Die neu entdeckte Einsamkeit

  • Liegt es an Corona? An der Weihnachtszeit?
  • Es ist wohl eher ein globaler Megatrend.
  • Junge Leute – erfolgreich, berufstätig, bestens vernetzt – reden plötzlich offen über ein jahrzehntelang gehütetes Tabu: Einsamkeit.
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Ach, da ist ja ein Specht.

Claire Bushey blickte aus dem Fenster ihres Apartments in Chicago. Einen Specht sieht man hier nicht alle Tage. Schon gar nicht einen, der so fleißig hämmert, minutenlang. Gerade ging die Sonne unter, der Vogel sah aus, als trüge er eine rote Kappe.

Claire hatte den Impuls, jemandem zuzurufen: „Komm mal schnell, guck dir das mal an.“

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Doch Claire lebt allein, seit vielen Jahren schon.

Eigentlich geht es ihr gar nicht schlecht. Sie ist eine erfolgreiche Wirtschaftsjournalistin für die „Financial Times“. In Deutschland würden die Leute sagen, sie ist „tough“.


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Eine Journalistin machte, ausnahmsweise, sich selbst zum Thema: Claire Bushey, Chicago-Korrespondentin der „Financial Times“. © Quelle: privat

Claire bearbeitet knallharte Themen, die Krise beim Flugzeughersteller Boeing zum Beispiel, der in Chicago sein Hauptquartier hat. Claire deckt auch den gesamten Rostgürtel der USA ab, inklusive General Motors. Ihr Berufsleben ist spannend, für sie öffnen sich alle Türen. Wenn sie ihre Visitenkarte auf den Tisch legt, nehmen auch hochrangige Manager Haltung an: Die „Financial Times“ genießt weltweit Respekt.

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„Dann kam ein ganz toller Anruf“

Mit dem Specht aber kam sie nicht so richtig klar. Claire überlegte, ob sie ein Foto machen sollte, um es schnell an ein paar Freunde weiterzuleiten, sie ist ja auch in ihrer Freizeit gut vernetzt.

Doch das digitale Bild würde, ahnte sie, am Ende keinen Vogel zeigen, sondern nur einen Farbfleck, mit dem niemand etwas anfangen kann. Außerdem: Wen interessiert schon ein Specht vor ihrem Fenster?

Dann tippte sie einen traurigen Satz in ihren Computer: „Wenn du einsam bist, hört der Lockdown nicht auf.“

Wieder einmal war sie an einen Punkt geraten, an dem das Alleinsein, das auch sehr schön sein kann, umknickt in etwas Furchtbares: Einsamkeit.

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Claire beschloss, über dieses Gefühl jetzt mal etwas zu schreiben. Sie machte, ausnahmsweise, sich selbst zum Thema und bot ihre traurige Geschichte vom Specht der Redaktion an.

Die Kollegen waren irritiert. Ob sie das denn wirklich veröffentlichen wolle, fragte der Newsdesk der Zentrale zurück. Ja, sagte Claire, Einsamkeit sei doch ein Thema, das viele betreffe.

Die Chefredaktion wollte Bedenkzeit. „Dann kam ein ganz toller Anruf“, berichtet Claire dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Erstens wollten ihre Chefs wissen: Gibt es irgendetwas, was die „Financial Times“ im Augenblick konkret für Claire tun kann? Claire verneinte, es ist alles gut, es ging ihr wirklich nur um den Text und das Thema.

Dann druckte die „Financial Times“ die Geschichte.

Einfühlsame E-Mails aus aller Welt

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Es war eine Premiere. Ein Wirtschaftsblatt, das in einer kühlen Welt oft als Bastion einer noch kühleren Rationalität erscheint, ließ einfach mal eine Reporterin ihr Herz ausschütten. Überschrift: „Die Einsamkeit und ich“.

