Die Macht der schönen Bilder

  • Mitunter schlägt das Optische das Politische: Ein schönes Bild wird eher wahrgenommen als 1000 kritische Worte.
  • US-Präsident Ronald Reagan machte sich den Effekt schon in den Achtzigern systematisch zunutze.
  • Die Methoden seines Teams beeinflussen bis heute Medienberater in aller Welt.
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Wenn US-Präsident Ronald Reagan irgendwo draußen im Land einen öffentlichen Termin hatte, rückten vorher nicht nur Sicherheitsexperten und Protokollbeamte an. Es erschienen auch, oft schon Wochen vorher, einige ganz besondere Spezialisten aus dem Weißen Haus: das “Advance Team”.

Es waren Leute, die immer wieder die Köpfe drehten. Mal starrten sie auf Gebäude, dann blinzelten sie in den Himmel. Einziges Thema dieser Truppe: Optik.

Von wo nach wo geht der Präsident genau, nachdem er aus dem Auto steigt? Aus welchem Winkel wird die Sonne scheinen, wenn er ans Rednerpult tritt? Auf welchen Punkt soll der Secret Service die Fotografen und Kameraleute dirigieren, damit sie eine möglichst eindrucksvolle Szenerie vor ihre Linsen bekommen?

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“Kameraleute sind teilweise auch Künstler”

William Henkel, Chef des “Advance Teams”, verkündete damals eine unter Medienberatern von Regierungen in aller Welt bis heute gültige Weisheit: An der vielleicht sehr kritischen Haltung vieler Journalisten könne man nichts ändern. Die Kameraleute aber seien ansprechbar – “denn sie sind nur teilweise Journalisten, teilweise aber auch Künstler”. Und an dem künstlerischen Teil könne man mit ihnen arbeiten: “Sie wollen gute Bilder.”

Am Ende zog dann in den acht Reagan-Jahren immer wieder ein professionelles Dream-Team eine Show ab. Die Regie führte Reagans oberster Medienberater Michael Deaver, ein Mann, dem Reagan blind vertraute und der hoch aufgehängt war in der Hierarchie des Weißen Hause, als stellvertretender Stabschef. Nichts ging an ihm vorbei, auch keine Kleinigkeit.

Anruf aus dem Weißen Haus

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In der Hauptrolle trat dann Reagan selbst auf die Bühne, ein in Hollywood erprobter, gelernter Schauspieler, der in jeder Minute zeigte, was er konnte. Die Kameraleute konnten mit ihm machen, was sie wollten, auch sehr nahe Aufnahmen seiner Mimik und Gestik. In jeder Minute wirkte dieser Mann entschlossen, aber ruhig, ernst, aber auch zuversichtlich, “presidential” eben.

Lesley Stahl war damals Korrespondentin des Senders CBS. Sie galt in Washington als “tough”. Doch als eines Tages der aus ihrer Sicht bisher kritischste Beitrag über Reagan über den Sender ging und sie auf Reaktionen gespannt war, bekam sie einen verwirrenden Anruf aus dem Weißen Haus: Man wolle sich nur kurz herzlich bedanken, sagte einer von Reagans Mitarbeitern. CBS habe ja gerade “vier Minuten lang Superbilder von Reagan” gesendet, und das auch noch kostenlos.

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Hallo Welt: Für eine Rede des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan wird im Juni 1987 eigens eine Bühne vor dem Brandenburger Tor aufgebaut. Eine Öffnung direkt hinter dem Rednerpult gibt den Blick frei auf die Berliner Mauer. Reagan sagt bei diesem Auftritt seine berühmten Worte, an Michail Gorbatschow gerichtet: „Tear down this wall“ (Reißen Sie diese Mauer nieder).  @ Quelle: Günter Schneider/Imago Images

Reagan in Berlin: Die Mauer musste mit ins Bild

Tatsächlich hatte Stahl sich soeben ins Knie geschossen. Ihr Beitrag sollte enthüllen, wie Michael Deavers Medienmaschinerie im Weißen Haus immer wieder irreal gute Bilder von Reagan erzeugt – und wie kritisch das alles zu sehen sei.

