Die Macht wird im Hinterzimmer verteilt

  • Angela Merkel war die erste Frau, die in Deutschland das mächtige Bundeskanzleramt übernahm.
  • Doch am Ende ihrer Kanzlerschaft droht ein Rückfall in überholte patriarchale Strukturen.
  • Da hilft auch kein Weltfrauentag, sondern nur die alltägliche Auseinandersetzung um Gleichberechtigung.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist Montag, der 8. März – Weltfrauentag. Höchste Zeit, ein bisschen über Macht nachzudenken. Die Woche ist schließlich noch jung, man könnte fast meinen, alle Möglichkeiten stünden uns offen. Doch ist das wirklich so?

15 Jahre und drei Monate ist es nun her, dass Angela Merkel als erste Frau das wohl mächtigste Amt in der Bundesrepublik übernahm. So wie ich in einer Zeit groß wurde, in der zwar die Mauer fiel, der Kanzler aber fast schon trotzig immer weiter Helmut Kohl hieß, so können sich auch heute viele Jugendliche kaum vorstellen, dass es eine Zeit nach Angela Merkel geben kann. Doch sie wird kommen. Die Frage wird nur sein: Sind für die „Generation Merkel“ Macht und Geschlecht mittlerweile wirklich voneinander entkoppelt? Oder wirken nicht gerade in der Politik tradierte Mechanismen weiter, die es Frauen ungleich schwerer machen, nach oben zu kommen?

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Die Tür klemmt

„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, sagte Merkel einmal über die Tatsache, dass mit ihr zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Frau das mächtige Regierungsamt übernommen hatte. Die Bezeichnung als Feministin lehnte Merkel immer für sich ab. Vielmehr wollte sie eine Türöffnerin für andere Frauen sein, die nach der Macht greifen. Doch nach fast 16 Jahren Merkel klemmt die Tür für viele Frauen immer noch.

„In der Nach-Merkel-Union“, schreibt mein Kollege Markus Decker, „rücken Frauen wieder an den Rand.“ Unter den Aspiranten für Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur: nur Männer. Die Macht wird im Hinterzimmer verteilt. Zum Weltfrauentag hat sich Decker mit Linda Teuteberg getroffen. Die Liberale hat viel erlebt – und ertragen müssen: erst eine steile Karriere zur Generalsekretärin – dann den darauffolgenden Absturz inklusive sexistischer Bemerkungen, verkleidet als Herrenwitz, öffentlich vorgetragen von ihrem Parteivorsitzenden.

Woher kommen diese teilweise heftigen Reaktionen auf die Tatsache, dass im Jahr 2021 jede und jeder nach der Macht streben darf – völlig egal, welchen Geschlechts?

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„Frauen und andere politische Minderheiten sind dank des Internets sichtbar geworden und stellen die männliche Herrschaft infrage“, sagt dazu Susanne Kaiser, Autorin des Buches „Politische Männlichkeit“. Die Folge sei der „autoritäre Backlash“, so die Publizistin. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), fordert deshalb in einem Gastbeitrag für das RND: „Lassen Sie uns also die Art und Weise hinterfragen, wie wir unsere Führungsebenen gestalten, und für mehr Vielfalt in unseren Vorständen, Parlamenten und Regierungen sorgen.“ Sonst droht die Tür, die Merkel einst öffnen wollte, am Ende ihrer Kanzlerschaft mit lautem Knall wieder ins Schloss zu fallen.

Ist #MeToo am Ende?

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Seit fast 100 Jahren demonstrieren und kämpfen Frauen am 8. März, dem Internationalen Frauentag, für Gleichberechtigung. Aber was wurde erreicht?

Dass in Deutschland eine Frau im Kanzleramt und in den USA eine Vizepräsidentin im Weißen Haus angekommen ist, ist rein symbolisch betrachtet immerhin besser als nichts. Dass aber drei Jahre nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung und ein Jahr nach der Verurteilung von Harvey Weinstein der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo immer noch hofft, mit einer laxen Entschuldigung die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ihn wegwischen zu können, zeigt, wie stark der Widerstand des Patriarchats immer noch ist, schreibt mein Kollege Imre Grimm.

Wenn der Rückfall in alte Denk- und Rollenmuster droht, braucht es vor allem kluge Gegenkräfte. Aber brauchen wir dafür auch einen Frauentag? Nein, sagt meine Kollegin Dany Schrader, Mitglied der RND-Chefredaktion. Denn Gleichstellung muss zur Alltagsaufgabe werden. Ähnlich wie das Händewaschen. Dass beides überlebenswichtig ist, hat uns nicht nur die Pandemie gelehrt.

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Zitat des Tages

Wir wissen nicht einmal ansatzweise, wann diese Schnelltests in welchem Umfang von wem geordert und zu wem geliefert werden sollen.

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Hausarztverbandes, zu den Gratisschnelltests, die ab heute jedem Bundesbürger zur Verfügung stehen sollen
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Die Corona-Impfung einfach im Urlaub abstauben – geht es nach dem ein oder anderen Reiseanbieter, soll das bald möglich sein. Ein norwegischer Veranstalter wirbt mit einem Türkei-Urlaub samt Impfung für 1499 Euro, auch ein deutscher Veranstalter prescht vor. Experten sehen Impfreisen aber durchaus kritisch – und viele Fragen bleiben außerdem noch offen.

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