Die Reaktionen waren umwerfend. „Ehrlich gesagt bekam ich mehr Mails als für jede Enthüllungsstory über Boeing”, berichtet Claire. 278 Zuschriften aus aller Welt hat die „Financial Times“ inzwischen veröffentlicht, lauter einfühlsame, intelligent geschriebene Texte.

Claire zeigt sich bewegt, wenn sie darüber redet. Der Anrufer aus Deutschland erwischt sie dieser Tage in ihrem Auto, einem Honda Civic von 2004, den sie gerade einparkt. Sie will bald zu ihrem Vater, nach Wilmington, Delaware, das sind 13 Stunden Fahrt von Chicago aus. Fliegen fällt flach, wegen Corona. Den alten CD-Player in ihrem Honda hat sie nie austauschen lassen. Jetzt besorgt sie sich, ganz klassisch, die CD mit Bing Cosby: „Driving home for christmas“.

Claire traf einen Nerv. Denn rund um die Erde fällt gerade ein neuer Blick aufs alte Thema Einsamkeit.

Eine Umbewertung des Themas ist im Gang

Zwar hat Corona die realen Probleme aller ohnehin gesellschaftlich Isolierten noch gesteigert. Doch immerhin ist das Sprechen über Einsamkeit leichter geworden. Vor allem aber ist die längst überfällige Umbewertung des gesamten Themas endlich in vollem Gang.

Einsamkeit? „Da denken viele immer an einen alten Menschen, der nach dem Tod des Partners niemanden mehr hat“, sagt Dianna Kinnert, CDU-Politikerin, Unternehmerin und Podcasterin. „Dann wird gesagt: Nehmen wir diesen einsamen Menschen doch auf in ein schönes Mehr-Generationen-Haus – dann ist das Thema erledigt.“

Diana Kinnert (CDU), Podcasterin und Buchautorin, will ihrer Partei vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz im März 2021 als Beraterin beim Thema neue Einsamkeit zur Seite stehen. © Quelle: Jens Krick / flashpic

Tatsächlich ist Einsamkeit etwas sehr viel Komplexeres. Immer neue Studien, ob aus Europa, Australien oder Japan, deuten auf eine weit gefächerte Problematik weit abseits der Klischees. Die drei wichtigsten Befunde lauten, grob zusammengefasst:

1. Junge Leute sind prozentual stärker von Einsamkeit betroffen als ältere und leiden oft auch stärker darunter.

2. Was lange als rein emotionales Problem abgetan wurde, ist eine reale Belastung für das Gesundheitswesen. Eine Fülle von Studien zeigt ein für Einsame massiv erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken.

3. Einsamkeit begünstigt zudem das leise Abdriften in Richtung radikaler Strömungen oder gar individueller Gewaltfantasien.

Ein gefährliches Paar: Einsamkeit und Angst

„Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1779 an Charlotte von Stein.

Dass der Mensch überhaupt die Wahl hat, ist neu. Jahrtausendelang hing für jeden Einzelnen das Überleben am Zusammensein mit der Sippe. Nur die Gemeinschaft sorgte verlässlich für Nahrung und für Schutz gegen Feinde.

Wohl auch deshalb empfindet der Organismus Einsamkeit bis heute instinktiv als Stress, nicht nur bei Menschen. Kommt eine Maus in einen Käfig, in der eine andere Maus zuvor lange isoliert war, dreht die bisherige Bewohnerin fast durch vor Aggression gegen den Neuling. Waren in dem Käfig zuvor mehrere Mäuse, bringt eine dazukommende neue wenig durcheinander. Liegt hier ein Schlüssel zur Erforschung von Fremdenfeindlichkeit?

Marginalisierung, das Gefühl, an den Rand gedrängt worden zu sein, ist der Anfang allen Übels – das fand schon die Totalitarismusforscherin Hannah Arendt heraus.

