Die neue deutsche Untergangsstimmung

  • Deutschland im Herbst: Wird es jetzt nur einfach dunkler? Oder passiert wegen Corona bald etwas ganz Schlimmes?
  • In den Medien wird hier und da schon der “Horrorherbst” 2020 in Aussicht gestellt, mit neuem Lockdown, Pleiten und Suiziden.
  • Vorsichtig tastend hat Imre Grimm sich hingetraut in die Nebelwelt der neuen deutschen Herbstangst.
Das tägliche Briefing
|
Anzeige
Anzeige

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

genießen Sie heute noch einmal die Sonne. Um 19.16 Uhr geht sie schon unter. Und dieser Untergang ist leider der letzte, den man in diesem Jahr lässig draußen sitzend verfolgen kann, bei mehr als 20 Grad.

Die Phase, die danach kommt, nennt sich – man mag das Wort kaum aussprechen nach so seidig-sonnigen Septembertagen – Herbst.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Wer es noch nicht ganz wahrhaben will, wird es spätestens am Wochenende einsehen. Da fallen nachts die Temperaturen auf einstellige Werte, und auch tagsüber werden bei 13 oder 14 Grad die Heizungen laufen.

Deutschland und der Herbst: Diese Mixtur machte immer schon die Herzen schwer, schon lange vor Corona.

Der Herbst kommt: Ein Blick auf das Schönfelder Hochland in Sachsen. © Quelle: Robert Michael/dpa-Zentralbild/Z

In diesem Jahr aber hat die Viruswelle die Düsternis verdoppelt. Inzwischen führt eine gerade Linie von Rainer Maria Rilke zu Karl Lauterbach. Denn es ist ja beides wahr: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Und wer jetzt kein Hygienekonzept hat, in der Schule, am Arbeitsplatz oder sonst irgendwo, für den ist es ebenfalls zu spät. Wohin aber gehen wir, wenn es dunkel und wenn es kalt wird – und die Infektionszahlen gruselig steigen?

Anzeige
Der Tag Wissen, was der Tag bringt: Erhalten Sie jeden Morgen um 7 Uhr das Nachrichten-Briefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Imre Grimm hat sich hineingewagt in die emotionalen Nebel, die da jetzt wallen. “Deutschland hat den Herbstblues” heißt sein großes essayistisches Stück zur Einstimmung auf die neue Jahreszeit. Herbstangst, lernen wir, hat nicht nur Einzelne befallen. Auch die Medien, seriöse eingeschlossen, machen mit. Ein “Horrorszenario im Herbst” malt der "Münchner Merkur” an die Wand, vor einem “Horrorherbst” warnt die “Welt”, vor einem “Corona-Herbststurm” der “Tagesspiegel”. Jetzt fehlen nur noch hustende Horrorclowns in Halloween-Kluft.

Anzeige

Was hilft gegen solches Abdriften in kollektive Angst? Lichttherapie? Spazierengehen? Sauna?

Den Herbst entmystifizieren

Das beste Gegenmittel ist ein intellektueller Stich mitten hinein ins Wabernde: Man muss den Herbst entmystifizieren. Was ist er denn schon? Sein astronomisch definierter Beginn war bereits gestern, um 15.31 Uhr. Das ist der Moment, in dem die Sonne exakt senkrecht über dem Äquator steht – mit dem Effekt, dass Tag und Nacht ausnahmsweise genau gleich lang sind. Von nun an werden die Nächte etwas länger und die Tage etwas kürzer, aber eben nur bis zu einem Drehpunkt, den wir Frühlingsanfang nennen. Und auch der steht schon exakt fest: 20. März 2021, 10.37 Uhr. Es wird so kommen, egal wer bis dahin amerikanischer Präsident ist oder deutscher Kanzlerkandidat.

Schieben wir mal Rilke und dessen Endzeitkitsch beiseite – und hören wir auf Hölderlin. Der blieb zwar immer rätselhaft, sah aber jedenfalls stets das große Ganze. “Ein Bruder des Frühlings war uns der Herbst”, heißt es bei ihm. Das klingt doch schon viel besser.

Anders gesagt: Ja, der Herbst kommt. Aber die Welt dreht sich weiter.

Zitat des Tages

Anzeige

Länder, die mehr Glück haben als meines, sollten lange und gut hinschauen, was wir gerade bekämpfen.

Sheikh Hasina, Premierministerin von Bangladesch, zu den klimabedingt immer heftigeren Überschwemmungen in ihrem Land

Leseempfehlungen

Sexuelle Belästigung kann auch rein verbal geschehen: “Ey Süße, geiler Arsch!” Dieses übergriffige Verhalten ist als Catcalling bekannt – und soll jetzt strafbar werden, fordert die Studentin Antonia Quell in einer Petition. Bislang setzt der Tatbestand nach Paragraf 141i Strafgesetzbuch voraus, dass der Täter eine andere Person “in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt”. Viele Frauen fühlen sich aber auch ohne Berührung belästigt. Sarah Franke berichtet über die Eingabe der Studentin Quell an die Bundesministerinnen Christine Lambrecht (SPD, Justiz) und Franziska Giffey (SPD, Familie), für die es in Deutschland bereits mehr als 45.000 Unterstützer gibt.

