgeheizten Sommers, in dem vor allem die ländlichen Regionen Ostdeutschlands gegen den Zuzug von Asylsuchenden rebellierten. Für die Bundesregierung ging es im wahrsten Sinne des Wortes darum, Flagge zu zeigen.

“Ich erinnere mich noch gut an meinen damaligen Besuch in Heidenau, und ich konnte weder damals noch kann ich heute Fakten von Emotionen trennen”, sagt Gabriel. “Denn wenn von außerhalb angereiste Ausländerhasser und Rechtsradikale versuchen, die in Heidenau lebenden Bürgerinnen und Bürger aufzuhetzen und sogar damit drohen, eine Flüchtlingsunterkunft niederzubrennen, dann ist es mir unmöglich, darauf kühl und emotionslos zu blicken.”

Der inzwischen aus der Politik ausgeschiedene Sozialdemokrat betont zwar: “Man durfte damals und man darf heute in Deutschland zur Frage der Flüchtlingsaufnahme unterschiedliche Meinungen haben und die auch sagen.” Die Grenze sei jedoch dort überschritten, wo offen zur Gewalt gegen Menschen aufgefordert werde. Dies hätten damals angereiste Neonazis getan, und dazu dürfe man nicht schweigen. Da sei das Wort “Pack” angebracht.

“Mir fällt für diejenigen, die dort bis hin zur Brandstiftung gehen wollten und ihre hetzerischen Parolen verbreitet haben, auch heute noch kein schönerer Begriff ein”, sagt Gabriel. “Ich fand es richtig, denjenigen, die sich zu dem ‘wahren deutschen Volk’ erklären wollten und doch nichts anderes waren als Volksverhetzer, sprachlich mal eine Grenze zu setzen. Denn das, was sich diese Rechtsradikalen da angemaßt haben, ist ja gerade nicht Deutschland und übrigens auch nicht Heidenau.”

Die Gespräche auf der Straße mit den Einwohnern seien nämlich völlig normal und unaufgeregt gewesen. Wenn sich heute nicht zuletzt AfD-Vertreter von dem Begriff “Pack” gemeint empfänden, dann könne er nur sagen: “Jeder zieht sich den Schuh an, der ihm passt.”

Der im August 2015 als “Volksverräter” beschimpfte Bürgermeister hat unterdessen keinen Grund, sich zu verstecken – im Gegenteil. Jürgen Opitz rief seinerzeit zur “Solidarität mit den Flüchtlingen” auf. Doch offenbar ist die Ruhe in Heidenau unverändert so brüchig, dass er das Thema lieber nicht noch einmal anrührt.

RND


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