Die Männerunion

  • Beim Deutschland-Tag der Nachwuchsorganisation von CDU und CSU bekommt keine einzige Frau den großen Auftritt.
  • Nach der Ära von Angela Merkel ist die Union Männersache.
  • Auf Wiedersehen, Volkspartei!
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Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn dieser Newsletter in Ihrem Postfach ankommt, sitze ich beim sogenannten Deutschland-Tag der Jungen Union in Münster. Ich bin gern bei diesen Kongressen der Jugendorganisation von CDU und CSU, weil sie Seismografen sind, wohin die Reise geht in der Union. Wie beliebt der oder die Vorsitzende ist, wer das Erbe antreten will, wie konservativ sich der Nachwuchs aufstellt, ob sich Revolten anbahnen oder Unionspolitik im Jubel ertränkt wird.

Diesmal ist es besonders spannend. Und besonders peinlich.

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Spannend, weil fast alle gehandelte Nachfolger von CDU-Chef Armin Laschet reden werden – bis auf, voraussichtlich, Norbert Röttgen. Ebenfalls spannend, weil CSU-Chef Markus Söder nicht zur Jugend kommen will, die ihn sonst immer frenetisch feierte, aber nun in Teilen angesäuert ist, wegen seines Theaters mit Laschet im Wahlkampf. Söder hat abgesagt, es sei zu viel zu tun. CSU-Generalsekretär Markus Blume soll nun seinen Kopf hinhalten. Womöglich kommt es zu Buhrufen.

Besonders peinlich wird es aus diesem Grund: Wir schreiben das Jahr 2021, und die Junge Union hat an den drei Veranstaltungstagen als Gastredner keine – KEINE – einzige Frau eingeplant. Auf die Frage, was da los ist, sagte JU-Chef Tilman Kuban uns, dass die Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas und die amtierende CSU-Digitalstaatsministerin Dorothee Bär dabei seien – in einem „Zukunftspitch“. Digital. Zusammen mit Fraktionsvize Carsten Linnemann und dem Europaabgeordneten Sven Simon.

Das ist weniger als ein Feigenblatt. Dorothee Bär ist in Talksendungen immer eingesprungen, wenn Söder, Blume oder CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sich aus der Schusslinie nehmen wollten. Sie hat viele Prügel eingesteckt für Dinge, die sie selbst gar nicht verbrochen hatte.

Dorothee Bär (CSU). © Quelle: imago images/Eibner
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Sie war fünf Jahre Verkehrsstaatssekretärin und wurde dann Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt – während der damalige CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer zum Verkehrsminister aufstieg. Der „Andi“ hatte nur weit weniger Ahnung von der Materie. Aber vielleicht schafft sie es nach Söders Absage noch auf die JU-Bühne. Für die Männer die Ausputzerin spielen kann sie ja.

Magwas ist die Vorsitzende der Frauen in der Unionsfraktion. Diese Fraktion hat zu 76,5 Prozent Männer. CDU und CSU nennen sich Volksparteien und werden nicht einmal zu einem Viertel ihrer Abgeordneten von Frauen vertreten. Nur die AfD schneidet noch schlechter ab. Man – Mann – hätte auf die Idee kommen können, Magwas einmal ein Forum zu bieten. Zumindest, wenn man dem eigenen Anspruch gerecht werden und eine Partei der Gleichberechtigung sein möchte. Möchte die Union aber offensichtlich gar nicht.

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Yvonne Magwas (CDU) im September 2018 im Bundestag. © Quelle: picture alliance/dpa

Schon deswegen nicht, weil sie nach einer Entscheidung von SPD, FDP und Grünen für Koalitionsverhandlungen ziemlich sicher nicht wieder in die Regierung kommen wird und kaum noch Posten verteilen kann. Es bleiben in der Opposition dann Parteivorsitz, Fraktionsvorsitz und Generalsekretär. Allein sechs Männer aus Nordrhein-Westfalen stehen dafür bereit. Wenn da eine Frau berücksichtigt werden muss, wird es für sie noch enger da oben.