Tatsächlich war aber sogar in diesem Fall die positive Wirkung der Bilder mächtiger als die der Worte. Ein Reagan-Mitarbeiter sagte ihr frohlockend: “Die Bilder sind es doch, die zählen – die Leute hören nicht auf das, was Sie kommentieren, wenn die Bilder ihnen etwas anderes sagen.” Tests mit ausgedrehtem Ton ergaben später tatsächlich, dass viele Menschen den von Stahl gezeigten Beitrag für einen Werbespot des Präsidenten hielten.

Reagan und seine Medienmeister gewannen nicht nur zwei Wahlkämpfe, 1980 gegen Jimmy Carter und 1984 gegen Walter Mondale. Sie veränderten stimmungsmäßig die ganze Welt.

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Die selbstbewusste Ausstrahlung Reagans erreichte ihren Höhepunkt 1987 mit einem unvergessenen Bild aus Berlin. Da stand erstmals ein amerikanischer Präsident und klagte nicht nur wie seine Vorgänger über Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl, sondern wies einen Weg in die Zukunft. Reagan sagte, der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow solle, wenn er Wandel wolle und Liberalisierung, zu diesem Tor kommen und es öffnen: “Mr. Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor. Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder.”

Die Bilder und die Rede erzeugten Vibrationen, die um den ganzen Globus gingen. Jene, die sich angesichts der Rede spontan an die Stirn getippt hatten, wurden nachdenklich, als zwei Jahre später die Mauer tatsächlich fiel.

Die Bilder von Reagans Berlin-Auftritt ergaben sich nicht von selbst. Sound, Beleuchtung, Sicherheit – alles war doppelt und dreifach gecheckt. Das im Freien aufgebaute Podium, an dem auch deutsche Politiker saßen, darunter Kanzler Helmut Kohl und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, hätte in weiten Kameraeinstellungen auf Fernsehschirmen vor dem kontrastreichen Ostberliner Hintergrund verloren und unaufgeräumt gewirkt. Da half, wie so oft, eine klammernde blaue Wand. Andererseits sollte natürlich wenn Reagan spricht, die Mauer auch zu sehen sein. So schuf man in der Mitte eine mehrere Meter breite Aussparung, mit schusssicherem Glas: Das “Advance Team” baute für das professionelle Schauspiel eine professionelle Bühne.

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Verwundert rieben sich damals deutsche Politiker die Augen: So viel Show war nie. Ist das jetzt der Zug der Zeit?

Dem Pfälzer Kohl war alles, was nach Show aussah, suspekt. Er entfaltete seine Macht lieber hinter den Kulissen, anfangs in Deutschland, später quer durch Europa.

Doch wie groß die Macht öffentlicher Bilder sein kann, lernte er 1984. Als Kohl neben dem Präsidenten François Mitterrand vor den Soldatengräbern in Verdun stand, begann der Franzose, nach seiner Hand zu greifen. Kohl fasste ebenfalls beherzt zu und blieb Hand in Hand mit Mitterrand stehen – beide Männer, die noch den Krieg erlebt hatten, waren zutiefst gerührt, das Publikum ebenso.

“Das war eine ganz spontane Geste”, berichtete Mitterrand später. Das Bild brannte sich ein ins kollektive Gedächtnis, wie Willy Brandts Kniefall in Warschau im Jahr 1970.

Ein Trugbild: Trump und Kim

Knurrend gab Kohl nach, wenn ihm fortan in Bonn sein Medienberater Andreas Fritzenkötter sagte, er müsse auch mal Bilder jenseits des Alltäglichen zulassen. Zur sommerlichen Routine gehörten bald die sattsam bekannten Motive vom Wolfgangsee: Kohl mit Ehefrau in einem Ruderboot. Kohl mit einem Hund. Kohl mit einer Ziege. Viele schüttelten sich angesichts dieser Spießigkeit. Kohls Leute im Kanzleramt aber freuten sich, mit einem auf diese Art stabilisierten Image alle Jahre wieder Stetigkeit und Normalität ihres Allerhöchsten dokumentieren zu können, von 1982 bis 1998. Hannelore Kohls Suizid im Jahr 2001 warf dann einen langen Schatten auf die jahrelang ablegten Bilder der glücklichen Familie.