Ausgerechnet der technische und soziale Fortschritt, oft mühsam errungen, hat die Menschen für dieses Gefühl anfälliger gemacht. Erst die Modernisierung erlaubte das Alleinsein. Je moderner eine Region wurde, umso höher wuchs dort der Anteil der Einsamen.

Das größte Tabu unserer Gesellschaft

Das Kuriosum begegnet uns heute in allen Metropolen der Welt: Erst sind die Einsamen massenhaft vereint, in Bussen, Bahnen, Restaurants, Fitnessstudios und Kinos. Plötzlich sind sie dann doch allein: Wenn abends in der steil wachsenden Zahl der Singlehaushalte die Türen ins Schloss fallen.

Modernität plus Optimierung plus Social Distancing: Fitnessclub in Dubai. © Quelle: Getty Images

Nie war eine Gesellschaft digital so eng vernetzt. Nie endeten aber zugleich so viele Lebensläufe in völliger Isolation.

Laut einer Statistik der Hamburger Friedhöfe ist die Zahl der Ordnungsamtsbestattungen zwischen 2007 und 2017 auf mehr als das Doppelte gestiegen. Es geht um Tote, die niemand kennt. Unter den so Beerdigten sind frappierend viele, die kein hohes Alter haben. Hätten sie auf Facebook nicht mal mitteilen können, dass sie einsam sind?

„Es ist das größte Tabu der heutigen Gesellschaft“, sagt Mazda Adli, Stressforscher an der Charité in Berlin.

Im Podcast „Allein zu sein“ von Diana Kinnert und Yara Hoffmann berichtete Adli Anfang dieses Monats über seine praktischen Erfahrungen: „Sogar beim Psychiater fällt es den meisten Menschen unendlich schwer, über ihre Einsamkeit zu sprechen.“ Eher höre er etwas über Ängste oder Depressionen.

Einsamkeit gilt als Eingeständnis des Versagens, besonders unter jungen Leuten. Auf ihren Accounts zementieren viele ihr Fake Life: lächelnd, optimal ernährt, optimal trainiert, von Freunden umgeben. Immer mehr Menschen schaffen ein digitales Bild von sich selbst, dem ihr Leben in Wirklichkeit überhaupt nicht entspricht – und leiden dann stumm an der Diskrepanz.

Kinnert gibt eine konservative Antwort

Von einer „neuen Einsamkeit“ spricht Diana Kinnert in einem Buch, das im März 2021 herauskommt. Auf dem Titel ist ein Handy zu sehen, mit schwarzem Display. Es bietet keine Verbindung mehr zur Welt.

Kinnert hat seit mehr als vier Jahren Erfahrung mit dem Thema, auch durch Verbindungen nach Großbritannien. Dort berief die konservative Premierministerin Theresa May im Jahr 2018 die weltweit erste „Ministerin für Einsamkeit“, eine Staatssekretärin mit ressortübergreifenden Zuständigkeiten.

Braucht Deutschland so etwas auch? Wichtig sei ein Umdenken auf allen Ebenen, sagt Kinnert – auch in den Kommunen und in den Ländern. In Rheinland-Pfalz, wo im März 2021 Landtagswahlen sind, will sie dem CDU-Spitzenkandidaten Christian Baldauf als Beraterin zur Seite stehen und Einsamkeit zum Thema machen.

Umdenken müssten aber auch die Arbeitgeber. Man könne nicht, sagt Kinnert, immer nur mit befristeten Verträgen agieren, ständig von Disruption reden und von stetigem Wandel. So könne niemals die Gemeinschaft wachsen, die feste Bindung, die man brauche.

Es sind unerwartete Töne von einer Frau, die erstens bei der CDU ist und zweitens selbst Unternehmerin, Chefin von zwei PR-Agenturen. Kinnert hantiert mit Theorien, die auf verblüffende Art modern sind und konservativ zugleich. Eine spannende neue Debatte beginnt – auf einem Feld, das in Deutschland bislang wenig beleuchtet wurde.

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