Schauen wir mal in die Tagesordnung, wer seinen Auftritt bei der JU in Münster haben soll. In dieser Reihenfolge: JU-Bundesvorsitzender Kuban, Ex-Fraktionschef Friedrich Merz, amtierender Fraktionschef Ralph Brinkhaus, CDU-Chef Laschet, der künftige NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, CSU-Generalsekretär Blume, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Wie wenig Angela Merkel für die Erhöhung des Frauenanteils gesorgt hat, wird mit ihrem Abschied sichtbar. So lange hatte sich die Union darauf ausgeruht, dass sie als einzige Partei in Deutschland eine Kanzlerin gestellt hat, die nebenbei auch noch 18 Jahre die CDU führte.

Fast nur Männer: Gruppenfoto zu Beginn der Konferenz der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden aus Bundestag und Landtagen sowie der CDU/CSU-Gruppe in der EVP-Fraktion (FVK). © Quelle: Christoph Soeder/dpa

Dass sich Merkel selbst bei der JU nicht mehr blicken lässt, ist keine Überraschung. Ihr war die Nachwuchsorganisation wegen deren konservativer Ausrichtung immer suspekt. Als scheidende Kanzlerin, und Ex-CDU-Vorsitzende, muss sie nicht mehr hinfahren.

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2018 hatte sie beim Deutschland-Tag in Kiel übrigens spöttisch darauf verwiesen, wie der JU-Vorstand zusammengesetzt ist: „Eine kleine kritische Anmerkung sei erlaubt. Ihr geschäftsführender Bundesvorstand ist schön männlich. Aber 50 Prozent des Volkes fehlen. Frauen bereichern das Leben. glauben Sie mir, nicht nur privat, sondern auch politisch.“

Die JU hat seither mehr Frauen im Vorstand. Nur eben nicht in der ersten Reihe auf ihrem Deutschland-Tag. 50 Prozent des Volkes fehlen. Auf Wiedersehen, Volkspartei!

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Machtpoker

„Mir fehlt die Fantasie, wie die FDP in einer linken #Ampel ihr Gesicht wahren will.“

Paul Ziemiak, CDU-Generalsekretär in einem Tweet

Manchmal erscheint es für FDP-Chef Christian Lindner wie ein Fluch, dass er griffig formulieren kann. Sein Satz von 2017 zum jähen Abbruch der Jamaika-Sondierungen – es sei besser nicht zu regieren als falsch zu regieren – dürfte ihn bis an sein politisches Karriereende begleiten.

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Dass ihm im Bundestagswahlkampf die „Fantasie“ für eine Ampel fehlte, hat sich zumindest bei der CDU eingegraben. Deshalb versucht CDU-Generalsekretär Ziemiak wenigstens ein bisschen zu sticheln. Im Konrad-Adenauer-Haus hoffen sie weiter, dass Jamaika 2021 noch möglich ist, die FDP wollte das doch auch. Es wäre zugleich die Rettung der Union aus ihrer tiefen Krise nach der Wahlschlappe. Würde sie überraschend regieren müssen, könnte sie die Erneuerung aus Zeitgründen noch ein bisschen aufschieben.

Paul Ziemiak, CDU-Generalsekretär. © Quelle: Getty Images

Wie unsere Leserinnen und Leser auf die Lage schauen

An dieser Stelle haben Sie das Wort:

Anette Guilleaume aus Hürth zum Kommentar von Eva Quadbeck zu den Ampelgesprächen:

„Es gibt wohl keine Parteien, die mehr Gegensätze aufweisen und für eine Koalition zur Verfügung stehen als die Grünen und die FDP. ‚Über seinen Schatten springen‘ sagt man, wenn jemand etwas tut, obwohl es seinen eigenen Überzeugungen oder seinem Charakter widerspricht. Damit eine Koalition möglich ist, müssen immer Kompromisse geschlossen werden. Sofern sich die Grünen und die FDP aber einigen, müssen sich die Wählerinnen und Wähler dieser Parteien belogen und betrogen fühlen, weil beide Parteien niemals Kompromisse gegen ihre eigene Überzeugung schließen dürften, egal, wie diese geregelt werden. Zu groß sind die Gegensätze zu wichtigen Themen. Ich finde, dass ‚Über seinen Schatten springen‘ eine sehr moderate Umschreibung für ‚Betrug an den Wählerinnen und Wählern‘ ist. Sollten sich die Grünen und die FDP einigen, dann könnte Fridays for Future schon neue Termine für Proteste planen. Familienunternehmen und Firmen müssten wohl über ihre Standorte nachdenken. Welche Möglichkeit für eine Koalition gibt es noch? Ich weiß es leider nicht und bin froh darüber, dass ich bereits Rentnerin bin.“

Armin Hanser aus Köln zum Text von Thoralf Cleven über den Zapfenstreich:

„Ja, wo kommt er nun her, der Begriff Zapfenstreich? Auf einer Bierbrauereitour in Köln erzählte der Tourführer Folgendes: ,Um 22 Uhr machte ein Polizist (vielleicht auch ein Soldat) eine Kneipentour. Allerdings nicht, um Bier zu verköstigen (zu saufen), sondern um zu kontrollieren, ob die Kneipen um 22 Uhr mit dem Bierausschank aufhörten – denn die Arbeiterschaft sollte am nächsten Tag fit für die Arbeit sein. Zum Zwecke der späteren Nachkontrolle drehte er den Zapfhahn um und zog einen durchgehenden Kreidestrich teils über das Fass, teils über den Zapfhahn. Wenn also bei der Nachkontrolle die zwei Stiche nicht mehr exakt aneinander passten, sprich, der Zapfhahn zwecks Weiterzapfen wieder gedreht wurde, so soll folgende Vorgehensweise praktiziert worden sein: Der Polizist schlug – wie auch immer – den Fassboden kaputt, das Bier lief aus. Somit soll aus dem Begriff Zapfenstrich der Begriff Zapfenstreich entstanden sein‘.“

Der Große Zapfenstreich vor dem Bundestag. © Quelle: imago images/Stefan Zeitz

Rasmus Helt aus Hamburg zur Vergabe des Friedensnobelpreises:

„Die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis für zwei äußerst mutige Journalisten sollte in jedem Fall für alle Medienschaffende als Ansporn dafür dienen, vor allem das Wirken der eigenen gesellschaftlichen Eliten jederzeit kritisch, aber trotzdem fair zu hinterfragen. Ebenfalls den Klassiker des Journalismus namens Straßenreporter, der gerade an eher vernachlässigtem Ort genau hinschaut, wo vielen Menschen der Schuh drückt, und nicht nur im Internet recherchiert, zu reaktivieren. Deshalb gibt es hier nach wie vor ein nicht unerhebliches Potenzial für die Zeitungsbranche, auch wenn jener nicht selten von vielen Medienexperten angesichts sinkender Erlöse die Zukunftsfähigkeit abgesprochen wird.“

Das ist auch noch lesenswert

Eva Quadbeck über das Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP für eine Ampelkoalition.

Tobias Peter über Olaf Scholz, den er nach Washington begleitete.

Markus Decker über den Zapfenstreich für die Afghanistan-Veteranen.

Alisha Mendgen über den Shitstorm gegen die Grüne-Jugend-Sprecherin.

Das „Hauptstadt-Radar“ zum Hören

Das Autoren- und Autorinnenteam dieses Newsletters meldet sich am Dienstag wieder. Dann berichtet mein Kollege Markus Decker. Bis dahin!

Herzlich

Kristina Dunz

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