Image heißt: Bild. Und Bilder nehmen den Menschen stärker und schneller ein als jedes Wort.

Schon nach Millisekunden entscheidet unser Hirn, wer oder was uns sympathisch ist – und wen oder was wir ablehnen oder gar gefährlich finden. In dieser Schnelligkeit lag vor Jahrtausenden, als wir noch Jäger waren und Gejagte zugleich, ein Selektionsvorteil.

Handschlag zwischen Trump und Kim Jong-un

Heute allerdings begünstigt das hohe Tempo Trugschlüsse. Von “vividness bias”, einer Voreingenommenheit aufgrund der Lebendigkeit, sprechen Fachleute. Oft legen uns Bilder einen Schluss nahe, den wir besser nicht ziehen sollten.

Als Donald Trump und Kim Jong-un im Juni 2018 händeschüttelnd in Singapur vor den Medien der Welt auftraten, sahen viele einen Wendepunkt gekommen in dem jahrzehntealten Konflikt um Nordkorea. In Wahrheit war nur ein Punkt erreicht, an dem es sowohl für den US-Präsidenten wie auch für den nordkoreanischen Diktator gerade nützlich erschien, dem jeweils anderen die Hände zu schütteln. Außer Spesen ist nichts gewesen: Kim baut und testet längst wieder Raketen und Atombomben, wie in alten Zeiten.

US-Präsident Donald Trump (l.) und Diktator Kim Jong Un im koreanischen Grenzdorf Panmunjom.

Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine posierten im Sommer 1987 wie beste Freunde, mit ihren Frauen und in Freizeitkleidung, hoch über der Saarschleife. Die Sonne schien, die für die Fotografen gewählte Kulisse war von triefender Schönheit. “Zwischen uns beide passt kein Blatt Papier”, lautete damals die von beiden ausgesandte Botschaft – das Ende ist bekannt.

Eine stumme Umarmung genügt

Mitunter ist sehr viel Berechnung im Spiel, wenn Politiker sich fotografieren lassen. Reist etwa ein Minister in ein Krisengebiet, “um sich ein Bild von der Lage zu machen”, geht es in Wahrheit oft darum, dass man im Krisengebiet ein Bild von ihm macht. Karl-Theodor zu Guttenberg etwa löste als Verteidigungsminister eine stilistische Debatte aus, als er sich in Afghanistan in einer talkshowhaften Kulisse an der Seite von Johannes B. Kerner interviewen ließ. Krisenzeiten erfordern Gratwanderungen. Einerseits müssen Regierende sich blicken lassen, andererseits dürfen sie nicht den Eindruck erwecken, sie wollten aus einer Katastrophe Gewinn ziehen. Schröder bekam das im Jahr 2002 gut hin; die damalige Bundestagswahl hätte er nicht noch mal knapp gewonnen, wenn er nicht vor der Kulisse des Elbe-Hochwassers als Kümmerer aufgetreten wäre, im Parka und mit Gummistiefeln.

Politiker müssen nicht unbedingt etwas sagen, um Gutes zu bewirken. Wirkmächtige Bilder reichen. Die stummen Umarmungen, mit denen Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern die Hinterbliebenen des Terrors von Christchurch tröstete, ließen eine ethnisch und religiös sehr diverse Nation zusammenrücken. Auch George W. Bush leistete nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dazu einen – in Europa oft verkannten – Beitrag. Einer seiner ersten Wege führte Bush in eine Moschee, er wollte religiösen Spannungen vorbeugen.

Es war die Zeit, in der amerikanische Präsidenten noch daran arbeiteten, ihre Nation zu einen, auch mit der Macht der Bilder.

“Staat, Sex, Amen”
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