Die Shoppingplattform Wish aus den USA verkauft Produkte aus Fernost zum Ramschpreis. Mit dem Konzept ist das Unternehmen ziemlich erfolgreich: 2019 konnte die Firma ihren Umsatz auf 1,9 Milliarden US-Dollar verdoppeln. Doch es gibt auch jede Menge Kritik: Die verkauften Produkte bei Wish sind nicht selten minderwertig oder gefälscht. Verbraucherzentralen warnen vor der Plattform – und inzwischen hat Wish sogar ein eigenes negatives Internet-Meme. Matthias Schwarzer hat sich näher mit der Plattform beschäftigt.

Gerard Butler ist eigentlich Hollywoods Sonnyboy. Immer freundlich, immer optimistisch. Im Gespräch mit unserem Korrespondenten Dierk Sindermann zeigt sich der Schauspieler von seiner nachdenklichen Seite – und spricht mit ihm über Krankheiten und Verluste, wie er mehrfach dem Tod von der Schippe gesprungen ist und wie er seine letzte Tage auf der Erde gern verbringen würde.

Termine des Tages

Anzeige

Die EU-Kommission präsentiert nach Jahren des Stillstands und Streits Vorschläge für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik der 27 EU-Staaten.

Im Bundeskanzleramt beginnt um 9.30 Uhr eine Kabinettssitzung unter Leitung von Angela Merkel. Zu den Themen gehört das sogenannte Register­modernisierungs­gesetz, das zur Entbürokratisierung beitragen soll, aber auf datenschutzrechtliche Bedenken stößt. Unter anderem geht es um den Plan, die elfstellige Steuer-ID künftig als sogenannte Bürgernummer für unterschiedliche Register zu verwenden. Ein Gutachten hält das für problematisch.

Die Vermögensstudie “Allianz Global Wealth Report 2020” wird heute um 10 Uhr in Frankfurt vorgestellt. Der Report gibt alljährlich Auskunft über die Vermögens- und Schuldensituation privater Haushalte weltweit und wird in diesem Jahr wegen der Corona-Krise mit besonderer Spannung erwartet.

Die Corona-Warn-App wurde vor 100 Tagen eingeführt – heute um 11.00 Uhr ziehen in Berlin Bundes­gesundheits­minister Jens Spahn und Kanzleramtschef Helge Braun eine Bilanz.

In Alsfeld beginnt der Strafprozess gegen einen 22-Jährigen wegen eines Onlineangriffs auf Politiker und Prominente. Dem Mann wird die massenhafte Veröffentlichung teilweise sensibler Daten von etwa 1000 Politikern und Prominenten vorgeworfen. Er soll die Taten teils als Jugendlicher, teils als Heranwachsender begangen haben. Daher findet die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor dem Jugend­schöffen­gericht statt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trifft heute in Hanau Angehörige der zehn Todesopfer des fremdenfeindlichen Anschlags vom Februar dieses Jahres.

In New York läuft die 75. Generaldebatte der UN-Vollversammlung – zu der die USA nur drittrangige Vertreter entsenden.

Der Podcast des Tages

Schnappschuss des Tages

Es ist eine Trauer, bei der auch Protest mitschwingt – und Wut auf den Mann im Weißen Haus, der die Gefahren gezielt kleingeredet hat: Nancy Pelosi, Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, bei einer Gedenkaktion vor dem Washington Monument. Die Flaggen sollen an die inzwischen mehr als 200.000 Amerikaner erinnern, die wegen der Corona-Pandemie gestorben sind. © Quelle: imago images/UPI Photo

Jede Stunde neu: unsere News zum Hören

Kommen Sie gut in den Tag – und bewahren Sie die Sonne im Herzen!

Aus dem RND-Newsroom: Matthias Koch

Abonnieren Sie auch: Die Schicksalswahl – unser Newsletter zur Präsidentschaftswahl in den USA.

Die Schicksalswahl Der Newsletter mit Hintergründen und Analysen zur Präsidentschaftswahl in den USA.

Mit RND.de, dem mobilen Nachrichtenangebot des RedaktionsNetzwerks Deutschland, dem mehr als 60 regionale Medienhäuser als Partner angehören, halten wir Sie immer auf dem neuesten Stand, geben Orientierung und ordnen komplexe Sachverhalte ein – mit einem Korrespondentennetzwerk in Deutschland und der Welt sowie Digitalexperten aller Bereiche.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Chefredakteur Marco Fenske: marco.fenske@rnd.de.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen