Die neue Macht der Drohnen

  • Aserbaidschan hat gegen Armenien den ersten zwischenstaatlichen Drohnenkrieg der Welt gewonnen.
  • Lässt sich eine Technologie noch bremsen, die rund um die Welt längst die militärischen Realitäten verändert?
  • In der SPD führt dieser Streit inzwischen zu personellen Konsequenzen: Der verteidigungspolitische Sprecher ihrer Bundestagsfraktion, Fritz Felgentreu, trat heute Abend zurück.
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Ein Studienplatz in Berlin plus ein Stipendium: Für Zare (26), Politikstudentin aus Armenien, war das alles wie ein Lottogewinn.

Begeistert zog die junge Frau nach Deutschland. Sie fand ein Zimmer in der Hauptstadt und eine Professorin an der Humboldt-Uni, die ihr Forschungsthema toll fand: „Die Frauenbewegung in Afghanistan und Kurdistan“. Es hätte ein gutes Jahr werden können für Zare.

Dann kam, es ist erst wenige Wochen her, der Anruf von ihrem Cousin.

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„Das ist gar kein richtiger Krieg hier“

Der meldete sich aus einem Kriegsgebiet, aus Berg-Karabach, einer seit Jahrhunderten immer wieder umkämpften Region.

Ende September waren hier erneut Kämpfe ausgebrochen. Der Cousin war auf der Seite der Armenier gegen Truppen aus Aserbaidschan an die Front gegangen. Am 10. November war der Krieg zu Ende, die Armenier hatten ihn verloren, und zwar jämmerlich.

Feindliche Soldaten allerdings bekam Zares Cousin gar nicht zu sehen. Dafür sah er immer wieder Drohnen. Allerdings erst, als die unbemannten Flugobjekte schon feuerten und es zu spät war für jeden Versuch, sie vom Boden aus etwa noch mit Gewehren abschießen zu wollen.

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„Zare, du kannst dir das nicht vorstellen“, berichtete der Cousin am Telefon. Die Drohnen habe man nicht hören können, doch dann seien sie plötzlich da gewesen, und dann sei sehr viel auf einmal geschehen: „Das ist gar kein richtiger Krieg hier.“

Der Tod ungezählter Beteiligter aber war sehr real.

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Allein Zares Cousin hat rund 100 getötete Kameraden in den Wäldern beerdigt, „damit die Leichen nicht von Wildtieren gefressen werden“. Am Ende war das alles zu viel für ihn: In seinen letzten Anrufen in Berlin berichtete er über psychische Probleme. Beklommen ging Zare nach solchen Gesprächen auf die Straßen von Berlin, traf Menschen, die über Corona sprachen und über Querdenker.

Geheime Treffen in aufgekratzter Atmosphäre

Der wochenlange Krieg in Berg-Karabach hat im Westen kaum jemanden interessiert. Armenier gegen Aserbaidschaner? Das gab es schon oft. Einmal mehr, so schien es, eskalierte da ein Konflikt, der erstens immer nur begrenzte Auswirkungen hat auf den Rest der Welt und zweitens eine komplizierte jahrhundertelange Vorgeschichte.

Westliche Militärs allerdings, in der Brüsseler Nato-Zentrale etwa, studieren in diesen Tagen den Konflikt in der abgelegenen Region noch einmal genauer. Sie lassen sogar Videoaufnahmen vorwärts und rückwärts laufen, prüfen Details, schreiben Berichte, laden ein zu Besprechungen in abhörsicheren Räumen.

Wenn wir ­einfach so weiter­ machen wie bisher, haben wir verloren.

Ein Teilnehmer der jüngsten ­Leitungsklausur im ­Bundesverteidigungs­ministerium.

Eine dieser Runden fand jüngst im Berliner Verteidigungsministerium statt. Online zugeschaltet waren Technologieexperten aus den USA, über verschlüsselte Leitungen. Die Stimmung war aufgekratzt. Es gehe jetzt um etwas Grundlegendes, hieß es.

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Jubel in Baku, der Hauptstadt Aserbeidschans, über den Sieg im Drohnenkrieg: Das Militär zeigt bei einer Parade am 10. Dezember autonome Flugkörper vom Typ Sky Striker. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Mitteilungen an die Medien gab es nicht. Ein Teilnehmer der jüngsten Leitungsklausur im Ministerium von Annegret Kramp-Karrenbauer bot auch unter der Bedingung, dass sein Name ungenannt bleibt, nur orakelhafte Sprüche an: „Wenn wir einfach so weitermachen wie bisher, haben wir verloren.“

Eine neue Unruhe ist da. Denn der verstörende kleine Krieg in Berg-Karabach setzt ein großes Fragezeichen hinter die jahrzehntelange Ausrichtung der gesamten Rüstung und Strategie der Nato.

Was, beispielsweise, nützt ein teurer Panzer, wenn eine billige Drohne ihn mit geradezu lächerlicher Beiläufigkeit außer Gefecht setzen kann? Sogar sogenannte kampfwertgesteigerte Exemplare der rasselnden Kolosse erwiesen sich als wehrlos, wenn Drohnen neuerer Bauart sich auf sie stürzten.

„Loitering drones“: Lautlos und lange in der Luft

Die Fachwelt blickt auf eine Lehrvorführung: den ersten Drohnenkrieg zwischen zwei Staaten. Armenien schien eigentlich das besser organisierte Militär zu haben, mit vielen gut funktionierenden Panzern und Lastwagen. Aserbaidschan indessen, reich geworden durch Ölexporte, hatte sich in den letzten Jahren mit Drohnen aller Art reichlich eingedeckt, großen und kleinen, israelischen und türkischen. Und nun führte es vor, was man damit alles machen kann.

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Gleich reihenweise setzten aserbaidschanische Drohnen Panzer und Fahrzeuge der Armenier außer Gefecht. Kamikazeversionen, die Aserbaidschan inzwischen in Lizenz im eigenen Land produziert, bohrten sich selbst in Ziel.

Sogenannte „Loitering Drones“ (wörtlich: herumhängende Drohnen) blieben wie Albatrosse bei geringem Energieaufwand lange lautlos in der Luft, griffen aber ein, wenn ihre Computer bestimmte feindliche Radarsignaturen erkannten.

Oft filmte die eine Drohne den Einsatz der anderen und sendete das Video an die aserbaidschanische Regierungszentrale in Baku – die das Material prompt an die Propagandaabteilung weiterreichte.

„Wer Drohnen benutzt, kann Krieg führen, als hätte er auch eine Filmcrew dabei“, sagt die Drohnenexpertin Ulrike Franke.

Die Politikwissenschaftlerin arbeitet bei der Denkfabrik European Council on Foreign Relations in London. In der europäischen Szene ist Franke als „Drohnendoktorin“ bekannt, sie hat über das Thema schon vor acht Jahren eine Doktorarbeit geschrieben. Es war die Zeit, in der der damalige deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière in Interviews, Aufsätzen und Reden „eine breite gesellschaftliche Debatte“ über Drohnen anschieben wollte. Ihm hörte nur, außer in Fachkreisen, niemand zu.

Was genau will die „Weltmacht SPD“?

Inzwischen wird eine alte Frage neu diskutiert: Soll auch die Bundeswehr bewaffnete Drohnen beschaffen? Muss sie es gar?

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans drückte kräftig auf die Bremse: Er halte „zusammen mit großen Teilen der SPD-Mitgliedschaft und vielen anderen friedenspolitisch engagierten Gruppen in unserer Gesellschaft die bisherige Debatte über bewaffnete Bundeswehrdrohnen nicht für ausreichend“.

Der Expertin Franke fiel, als sie dies hörte, nach eigenen Angaben die Kinnlade runter: Ist dazu nicht längst alles gesagt, und zwar von allen?

Es geht wohl mehr um einen innenpolitischen – und innerparteilichen – Machtkampf. Bis hinauf in die Spitze der SPD ist umstritten, ob Walter-Borjans wirklich die richtigen Akzente setzt.

Kann die „Weltmacht SPD“, über die einst sogar Willy Brandt spöttelte, sich gegen eine Technologie stemmen, die rund um die Welt gerade die militärischen Realitäten verändert? Und wem genau wäre damit eigentlich geholfen?

Genervt tritt SPD-Fachmann Felgentreu zurück

Der langjährige verteidigungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Fritz Felgentreu, hält bewaffnete Drohnen seit Langem für überfällig. Am Dienstagabend aber, bei einer Fraktionssitzung in Berlin, stieß Felgentreu auf Widerstand: Die Fraktion beschloss, einer Bewaffnung der Bundeswehrdrohnen vom Typ Heron TP zunächst nicht zuzustimmen, sondern “ergebnisoffen” und “breit öffentlich” zu diskutieren.

Felgentreu, der die Sache seit Langem für ausdiskutiert hält, war genervt: Er legte sein Amt als verteidigungspolitischer Sprecher am Abend nieder.

In einer längeren Erklärung auf Twitter sprach Felgentreu von einem Dilemma. Entweder stehe er gegenüber der Öffentlichkeit und der Bundeswehr zu dem neuen Fraktionsbeschluss, “obwohl eigentlich alle wissen, dass ich anderer Auffassung bin - nicht sehr glaubwürdig”. Felgentreu fügte hinzu: “Dafür bin ich auch zu dickköpfig. Das sage ich selbstkritisch, nicht kokett.” Weiter schrieb er: “Oder ich distanziere mich öffentlich und gegenüber der Bundeswehr von meiner Fraktion und Partei. Als Mitglied von beiden erwarte ich aber von einem Sprecher mehr Loyalität und mehr Solidarität mit der Führung und der Mehrheit. Also auch nicht sehr glaubwürdig.” Deshalb habe er sein Amt niedergelegt.

Mit Spannung wird jetzt verfolgt, wie sich die übrige Fraktion im Drohnenstreit verhält. Die SPD-Verteidigungsexpertinnen Eva Högl, Wehrbeauftragte des Bundestages, und Siemtje Möller aus Niedersachsen haben sich nicht festgelegt, aber immer offen gezeigt für die Bewaffnung von Bundeswehrdrohnen – ihr zentrales Argument liegt im Schutz deutscher Soldaten.

Als Joker im Spiel gelten jetzt vor allem zwei Politiker, die um das Thema bisher immer einen Bogen gemacht haben, von denen man aber weiß, dass sie eine Politik der Mitte anstreben, die auch Bundeswehrsoldaten nicht abstößt: Kanzlerkandidat Olaf Scholz und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil.

Was nun? Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer (CDU) wird bis auf Weiteres, ihre bescheidenen Pläne verschieben müssen, unter vier vom Bund geleaste israelische Drohnen vom Typ Heron TP die eine oder andere Rakete schrauben zu lassen.

Große Drohnen, kleine Drohnen, ferngelenkte und autonome: Elbit Systems, ein israelischer Hersteller, hat alles in seinem Katalog. © Quelle: Elbit Systems

Wäre es nach AKK gegangen, hätte der Verteidigungsausschuss des Bundestages am 16. Dezember grünes Licht geben sollen. Am 19. März 2021 wären dann die ersten beiden Drohnen einsatzbereit gewesen, um etwa in Afghanistan oder Mali deutsche Konvois gegen Attacken aus einem Hinterhalt zu schützen.

Neue Technik und ein altes Ideal: Sieg ohne Kampf

Vor dem Hintergrund der internationalen Fachdebatte, die längst sehr viel weiter ist, wirkt die Berliner Streitigkeit provinzieller denn je. Experten wie Christian Brose, über viele Jahre der wichtigste Mitarbeiter des verstorbenen US-Senators John McCain, glauben, dass sogar die gesamte Rüstung der westlichen Welt seit Jahrzehnten in eine falsche Richtung läuft.

Brose hält schon die Vorstellung für falsch, die USA und andere Staaten könnten überhaupt irgendwann noch mal „in den Krieg ziehen“, wie es so schön heißt.

Kann der Westen künftig in einer Welt voller bewaffneter Drohnen überhaupt noch „in den Krieg ziehen“? US-Soldaten in Kuwait im Jahr 1991 nach der erfolgreichen „Operation Desert Storm“. © Quelle: imago images/Everett Collection

Beim Golfkrieg von George Bush Senior etwa, dem völkerrechtskonformen Gegenschlag nach der Invasion Kuwaits durch den Irak, habe der Boxer wochenlang ausgeholt. „Gebirge von Stahl“ seien erst mal in Richtung Schlachtfeld verfrachtet worden, fast wie 1944 in der Normandie. Heute, meint Brose, wäre schon ein solcher Transport unmöglich, wenn etwa China ihn nicht wolle. „Disruptive Technologien“ stünden dagegen. Drohnen in der Luft, Drohnen unter Wasser, aber auch gezielte Störungen der militärischen Kommunikation könnten den Aufmarsch verhindern.

Was aber, wenn die Drohne der einen Seite der Drohne der anderen Seite begegnet? Dann entscheiden die Taktfrequenzen der Maschinen, welche Seite den Krieg gewinnt.

Wer den anderen überlistet, wer seine Codes knackt, wer sich generell technologisch über den Feind erhebt, etwa durch Anwendung von künstlicher Intelligenz und Quantencomputern zugleich, hat gewonnen. Besonders elegant wird es, wenn man gewinnt, ohne zu kämpfen. Der chinesische General und Philosoph Sun Tzu empfahl genau dies schon vor sehr langer Zeit, 500 Jahre vor Christus.

RND

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