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Krieg in der Ukraine beendet Isolation

Die neuen Freunde: Warum Nordkorea und Russland sich plötzlich so gut verstehen

Gemeinsame Sache: Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, und Russlands Präsident Wladimir Putin präsentierten sich bereits 2019 zusammen.

Gemeinsame Sache: Kim Jong Un, Machthaber von Nordkorea, und Russlands Präsident Wladimir Putin präsentierten sich bereits 2019 zusammen.

Pjöngjang/Moskau. In Jeju, einer Insel im südlichen Südkorea, wurde vor Kurzem über Frieden diskutiert. Unter dem Motto „Jenseits von Konflikt, gen Frieden: Koexistenz und Kooperation“ waren Mitte September zahlreiche hohe Gäste eingeladen, um sich in Zeiten des Ukraine-Kriegs über Konflikte zwischen dem Westen und China sowie über das jahrzehntealte Brodeln auf der koreanischen Halbinsel auszutauschen. Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta aus Osttimor war zu Gast, der ehemalige UN‑Generalsekretär Ban Ki Moon, der Gouverneur des US‑Bundesstaats Maryland und der südkoreanische Außenminister.

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Doch das Treffen der illustren Gäste, das in der südkoreanischen Presse groß diskutiert worden ist, wirkte eher wie eine Runde unter Gleichgesinnten – und nicht wie eine vielversprechende Konferenz. Denn ein Staat, mit dem Südkorea besonders gern über Frieden sprechen würde, war mal wieder abwesend: das verfeindete Nordkorea, mit dem der Süden seit Beginn des dreijährigen Korea-Kriegs, der 1953 nur in einem Waffen­stillstand endete, formal im Kriegszustand verharrt. In den vergangenen Jahren gab es vermehrt Versuche, die Beziehungen zwischen Nord und Süd zu normalisieren. Das gilt jetzt jedoch als besonders unrealistisch.

Nordkorea orientiert sich in eine andere Richtung. Was sich schon in der jüngsten Vergangenheit angedeutet hatte, zeigt sich seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs besonders deutlich: In der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang hat man den Angriff Russlands auf die Ukraine als große Chance erkannt – nämlich um die extreme diplomatische Isolation des diktatorisch regierten Einparteienstaats aufzubrechen und fortan auch ohne das Wohlwollen des Westens oder der weiteren internationalen Gemeinschaft freundschaftliche Kontakte zu knüpfen.

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Im Juli war Nordkorea einer der ersten Staaten, die die von Russland unterstützten ukrainischen Separa­tisten­gebiete Donezk und Luhansk offiziell anerkannten. Daraufhin hat die ukrainische Regierung in Kiew die diplomatischen Beziehungen zu Pjöngjang abgebrochen. Dies dürfte der nordkoreanische Regierungschef Kim Jong Un allerdings einkalkuliert haben. Kim hat bereits angedeutet, dass er Arbeiter in die Separatisten­gebiete schicken werde, um in vom Krieg gezeichneten Gebieten Aufbauarbeit zu leisten.

Menschen in Südkorea verfolgen auf Bildschirmen den Start nordkoreanischer Raketen. Trotz des Verbots durch UN-Resolutionen testet das Land immer wieder potenziell atomwaffenfähige Raketen.

Menschen in Südkorea verfolgen auf Bildschirmen den Start nordkoreanischer Raketen. Trotz des Verbots durch UN-Resolutionen testet das Land immer wieder potenziell atomwaffenfähige Raketen.

Kurz darauf äußerte Denis Pushilin, Führer der Separatistenbewegung in Donezk, den Wunsch, mit Nordkorea auf die Ebene der bilateralen ökonomischen Kooperation zu gelangen. Mit Luhansk gibt es offenbar einen ähnlichen Austausch. Für Nordkorea, das wegen seiner wiederholten Raketentests und Menschenrechts­verletzungen von der internationalen Gemeinschaft weitgehend geächtet wird, ist jeder freundschaftliche Kontakt von großem Nutzen.

Seit die Vereinten Nationen 2017 die Sanktionen gegen den ostasiatischen Staat verschärften, ist kaum noch Handel mit Nordkorea erlaubt. Aus China und Russland, die beide eine Landgrenze mit Nordkorea teilen, sind in den vergangenen Jahren dennoch regelmäßig Lieferungen eingetroffen – was allerdings durch die pande­mie­bedingte Schließung der Grenzen ab Anfang 2020 zum Erliegen kam. Mit drastischen Folgen: Die Verein­ten Nationen schätzen, dass derzeit rund 40 Prozent der nordkoreanischen Bevölkerung unterernährt sind.

Indem Kim Jong Un nun seine Hand nach Donezk und Luhansk ausstreckt, macht der Machthaber sich auch in Moskau Freunde. Die UN‑Sanktionen gegen Nordkorea von 2017 hatte Russland mitgetragen. Moskau war zu dem Land, das zu Beginn des Kalten Kriegs noch mit dem russischen Vorgängerstaat Sowjetunion eng ver­bun­den gewesen war, auf Distanz gegangen. Jetzt aber, da auch Russland mit stärkeren Sanktionen belegt ist, nähern sich die beiden Staaten an. Zum Beispiel begrüßt auch Moskau die Idee, dass sich nordkoreanische Arbeiter am Aufbau in Luhansk und Donezk beteiligen. Angeblich sollen Pjöngjang und Moskau sogar über Waffenlieferungen Nordkoreas an Russland verhandeln oder verhandelt haben. Nordkorea bezeichnete diese Angaben des US‑Geheimdienstes jedoch als falsch – „feindselige Kräfte“ würden solche Gerüchte streuen, um dem Image des Landes zu schaden.

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Nordkorea ist ein Gewinner des Ukraine-Kriegs

Der Ukraine-Krieg hat in Ostasien also schon jetzt einen Sieger, nämlich Nordkorea. In Pjöngjang verkündete Kim Jong Un kürzlich, dass er auch nicht mehr daran denke, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben. Offen­bar ermutigt durch die offenere Unterstützung, die der Staat nun aus Russland sowie China erhält, erließ Nordkorea Anfang September ein Gesetz, durch das es sich selbst zur Atommacht erklärt. Zudem kündigte das Land an, dass dieser Status „irreversibel“ sei.

Südkorea und die USA haben bisher immer wieder die nukleare Abrüstung Nordkoreas als Bedingung gestellt, um die Beziehungen zu Pjöngjang zu normalisieren und Sanktionen fallen zu lassen. Der seit Mai regierende konservative Präsident Südkoreas Yoon Suk-yeol hatte in seinem Wahlkampf zudem angekündigt, die von seinem liberalen Amtsvorgänger Moon Jae-in bemühte Verständigungspolitik abzuwickeln und stattdessen eine härtere Gangart gegenüber Nordkorea einzulegen. Yoon versprach sich Gesprächsbereit­schaft, da die ökonomische Lage in Nordkorea hoffnungslos ist.

Doch der nordkoreanische Regierungschef Kim Jong Un hat sich bis jetzt völlig unbeeindruckt gezeigt. Selbst als Nordkorea einen Ausbruch von Covid‑19 erlitt, ignorierte Pjöngjang einfach ein Hilfsangebot aus Süd­korea. So sieht sich trotz zahlreicher Widrigkeiten derzeit nicht etwa Nordkorea zu einem Umdenken gezwungen, sondern Südkorea. Dort hat man jüngst denn auch weniger die einst angekündigte harte Linie betont als vielmehr die Bemühungen um Austausch.

Erst kürzlich forderte Wiedervereinigungsminister Kwon Young-se die nordkoreanische Regierung auf, doch bitte endlich auf ein Gesprächsangebot zu reagieren. „Seit ihrem Regierungsantritt hat das Kabinett von Yoon Suk-yeol all seine Kräfte darauf vereint, eine positive Spirale nordkoreanischer Denuklearisierung und der Verbesserung interkoreanischer Beziehungen in Gang zu setzen, gleichzeitig die vorigen Vereinbarungen einzuhalten und unseren großzügigen Plan von Unterstützungen anzubieten“, hieß es. Aber Nordkorea habe all dies bis jetzt ignoriert.

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Es könnte daran liegen, dass man in Pjöngjang nun wieder zumindest eine Handvoll Freunde hat. Und die findet man offenbar attraktiver, als mit Südkorea und den USA über Frieden zu verhandeln.

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